Ungesunde Wärme

Der Klimawandel birgt Gesundheitsgefahren – weltweit. Doch die Lasten sind ungleich verteilt. Die Gesundheitssysteme in Industrieländern können sich darauf einstellen; ärmere Länder brauchen Unterstützung, um ihre medizinischen Dienste widerstandsfähiger zu machen. Gleichzeitig gilt: Vorbeugen ist die beste Medizin.

Die Asiatische Tigermücke lebt jetzt auch in Südbaden. Das ist keine gute Nachricht: Die schwarz-weiß gestreiften Insekten sind in den Tropen als Überträger von mehr als 20 Viren bekannt. Darunter befindet sich auch der Erreger von Denguefieber, das mit starken Muskel- und Gliederschmerzen einhergeht und tödlich verlaufen kann. Andere Tropenkrankheiten wie Malaria und das West-Nil-Fieber werden ebenfalls seit einiger Zeit immer häufiger in nördlicheren Breiten beobachtet, zuletzt in Griechenland und Tunesien.

Die Gründe: Zum einen reisen immer mehr Menschen an exotische Urlaubsziele und bringen bei ihrer Rückkehr die Viren als unerfreuliches Souvenir mit. Zum anderen machen Wissenschaftler die fortschreitende Erderwärmung mit dafür verantwortlich, dass sich die Asiatische Tigermücke nun auch im Norden heimisch fühlt. Bislang gibt es weder eine Impfung noch eine Therapie gegen Denguefieber. Als Schutz bleibt Antimückenspray.

Autorin

Gesine Kauffmann

ist Redakteurin bei "welt-sichten".

Fachleute sind sich inzwischen weitgehend einig, dass sich der Klimawandel schädlich auf die Gesundheit auswirkt – wobei die Prognosen mit Unsicherheiten behaftet sind. Für die Industrieländer befürchten sie neben der Ausbreitung tropischer Infektionskrankheiten unter anderem eine Zunahme von Allergien. Denn bei milderen Temperaturen können sich die Blühzeiten von Birke und Haselnusssträuchern verlängern. Auch die Verbreitung von Zecken könnte zunehmen und damit die Zahl der Borreliose-Erkrankungen und der Hirnhautentzündungen.

Deutschland ist auf mögliche Hitzewellen vorbereitet

Neben die indirekten Folgen der Erderwärmung treten direkte Auswirkungen. Infolge von Unwettern, Überschwemmungen nach Starkregen, Wirbelstürmen und Hitzewellen – deren Ausmaß und Häufigkeit zunehmen – werden immer mehr Menschen verletzt oder verlieren ihr Leben. Im extrem heißen Sommer 2003 seien in Westeuropa rund 70.000 Menschen an Herz- und Kreislauferkrankungen gestorben, erläutert Winfried Zacher von der Umweltorganisation Germanwatch. Allein in Deutschland waren es 9000 Tote – trotz des gut ausgebauten Gesundheitssystems.

Inzwischen ist man besser vorbereitet. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hat ein Frühwarnsystem eingerichtet. Es hilft Bundesländern und Landkreisen, bei bevorstehenden Hitzeperioden Vorsorge für Risikogruppen wie ältere oder herzkranke Menschen zu treffen. Umgekehrt gilt aber auch: Höhere Temperaturen auf der nördlichen Erdhalbkugel könnten laut Prognosen die Zahl der kältebedingtenKrankheiten und Todesfälle senken.

Zuletzt hat der Hurrikan „Sandy“ Anfang November deutlich gemacht, wie verwundbar selbst eine hoch entwickelte Industrienation wie die Vereinigten Staaten durch Naturgewalten ist. Mehr als hundert Menschen kamen in dem Sturm ums Leben. Zugleich zeigt „Sandy“, dass die Gesundheit der Menschen zwar im Norden und im globalen Süden unter dem Klimawandel leidet – aber in völlig anderem Ausmaß. Zwar mussten in New York zwei Krankenhäuser evakuiert werden, weil die Stromversorgung zusammengebrochen war. Aber es fanden sich Ausweichquartiere für die Patientinnen und Patienten.

