Thailand
thailand1.jpgHub Mee Chang mit ihrer Enkelin Mia Min in ihrem kleinen Laden. Der ist kaum größer als eine Garage, bringt ihr aber ein Zusatzeinkommen und vor allem Kontakt zu Menschen.

Martin Schmid

Thailand

Abkehr vom „schlechten Karma“

Menschen mit Behinderung werden in der thailändischen Gesellschaft oft ausgegrenzt. Seit einigen Jahren aber tut sich etwas in Sachen Inklusion.

Wer in Thailand über das Thema Behinderung spricht, bricht damit ein Tabu. Denn viele Menschen glauben, dass Krankheit und Behinderung durch „schlechtes Karma“ verursacht werden, das der Betroffene selbst oder jemand von seinen nahen Angehörigen zu verantworten haben. „Es gibt im Ort gar keine Menschen mit Behinderung. Man sieht nie Betroffene auf der Straße“, meint etwa Devdat Kumar, ein indischer Einwanderer, der seit vielen Jahren in Thailand lebt.

Gemeinsam mit seiner thailändischen Freundin führt er in Klong Muang (Provinz Krabi) einen kleinen touristischen Betrieb, der direkt an der Uferstraße eines langen Sandstrands liegt. Er glaubt, dass die touristische, vergleichsweise teure Gegend kein Ort für behinderte Menschen sei. Die Betriebe hier, vor allem Restaurants, Massagepraxen oder Verkaufsstände, seien oft klein und müssten hohe Mieten bezahlen. Gleichzeitig könnten sie sich aber wegen der hohen Arbeitslosigkeit ihre Mitarbeiter aus vielen Bewerbern aussuchen. „Warum sollten sie sich also für behinderte Angestellte entscheiden?“, fragt sich Kumar. Zwar sind behinderte Menschen im thailändischen Alltag kaum zu sehen. Doch die Regierung geht von 2,1 Millionen Menschen mit Behinderung aus. Bei einer Gesamtbevölkerung von knapp 70 Millionen sind das rund 3,3 Prozent.  

Betroffene gibt es auch in Klong Muang. Nicht einmal einen Kilometer von der Küstenstraße entfernt betreibt Hub Mee Chang einen kleinen Laden, in dem sie Wasser, Süßigkeiten und ein paar Konserven verkauft. Sie ist 63 Jahre alt und sitzt wegen einer von Diabetes verursachten teilweisen Beinamputation seit sechs Jahren im Rollstuhl. Aufgrund ihrer Behinderung bekommt sie monatlich 800 Bath (circa 23 Euro) staatliche Unterstützung. „Das Geld zu beantragen war nicht leicht, aber mein Mann hat mir geholfen“, sagt sie. Er besorgt auch die Waren für sie, die sie später verkauft. 

 Das Integrationscafé im Zentrum von Bangkok zeigt, wie inklusive Betriebe funktionieren können.Martin Schmid

Menschen mit Behinderung haben meist nur einen niedrigen Bildungsabschluss

Trotz der Unterstützung reicht das Geld hinten und vorne nicht. Immerhin: Der Laden, der kaum größer als eine Garage ist, bringt ein kleines Zusatzeinkommen. Den Rollstuhl bekam sie privat geschenkt, erzählt sie – von jemandem, der ihn nicht mehr brauchte. Chang, die das Haus nicht mehr verlässt, macht trotz aller Widrigkeiten einen zufriedenen Eindruck. „Ich betreibe diesen Laden sehr gerne. Der Kontakt zur Außenwelt ist mir wichtig.“

Darüber hinaus kümmert sich Chang tagsüber um ihre Enkelin Mia Min. Die ist halbseitig gelähmt und aufgrund einer geistigen Behinderung entwicklungsverzögert. Changs Tochter und ihr Schwiegersohn sind beide berufstätig, weswegen sie sich nicht selbst um Mia kümmern können. Die Neunjährige ging bisher nicht zur Schule. Es gäbe zwar eine geeignete Bildungseinrichtung in der Provinzhauptstadt Krabi, die sie grundsätzlich aufnehmen könnte, doch diese war in den vergangenen zwei Jahren wegen der Corona-Pandemie meist geschlossen. Außerdem ist sie über zwanzig Kilometer entfernt und damit für Mia Min kaum zu erreichen. 

