21.05.2019

Genug Nahrung für alle

Der US-amerikanische Wissenschaftler Timothy A. Wise plädiert mit seinem gründlich recherchierten Buch für kleinbäuerliche Landwirtschaft anstelle internationaler Agrarkonzerne, um das Überleben auf unserem Planeten zu sichern.

Timothy A. Wise: Eating Tomorrow. Agribusiness, Family Farmers, and the Battle for the Future of Food. The New Press, New York 2019, 336 Seiten, 24,25 Euro
Für sein Buch „Eating Tomorrow“ hat der Experte für Landwirtschaft, Globalisierung und das Recht auf Nahrung Kleinbauern und Aktivistinnen in Afrika, Mexiko, Indien und den USA besucht und mit Vertretern multinationaler Konzerne, Regierungsbeamten und Experten internationaler Institutionen wie den Vereinten Nationen oder der Weltbank gesprochen. Von ihnen allen wollte er wissen, was wir tun müssen, um mehr und bessere Nahrungsmittel so anzubauen, dass die Umwelt nicht zerstört wird.  

Die Lösungssuche liest sich wie ein spannender Wirtschaftskrimi, hervorragend recherchiert, leicht lesbar und emotional berührend. Denn Wise gelingt es, nackte Zahlen, komplexe Zusammenhänge und historische Hintergründe mit dem Schicksal einzelner Menschen zu verbinden. So stellt der Autor das Mädchen Machila aus Sambia vor. Ihre Zukunft liegt in dem sozialen Gefüge einer Bauernkooperative und dem Recht der Frauen auf Landbesitz, nicht in staatlich subventionierten Maisprogrammen für den Export von Agrartreibstoffen. In Mexiko beschreibt er den irrsinnigen Weg des jungen Schweinezüchters David Cejas aus Veracruz, dem durch das Freihandelsabkommen NAFTA nichts anderes übrig blieb, als illegal in den gigantischen Mastfabriken des Global Players Smithfield Foods in North Carolina für einen Hungerlohn zu schuften.

Wises Erzählstil ist persönlich, die Überschriften sind griffig, die Metaphern bisweilen überspitzt. „Die ersten Drogen sind immer frei“, lautet beispielsweise sein zynischer Kommentar über die – noch – hochsubventionierten Dünge- und Pflanzenschutzmittel, die malawische Kleinbauern für Monsantos gentechnisch veränderte Maissorten im staatlichen Landwirtschaftsprogramm benötigen.

Wise gliedert sein Buch in drei Teile: Zunächst beschreibt er, wie die internationale „Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika“ (AGRA) der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung  gemeinsam mit der Rockefeller-Stiftung 2006 über Public Private Partnerships (PPP) die Türen für multinationale Konzerne wie Monsanto, DuPont oder Syngenta in Malawi, Mosambik und Sambia öffnete. Die Konzerne erhielten Landkonzessionen für groß angelegte Monokulturen, auf denen vor allem gentechnisch veränderte Maissorten für den Export von Bioethanol wachsen. Die ansässigen Kleinbauern verloren ihr Land. Die Zahl der Arbeitsplätze in der Agrarindustrie blieb gering, Gewinne erzielten vor allem die ausländischen Investoren.

Von Afrika aus schlägt der Autor dann den Bogen zur „Wurzel der Probleme“ in sein Heimatland, die USA. Auf knapp 100 Seiten erzählt er, wie in Iowa nach der Großen Depression gigantische Mais- und Getreidefelder angelegt wurden, um die landwirtschaftliche Produktion mit Hilfe moderner Technologien, großer Maschinen, Hybridsaatgut (und später gentechnisch verändertem Saatgut) und chemischen Agrarprodukten zu steigern. Langfristig laugte das die Böden aus, verseuchte Flüsse und Grundwasser, verdrängte kleinere und mittlere Bauernfamilien von ihren Farmen und hinterließ enorme soziale, ökologische und wirtschaftliche Probleme.

Im letzten Teil nimmt Wise die Auswirkungen von NAFTA in Mexiko und den Einfluss der USA über die Welthandelsorganisation in Indien unter die Lupe. In beiden Fällen bedroht die industrielle Landwirtschaft die Ernährungssouveränität der Länder und fördert die Abhängigkeit von globalen Konzernen.

Trotz aller Globalisierungskritik zeigt „Eating Tomorrow“ anhand zahlreicher Beispiele wie etwa dem indischen Netzwerk für das Recht auf Nahrung oder der breiten mexikanischen Zivilgesellschaft, dass ein gerechtes und nachhaltiges Ernährungssystem funktionieren kann. „Nicht wir ernähren die Welt“, schreibt Timothy A. Wise. „Die Welt wird vor allem von Hunderten Millionen Kleinbauern ernährt, die 70 Prozent der Nahrung in Entwicklungsländern anbauen."

Kommentare

Zunächst einmal vielen Dank für die tolle und griffige Rezension, die wirklich Lust macht, das Buch zu bestellen (was ich auf jeden Fall tun werde) und für gelungene Buchtipps, auch in der Vergangenheit bin ich bisher nie enttäuscht worden, was weltsichten-Literaturtipps angeht. Jetzt zu meiner Frage: Ist das Buch auch in anderen Sprachen als dem englischen Original erhältlich (spanisch, deutsch)? Bei einer kurzen Recherche habe ich es in keiner anderen Sprache gefunden, auch Wises frühere Bücher nicht.... wisst ihr da was? Viele Grüße

Vielen Dank für die schöne Rückmeldung, liebe Eva Becker!

Ich selbst kenne nur englischsprachige Texte von Timothy Wise, der ja auch US-Amerikaner ist, und habe leider auch keine deutschen oder spanischen Übersetzungen gefunden - ebensowenig die Autorin der Rezension, die ich auch noch einmal gefragt habe.

Timothy Wise ist aber auf Facebook - vielleicht einfach mal nachfragen? Die Antwort würde/uns mich auch interessieren :) Schöne Grüße, Barbara Erbe

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