Nach "Sandy" steig in Haiti die Zahl der Cholerakranken

In Haiti dagegen traf der Hurrikan auf eine Bevölkerung und eine Infrastruktur, die sich noch immer nicht völlig von dem verheerenden Erdbeben im Januar 2010 erholt haben – und bereits davor schon ungleich verletzlicher waren als in den USA. Prompt stieg laut „Ärzte ohne Grenzen“ nach dem Durchzug von „Sandy“ die Zahl der Cholera-Kranken nach einer noch nicht ganz überstandenen Epidemie erneut. In weiten Teilen des Landes sind die Ernten zerstört, und Lebensmittel werden knapp. Viele Haitianer werden nicht genug zu essen haben, befürchten Hilfsorganisationen – das schwächt den Körper und das Immunsystem und kann krank machen. 

Während sich die Gesundheitssysteme in den reichen Ländern bereits auf die mögliche Ausbreitung von Infektionskrankheiten, häufigere Hitzewellen oder die Zunahme von Allergien einstellen, seien arme Länder mit den Folgen des Klimawandels für die Gesundheit ihrer Bevölkerung völlig überfordert, warnen Experten. Hier nähmen Malaria und Denguefieber ebenfalls zu. Aber auch die Zahl der Durchfallerkrankungen, die von schmutzigem Wasser infolge von Überschwemmungen ausgelöst werden, werde künftig voraussichtlich steigen ebenso wie Mangelernährung und Untergewicht, die bereits jetzt nicht ausreichend behandelt werden könnten.

Damit arme Länder damit besser fertig werden, müssten die Basisgesundheitsdienste ausgebaut werden, fordert der Leiter der Tropenmedizin der Missionsärztlichen Klinik Würzburg, August Stich. Zugleich plädiert er für integrierte Anpassungsprogramme. In Zentralnigeria haben er und seine Kollegen etwa eine Zunahme von Rachitis-Erkrankungen beobachtet. Die Knochenkrankheit wird durch zu wenig Vitamin D und Kalzium im Blut verursacht. „Aufgrund des Klimawandels sind die Böden degradiert und die Nahrungspflanzen enthalten weniger Mineralstoffe“, erklärt er. Deshalb müssten Lösungen gefunden werden, die Landwirtschaft, Umweltschutz, Ernährung und Gesundheit einschließen.

„Wir brauchen Leute, die über den Tellerrand ihres Arbeitsgebietes hinausschauen“, sagt der Tropenmediziner. Das geschehe bislang zu wenig. Zugleich bemerkt er bei den Partnern der Würzburger Klinik etwa in Afrika eine wachsende Sensibilisierung für die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit. Andreas Stadler von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) sieht eine ähnliche Entwicklung auf internationaler Ebene und bei den Regierungen des Südens.

WHO sieht Klimawandel als größte Herausforderung

Die Direktorin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Margret Chan, bezeichnete vor vier Jahren den Klimawandel als größte Herausforderung für die Gesundheit im 21. Jahrhundert. 2009 verabschiedete ihre Organisation einen Arbeitsplan, mit dem sie Regierungen weltweit für das Thema sensibilisieren, die wissenschaftlichen Erkenntnisse über Zusammenhänge fördern und die Gesundheitssysteme stärken will.

Derzeit verwirklicht sie gemeinsam mit dem deutschen Umweltministerium in sieben osteuropäischen Ländern ein Projekt, mit dem die gesundheitlichen Bedrohungen durch den Klimawandel erfasst und die Gesundheitssysteme gezielt darauf vorbereitet werden sollen. In Mazedonien werden Aktionspläne für Hitzewellen entwickelt, in Usbekistan soll die Luftqualität verbessert und damit die Zahl der Lungenerkrankungen reduziert werden. In Albanien sollen Krankenhäuser und Gesundheitsstationen in die Lage versetzt werden, in Katastrophen schneller und besser zu reagieren. 

Ende Oktober dieses Jahres hat die WHO zudem gemeinsam mit der Weltorganisation für Meteorologie einen Atlas herausgegeben, der die Gesundheitsgefahren angesichts des Klimawandels illustriert und zugleich zeigt, wie Informationen über das Wetter und die Temperaturen den Gesundheitsschutz verbessern können. So sei es etwa in Bangladesch gelungen, mit Hilfe von Frühwarnsystemen die Zahl der Todesopfer bei Wirbelstürmen von einer halben Million 1970 auf 3000 im Jahr 2007 zu verringern.