Das Schicksal von Mia Min ist kein Einzelfall. Weite Schulwege, hohe Kosten und mangelnde Inklusionsbemühungen an den Schulen, eine zögerliche Haltung der Familien in Bezug auf die Potentiale der Kinder: Es gibt viele Gründe, die der Bildungsgerechtigkeit im Wege stehen. Menschen mit Behinderung haben daher in Thailand meist nur einen niedrigen Bildungsabschluss. Das Problem ist auch im von Klong Muang 800 Kilometer entfernten Bangkok bekannt. Neue Behördendaten zeigen, dass zwei Drittel der Menschen mit Behinderung lediglich die Elementarschule (sechs Schuljahre) und nur 12 Prozent eine weiterführende Schule (Sekundarstufe oder mehr) besucht haben. Bei knapp einem Viertel gibt es keine Informationen über den Bildungsabschluss, oder sie haben keine Schule besucht.

Nur 37 Prozent der Menschen mit Behinderung haben Arbeit

Nantanoot Suwannawut ist im thailändischen Bildungsministerium unter anderem für die speziellen Belange von behinderten Schülern zuständig. Sie hat einen Doktortitel in Informationswissenschaften und ist selbst blind. Die Probleme, mit denen behinderte Menschen in Thailand zu kämpfen haben, kennt sie nur zu gut. Immerhin verweist sie auf einige Fortschritte der letzten Jahre: So ist zwischen 2019 und 2021 der Anteil der Menschen mit Behinderung, die zumindest die Elementarschule besucht haben, um rund acht Prozent angestiegen. 

 Zwei Mitarbeitende im Inklusionscafé in Thailand.Martin Schmid

Nach wie vor aber steht die schlechte Bildungssituation von Menschen mit Beeinträchtigung der Integration in den Arbeitsmarkt im Weg. Nach den Daten des Ministeriums für Soziale Entwicklung und Menschliche Sicherheit (MSDHS) verfügten 2021 lediglich knapp 37 Prozent der Menschen mit Behinderung über Arbeit oder eine informelle Beschäftigung. Der größte Anteil davon, mehr als die Hälfte, arbeitet in der Landwirtschaft, gefolgt von selbstständiger Tätigkeit im eigenen Unternehmen (28,5 Prozent).
Zugleich bemüht sich die Regierung, die Situation von Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Einen vielversprechenden Ansatz verfolgt das Asia-Pacific Development Center on Disability (APCD). An der Gründung dieser Regionalorganisation waren im Jahr 2001 mehr als 30 Länder der Asien-Pazifik-Region beteiligt. Zudem wurde sie von Beginn an von der thailändischen Regierung, dem Königshaus und besonders stark auch von Japan unterstützt. 

Das APCD betreibt in Bangkok ein überbetriebliches Ausbildungszentrum, welches behinderte Menschen mit dreimonatigen Lehrgängen auf die Berufswelt vorbereiten soll. Derzeit sind drei im Angebot: Servicearbeiten in Hotels, Backgewerbe oder Restaurantbetrieb. Jedes Jahr können hier circa 90 Menschen mit Behinderung eine Ausbildung absolvieren. Somchai Rungsilp, Manager des Department of Empowerment of Persons with Disabilities beim APCD, ist stolz auf die Entwicklung. „Regelmäßig werden alle Absolventen dieser Lehrgänge übernommen“, freut er sich. Um zu zeigen, wie gut inklusive Betriebe funktionieren können, betreibt der APCD auf seinem Gelände in zentraler Lage in Bangkok eine eigene Bäckerei mit Café und ein Restaurant.

Viele Unternehmen befassen sich lieber nicht mit Inklusion

Das Angebot der Berufsvorbereitung findet auch deshalb großen Anklang bei thailändischen Arbeitsgebern, weil diese seit 2007 per Gesetz ein Prozent der Arbeitsplätze mit Menschen mit Behinderung besetzen müssen. 13.500 thailändische Betriebe waren im Jahr 2021 von dieser Regelung betroffen. Wenn sie die Pflichtstellen nicht besetzen, müssen sie Ausgleichszahlungen oder andere Hilfsangebote für Menschen mit Behinderung leisten, die auch im internationalen Vergleich erheblich sind. Ein Unternehmen muss laut Gesetz für jeden Arbeitsplatz, der nicht regelkonform mit einer behinderten Person besetzt ist, Ausgleichszahlungen in Höhe des nationalen Mindestlohns zahlen. Dieser liegt derzeit bei jährlich 114.000 Baht (3400 Euro). 

Dass sich derzeit trotzdem noch die meisten Arbeitgeber für vergleichsweise hohe Ausgleichszahlungen oder eine andere Form der finanziellen Abgeltung entscheiden, offenbart neben dem Mangel an Ausbildungsmöglichkeiten für behinderte Menschen möglicherweise auch einen Mangel an unternehmerischem Weitblick und Kreativität. Viele Unternehmen befassen sich lieber nicht mit Inklusion, weil sie den Aufwand scheuen und zu wenig das Potenzial wachsender Diversität in der Mitarbeiterschaft sehen.

