29.11.2016

Grünes Wachstum als Irrweg

Verzichtsrhetorik ist aus der Mode: Heute soll uns das grüne Wachstum retten. Das kritisiert dieses Buch als gefährliche Illusion, die entscheidende Fragen aus dem Blick drängt.

Thomas Fatheuer, Lili Fuhr, Barbara Unmüßig: Kritik der Grünen Ökonomie. oekom Verlag, München 2015, 191 Seiten, 14,95 Euro
Marktmechanismen gelten als Königsweg zur Lösung globaler Umweltprobleme: Jede Nutzung der Natur soll einen Preis bekommen. So macht der Emissionshandel den Ausstoß von Treibhausgasen kostenpflichtig und schafft dafür handelbare Rechte. Auf derlei Marktinstrumente beim Umwelt- und Klimaschutz zu setzen, kritisieren die Autorinnen und Autoren aus der Böll-Stiftung als gefährlichen Irrweg.

Dazu nehmen sie Theorien und Begründungen auseinander, die dem Ansatz zugrunde liegen. So führen sie seinen Durchbruch auf den Stern-Bericht von 2006 zurück, wonach entschlossener Klimaschutz viel mehr Kosten spart als verursacht. In der Wirtschaftskrise nach 2008 hätten dann mehrere UN-Organisationen propagiert, mit grünen Investitionen Umweltprobleme zu lösen und zugleich das Wirtschaftswachstum zu fördern. Dahinter steckt, wie das Buch zeigt, eine politische Strategie: Klima- und Umweltschutz wurde als Weg zu Wachstum konzipiert, weil er so leichter durchsetzbar schien; bessere Märkte und technische Innovationen sollten beides voranbringen.

Das ist in mancher Hinsicht ein Fortschritt, räumen die Autorinnen und Autoren ein. Aber der Preis sei hoch: Natur müsse nun einheitlich in Geld  bewertet werden und zähle nur noch, soweit sie ökonomisch fassbar sei. Der Druck, sie in Wert zu setzen, nehme dabei zu. Beim Artenschutz zum Beispiel taugt der Ansatz nicht, zeigen sie.

Ein grundlegender Einwand aus Sicht der Ökologie bleibt in dem sozialwissenschaftlich geprägten Buch unterbelichtet: Der Marktansatz täuscht darüber hinweg, dass es Naturgüter gibt – etwa Süßwasserkreisläufe –, die weder unter Einsatz von Geld repariert noch durch andere ersetzt werden können. Es ist widersinnig, solchen unverzichtbaren Naturvorgängen einen Preis beizumessen, als könne man ihren Geldwert mit dem anderer Waren vergleichen.

Ins Zentrum stellen die Autorinnen die Märkte für CO2-Emissionen, die bisher kaum Treibhausgase verringert hätten. Ihre Kritik ist im Detail allerdings nicht immer überzeugend. So bemängeln sie, dass der Emissionshandel den Verkehr nicht reduziert, doch er zielt ja auch vor allem auf die Stromerzeugung. Und dass die Preise für Emissionen zu niedrig und die Schlupflöcher groß sind, ist eine Folge inkonsequenter Politik: Regierungen setzen nur vordergründig auf Klimaschutz durch Emissionshandel, gestalten den aber so, dass er nicht wirkt.

Der Kern der Kritik aber trifft: Der Versuch, Emissionen einen Preis zu geben, drängt alle anderen Umweltfragen in den Hintergrund. Und er untergräbt die Rechte indigener Völker an ihrem angestammten Lebensraum. Die Grüne Ökonomie sei blind für Gerechtigkeitsfragen, schreiben die Autorinnen. Zwar leuchtet der Einwand nicht ein, ein Preis für CO2 verursache soziale Verwerfungen. Denn die wären auf jeden Fall mit einem Übergang zu nachhaltigem Wirtschaften verbunden, egal ob man ihn mit CO2-Preisen oder anders herbeiführt. Richtig ist aber, dass die Verfechter der Grünen Ökonomie sich für soziale Fragen wenig interessieren. Das ist sogar folgerichtig, weil sie hauptsächlich auf Wirtschaftswachstum und technische Modernisierung setzen.

Das wichtige Buch entlarvt die Vorstellung, Umwelt- und Klimaschutz könnten mit Hilfe des Marktes konfliktfrei und wachstumsfördernd funktionieren, als Blendwerk. Die Autorinnen fordern, in der Umweltpolitik wieder Gerechtigkeits- und Machtfragen zu stellen, örtliche Aktivisten einzubinden und auf bewährte ordnungspolitische Instrumente zu setzen. Das richtet sich nicht zuletzt an ihre eigene Partei. Man darf gespannt sein, wer da auf sie hört.

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