16.05.2019

Die Lust an der Provokation

Laut Stephen Smith ist ein Massenansturm von jungen Afrikanern nach Europa unvermeidlich. Die Begründung dafür steckt voller Plattheiten, Trugschlüsse und Widersprüche.

Stephen Smith: Nach Europa! Das junge Afrika auf dem Weg zum alten Kontinent. Edition Fototapeta, Berlin 2018. 238 Seiten, 17,50 Euro
Der US-amerikanische Journalist Stephen Smith ist ein Kenner Afrikas und hat sich auch wissenschaftlich mit dem Kontinent befasst. Nun hat er ein Buch geschrieben, das sich durch steile Thesen mit wenig Substanz und Differenzierung auszeichnet. Dabei leuchtet sein Ausgangspunkt ein: Sowohl in Afrika als auch in Europa werde das Problem der Migration nicht realistisch bedacht. Smith will deshalb das „Migrationsreservoir abschätzen“, das er für riesig hält.

Das begründet er in erster Linie mit dem Bevölkerungswachstum in Afrika und dem hohen Anteil Jugendlicher an der Bevölkerung. Große Teile des Buches befassen sich mit diesen demografischen Trends und ihren angeblichen Folgen – etwa dass sie das Wirtschaftswachstum schwächen und dafür sorgen, dass sich Korruption ausbreite, und dass es angesichts des Bevölkerungswachstums besonders schlecht gelinge, Demokratie einzuführen. Smith ignoriert, dass es in Afrika funktionierende Demokratien wie etwa in Ghana, Senegal oder Kenia gibt, und der Kontinent hier im Vergleich zu Asien eher gut abschneidet.

Noch ärgerlicher ist, dass Smith angebliche Zusammenhänge nicht methodisch nachweist, sondern zum Beleg vage Assoziationen anführt. So belegt er seine These, dass Gewalt in Afrika demografische Ursachen habe, mit ein paar Anekdoten von jugendlichen Tätern – als wären nicht überall die meisten Gewalttäter junge Männer. Den Bürgerkrieg im Sudan, der klar politische Ursachen hat, bezeichnet er als Generationenkonflikt. Zwischendurch liest man Plattheiten wie „Afrika verändert sich ständig im Laufe der Zeit“. Dass er ständig alle Länder Afrikas in einen Topf wirft, irritiert zusätzlich.

Im Widerspruch zu den demografischen Überlegungen steht ein zweiter, weniger prominenter Argumentationsstrang: Smith stellt richtig fest, dass starke Auswanderung erst einsetzt, wenn das Herkunftsland ein gewisses Niveau der wirtschaftlichen Entwicklung erreicht hat und eine Mittelschicht entsteht. Folglich setzen Prognosen über Migration solche über die Wirtschaftsentwicklung voraus. Die jedoch spart sich Smith: Er geht davon aus, dass Afrika ausreichend wachsen wird, obwohl er gleichzeitig behauptet, das Bevölkerungswachstum sei dafür hinderlich.

Nicht nur hier widerspricht Smith sich selbst. Am Ende relativiert er auch seine Hauptthese vom unvermeidlichen Flüchtlingsansturm mit dem Hinweis, dass Europa und Afrika sehr wohl den Verlauf der Migration steuern könnten.

Immer wieder finden sich auch kluge Beobachtungen und Vorschläge – zum Beispiel, mehr zirkuläre Migration, also wiederholtes Hin- und Herwandern zwischen Staaten, mit zeitlich begrenzten Arbeitserlaubnissen anzusteuern. Doch die Stoßrichtung ist trotz aller Relativierungen die Kritik an zu offenen Türen: Smith polemisiert gegen die „blauäugige Menschenliebe“ derjenigen, die „Abtrünnige aus scheiternden Gesellschaften“ in Europa aufnehmen wollten, nicht aber gegen Regierende, die Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen. Die Lust an der Provokation trübt ihm anscheinend das Urteilsvermögen. Mit diesem ärgerlichen Buch erweist er dem Anliegen, eine realistische Debatte über Migration anzuregen, einen Bärendienst.

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