Vermittler zwischen den Welten

Ein Film folgt den den Spuren des islamischen Vordenkers Muhammad Asad

In Zeiten, in denen muslimischer Fundamentalismus und latente Islamfeindlichkeit aufeinander prallen, werden Stimmen der Verständigung immer wichtiger. Ein solcher Vermittler zwischen Abendland und Morgenland, Christentum und Islam war Muhammad Asad (1900 bis 1992), ein konvertierter Jude aus Galizien, der eigentlich Leopold Weiss hieß. Der österreichische Regisseur Georg Misch hat den bedeutenden islamischen Theologen in einem facettenreichen Dokumentarfilm porträtiert. Entstanden ist ein sehenswertes biographisches Puzzle, das vor allem die Relevanz von Asads Schriften für die heutige globalisierte Welt deutlich macht. Der Film läuft am 27. November in den deutschen Kinos an.

Leopold Weiss wird 1900 in Lemberg in der heutigen Ukraine als Sohn einer Rabbiner-Familie geboren. Er wächst in Wien auf und arbeitet später als Journalist in Berlin. 1922 reist er erstmals nach Palästina, wo ihn die Spiritualität des Islam fasziniert. Vier Jahre später konvertiert er und nimmt den Namen Muhammad Asad an. Nach seiner ersten Pilgerreise nach Mekka lebt er sechs Jahre am saudi-arabischen Königshof und betreibt intensive Koran-Studien. In den 1930er Jahren geht Asad nach Indien, wo er wegen seines österreichischen Passes während des Zweiten Weltkrieges interniert wird.

Als Indien 1947 unabhängig wird, hilft Asad bei der Gründung des islamisch geprägten Staates Pakistan und wird 1949 erster pakistanischer Botschafter bei den Vereinten Nationen in New York. Drei Jahre später tritt er zurück und schreibt die erfolgreiche Autobiographie “Der Weg nach Mekka”, die 1955 auf Deutsch erscheint. Mit dem Buch möchte er den tief verwurzelten Vorurteilen im Westen gegenüber dem Islam entgegenwirken. Um Europa wieder näher zu sein, lässt sich Asad 1963 in Marokko nieder. Dort verfasst er in 17-jähriger Arbeit eine englisch kommentierte Übersetzung des Koran, die von vielen Kennern als die genaueste angesehen wird, die es derzeit gibt. Seine letzten Lebensjahre verbringt Asad in Andalusien.

Der Film folgt den Spuren des Journalisten, Linguisten, Übersetzers, Diplomaten und Theologen von Lemberg über Wien, Palästina, Saudi-Arabien, Pakistan, New York und Marokko bis nach Spanien. Aufnahmen aus alten Fotoalben und Schrifttafeln mit Asad-Zitaten werden mit Aussagen seines Sohnes Talal Asad, Wegbegleitern und Zeitzeugen sowie Impressionen der Gegenwart an den sieben Lebensstationen kombiniert. In seinem Film arbeitet Misch die Unterschiede zwischen damals und heute heraus und beleuchtet zugleich das Verhältnis zwischen der islamischen Welt und dem Westen.

In einer Schlüsselszene konfrontiert der Autor Asads jugendliche Schwärmerei für die Beduinen mit der heutigen Armut der Araber im Westjordanland, die sogar das Reiten auf Kamelen verlernt haben. Diese Beduinen sehen direkt auf die neue Grenzmauer, die ein Berater der israelischen Regierung vor der Kamera als unumgänglich rechtfertigt. Die heutigen Verhältnisse bestätigen die Weitsicht des Universalisten Asad, der schon in den 1920er Jahren vor den schwerwiegenden Folgen eines nationalistischen Zionismus warnte.

Der Film belegt, dass Asad den Islam als friedvolle, nach Ausgleich strebende und die Schwachen unterstützende Religion deutet. Vor allem seine historisch-kritische Interpretation des Koran verdeutlicht seinen reformtheologischen Ansatz. Darin kommt er etwa zu dem Schluss, dass eine islamische Demokratie dem Koran nicht widerspricht.

Bei aller Sympathie für Asads Anliegen lässt Misch auch Kritiker und Gegner von dessen liberalen Ansichten zu Wort kommen. In einigen islamischen Ländern sind die Schriften des Theologen sogar verboten. Auch Asads späte Resignation verschweigt der Regisseur nicht. Kurz vor seinem Tod resümiert der Vordenker: „Ich habe mich in den Islam verliebt, aber ich habe die Muslime überschätzt.” Inzwischen ist er zumindest in Wien zu öffentlichen Ehren gekommen: Die dortige UNO-City hat seit einem Dreivierteljahr einen Muhammad-Asad-Platz.

Reinhard Kleber

welt-sichten 11-2008

 

erschienen in Ausgabe 11 / 2008: Drogen: Profit, Gewalt und Politik