03.12.2018

Nüchtern erzählte Tragödie

Vor dem Hintergrund des kamerunischen Unabhängigkeitskampfes in den 1950er Jahren entspinnt die Schriftstellerin Hemley Boum eine Familiensaga über fünf Generationen. Ihr historischer Roman verhandelt die großen Themen Liebe, Schicksal, Verrat und Tod in erschütternder Weise.

Hemley Boum: Gesang für die Verlorenen. Peter-Hammer-Verlagm Wuppertal 2018, 416 Seiten, 26 Euro
Von ihren Lieben wird sie „die Löwin“ genannt: Esta, eine der Hauptfiguren in dem Romangeflecht meist verwandtschaftlicher Beziehungen, schließt sich der Unabhängigkeitsbewegung an, überzeugt von den Idealen der Freiheit und der Selbstbestimmung. Sie ist eine starke Frau, Heilerin ihres Dorfes und kompromisslos bis zum Schluss. Der Roman der kame­runischen Schriftstellerin Hemley Boum ist nicht nur ein postkolonialer Roman, sondern auch ein feministischer. Der Kampf gegen die Kolonialmacht, die durch den brutalen Despoten und Plantagenbesitzer Pierre Le Gall verkörpert wird, ist auch ein Kampf der Frauen gegen das Patriarchat und althergebrachte Traditionen. An einem ersten Höhepunkt der Geschichte treffen die beiden mächtigen Gegenspieler Esta und Le Gall in einer unheilvollen Gewitternacht schicksalhaft aufeinander.

Kopf der Unabhängigkeitsbewegung im Land der Bassa ist Ruben Um Nyobè alias Mpodol. Er ist die einzige historische Figur in Boums Roman, bleibt dort aber meist im Hintergrund. Geschickt verwebt die Autorin, die mittlerweile in Frankreich lebt, die fiktiven persönlichen Schicksale mit den historischen Tatsachen. Exemplarisch dafür stehen die beiden „Königskinder“ Likak und Muulé, deren gemeinsame glückliche Zukunft im Kampf zwischen Selbstbestimmung und Tradition, einheimischer Bevölkerung und Kolonialmacht ausgelöscht wird.

Der hierzulande relativ unbekannte Ruben Um Nyobè gilt als einer der großen Visionäre der afrikanischen Unabhängigkeit. Als Mitbegründer der ersten nationalen – und bis heute existierenden – Partei Kameruns, der Union des Populations du Cameroun (UPC), tritt Um Nyobè seit Ende der 1940er Jahre für die Einheit des Vielvölkerstaats ein. In seiner Argumentation nutzt er geschickt die Tatsache, dass Kamerun keine reguläre Kolonie ist, sondern treuhänderisch von Frankreich und Großbritannien verwaltet wird – vordergründig, um die verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu befrieden. Der charismatische Vordenker gewinnt mit seinen Forderungen vor allem die Unterstützung des einfachen Volks: „Die Unabhängigkeit sagte ihnen nicht viel, aber die Prinzipien der Achtung, der Freiheit, das verstanden sie.“
Als die Partei 1955 verboten wird, gehen die Rebellen in den Untergrund. Von dort führt Um Nyobè den bewaffneten Widerstand gegen die koloniale Besatzung an, der von den Franzosen brutal niedergeschlagen wird. 1958 wird der „Fürsprecher“ Mdopol von französischen Truppen erschossen. Zwei Jahre kann sich die Kolonialverwaltung noch halten. Für seine Verdienste bekam Mdopol in Kamerun kein Denkmal, im Gegenteil: Noch bis in die 1990er Jahre wurde jedes Gedenken unterbunden.

Hemley Boums nüchterner, teilweise fast dokumentarischer Stil steht in großem Kontrast zu den psychischen und körperlichen Qualen, die ihre Pro­tagonisten zu erleiden haben. Sie erschafft mit ihrem preisgekrönten Werk stark überzeichnete Figuren, die in ihrer bedingungslosen Konsequenz mitunter an griechische Tragödien oder Shakespeare-Dramen erinnern. „Manche Wunden heilen nie“, stellt die Erzählerin am Ende dieses erschütternden historischen Romans fest. Das mag auf das koloniale Erbe Kameruns und vieler anderer afrikanischer Länder in besonderem Maße zutreffen.
 

Neuen Kommentar schreiben