Autor

Martin Schmid

ist Volkswirt und arbeitet seit zwanzig Jahren in der Finanziellen Zusammenarbeit mit Entwicklungsländern. Er ist sehbehindert und hat In einer beruflichen Auszeit in Thailand zum Thema Inklusion von Menschen mit Behinderung recherchiert.
Augenfällig ist das Beispiel des Tourismussektors. Mit 20 Prozent der nationalen Wertschöpfung ist er eine wichtige Einkommensquelle für Thailand. Da die meisten Touristen aus China, Europa oder Japan kommen und immer älter werden, rechnet man damit, dass ihre Anforderungen in Zukunft verstärkt auf Barrierefreiheit ausgerichtet sein werden. Mehr Diversität bei den Mitarbeitern könnte helfen, das Gesicht der thailändischen Betriebe nach außen zu verändern und die Weichen auf Inklusion zu stellen. So könnten zum Beispiel zu steile und deswegen nicht nutzbare Rollstuhlrampen zu Hotels oder Restaurants in Zukunft an die tatsächlichen Bedürfnisse von behinderten Menschen angepasst werden.

Thailand als einer der ersten Staaten, die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet

Die Meinung, dass insbesondere der Dienstleistungssektor gut daran täte, mehr Menschen mit Behinderung zu beschäftigen, vertritt seit geraumer Zeit Senator Monthian Buntan, der seit 2008 im thailändischen Senat sitzt. Er ist ein charismatischer Verfechter von Inklusion und hat Anfang der 2000er-Jahre dafür gekämpft, dass die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen (CRPD) zustande kam und dass Thailand diese als einer der ersten Staaten unterschrieben und ratifiziert hat. Er betont, dass eigentlich genug Geld für die Verbesserung der Inklusion vorhanden sei. „Wir benötigen aber dringend die Privatwirtschaft, wenn es darum geht, die für Inklusion zur Verfügung stehenden Gelder zu verwalten und entsprechend auszugeben“, sagt er. Denn im Privatsektor entstehe das Gros der Arbeitsplätze. Der Staat alleine, der allerdings den gesetzlichen Rahmen für Inklusion schaffen muss, wird die Inklusion von Menschen mit Behinderung nicht schaffen können, ist sich Buntan sicher.

Die thailändische Vertreterin im Expertengremium zur Überwachung der UN-Behindertenrechtskonvention, Saowalak Thongkuay, findet, dass das Land in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte bei der Inklusion gemacht hat. So steht der Grundsatz, dass Menschen aufgrund ihrer Behinderung nicht diskriminiert werden dürfen, in der Verfassung und spiegelt sich in vielen Gesetzestexten und Verordnungen wider. Thongkuay sieht den erforderlichen Wandel in Thailand vor allem im kulturellen und gesellschaftlichen Bereich.

„Einer Frau mit Behinderung wird einfach nichts zugetraut“

Mit Bezug auf ihre eigene unfallbedingte Behinderung sagt sie: „Einer Frau mit Behinderung wird einfach nichts zugetraut. Kaum sitzt du im Rollstuhl, haben dich deine Familie und die Gesellschaft abgeschrieben.“ Freunde und Bekannte kämen dann mit den verrücktesten Hilfsangeboten auf Betroffene zu. Das wohlmeinende Geschenk von abgetragener Kleidung oder Lebensmitteln sei dabei oft Ausdruck von Hilflosigkeit, aber meist völlig fehl am Platz. Es koste viel Energie und psychische Stärke, sich aus dem Wohlfahrtsgedanken zu lösen und der Außenwelt klar zu machen, dass man weiterhin ein wertvoller Mensch ist. Thongkuay, die seit 2020 im renommierten UN-Expertengremium zur Überwachung des CRPD sitzt, hat all denen, die in ihrem Umfeld (Familie, Freunde, Bekannte) an Ihren Fähigkeiten gezweifelt haben, eine wichtige Lektion erteilt. Sie gehört heute in Thailand zu den wesentlichen Personen, die die Situation von behinderten Menschen im eigenen Land und auch weltweit verbessern helfen. 

Die Idee, dass Behinderung von schlechtem Karma verursacht wird, hält Thongkuay übrigens für eine Fehlinterpretation religiöser und gesellschaftlicher Überzeugungen. Immer mehr behinderte Menschen in Thailand sehen das genauso. Den Schuh des schlechten Karmas wollen sie sich nicht mehr anziehen. Sie lassen ihn daher, wie die anderen Schuhe auch, lieber vor ihrer Wohnung stehen.
 

erschienen in Ausgabe 7 / 2022: Das Zeug für den grünen Aufbruch

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