In ärmeren Ländern sehen die Experten aber noch großen Nachholbedarf. Laut WHO haben zwar mehr als 95 Prozent der am wenigsten entwickelten Länder erklärt, das Gesundheitswesen müsse bei der Anpassung an den Klimawandel Vorrang haben – aber nur ein Drittel von ihnen verfügt über Pläne, die Risiken zu erheben und darauf angemessen zu reagieren. Und während der Klimawandel dem Gesundheitsbereich weltweit gesehen laut Schätzungen jährliche Kosten zwischen zwei und vier Milliarden US-Dollar zusätzlich aufbürdet, stehe aus den verschiedenen Fonds zur Klimafinanzierung weniger als ein Prozent dieser Summe zur Verfügung, um die Gesundheitssysteme widerstandsfähiger zu machen.

Der GIZ-Experte Andreas Stadler erklärt, es sei für Entwicklungsländer vor allem schwierig, sich auf einen plötzlichen Bedarf an Medikamenten oder medizinischer Versorgung infolge einer Klimakatastrophe einzustellen, zumal ihre Gesundheitsdienste ohnehin oft mangelhaft ausgestattet seien. Hier sei eine „sehr intensive Betreuung“ auch im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit nötig. Die GIZ startet im kommenden Jahr ein erstes Beratungsvorhaben „Anpassung an den Klimawandel im Gesundheitssektor“, das vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) für drei Jahre mit vier Millionen Euro finanziert wird.

"Die Prävention kommt zu kurz"

Einig sind sich die Experten allerdings darin, dass im Gesundheitsbereich, auch angesichts der Bedrohung durch den Klimawandel, zu einseitig auf Anpassung, also die Behandlung von Krankheiten gesetzt werde. „Die Prävention kommt zu kurz“, kritisiert der Würzburger Tropenmediziner Stich. Und Winfried Zacher von Germanwatch weist auf die sogenannte „Gesundheitsrendite“ von Klimaschutzprogrammen hin. Die Kosten für solche Programme könnten teilweise durch Einsparungen bei der Gesundheitsversorgung aufgewogen werden, erklärt er – doch diese Erkenntnis habe in die internationalen Verhandlungen über ein Nachfolgeabkommen für das Kyoto-Protokoll noch keinen Eingang gefunden.

Dabei gibt es ein Vorbild: Vor gut zwei Jahren startete unter Federführung der Stiftung der Vereinten Nationen die globale Allianz für saubere Kochherde mit dem ehrgeizigen Ziel „100 by 20“. Bis 2020 sollen 100 Millionen Familien in armen Ländern ihre Mahlzeiten auf effizienteren und saubereren Herden kochen. Das nützt Umwelt und Gesundheit gleichermaßen. Es verringert den Holzverbrauch und damit die Kohlendioxidemissionen, die beim Verbrennen entstehen. Zugleich müssen Frauen und Kinder bei der Zubereitung des Essens weniger giftigen Rauch einatmen. Die Zahl der Menschen, die eine Lungenkrankheit bekommen und daran möglicherweise sterben, wird, so die Hoffnung der Initiatoren, sinken. Die Allianz unter Führung der UN-Foundation hat inzwischen mehr als 400 Partner aus Staat, Privatwirtschaft und Zivilgesellschaft weltweit gewonnen, das BMZ gehört zu den Gründungsmitgliedern.

„Was für das Klima gut ist, ist auch gut für die Gesundheit“, betont Zacher. Ein weiteres Beispiel: der Straßenverkehr. Abgasärmere Autos, der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs sowie fahrradfahrer- und fußgängerfreundlichere Verkehrswege führen dazu, dass weniger Kohlendioxid ausgestoßen und die Luft besser wird und dass sich die Menschen mehr bewegen. Diabetes, Herz-Kreislauf-Krankheiten und sogar Depressionen können auf diese Weise deutlich reduziert werden. Und zwar in London und in Neu-Delhi gleichermaßen – wie Wissenschaftler in einem Zukunftsszenario für das britische Fachblatt „Lancet“ berechnet haben. 

erschienen in Ausgabe 12 / 2012: Leben mit dem Klimawandel

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