15.10.2020

Den Billionen auf der Spur

Der Ökonom David Lubin zeigt, wie Entwicklungsländer in die internationale Finanzordnung eingebunden sind und diese sich ändert. Der Journalist Nicholas Shaxson schildert, wie große Teile der Finanzwelt das Gemeinwesen abzocken. Beide Bücher ergänzen sich.

David Lublin, Dance of the Trillions, Developing Countries and Global Finance. Brookings Institution and Chatham House, Washington (DC) und London 2018, 147 Seiten, 34 Euro
In den 1970er Jahren haben die USA eine auf freiem Kapitalverkehr beruhende Weltfinanzordnung geschaffen, erklärt Lubin. Sie eröffnete Entwicklungsländern erstmals Zugang zu Auslandskrediten – zum Nutzen der US-Banken, die dort Ölmilliarden aus den Golfstaaten anlegen konnten. Damit habe ein von der Geldpolitik der USA angetriebener Zyklus eingesetzt: Bei niedrigen Zinsen fließt Kapital in „aufstrebende Märkte“ im Süden, bei hohen Zinsen flieht es zurück. So nahmen in den 1980er Jahren vor allem Regierungen im Süden Bankkredite im Ausland auf, schreibt der Ökonom. Als die US-Zentralbank dann die Zinsen anhob, führte das zu einer lang andauernden Verschuldungskrise, vor allem in Lateinamerika. Anstelle von Banken investierten in den 1990er Jahren institutionelle Anleger wie Fonds und Pensionskassen im Süden, nun auch in private Firmen. Daraus ergaben sich zahlreiche kürzere Finanzkrisen wie die in Asien 1997.

Um sich dagegen abzusichern, häuften viele Entwicklungs- und Schwellenländer – allen voran China – in den 2000er Jahren hohe Währungsreserven in US-Staatsanleihen an, schreibt Lubin. In diesen Reserven sieht er den Grund, warum viele Entwicklungsländer trotz hoher Schuldenstände momentan nicht akut von Überschuldung bedroht seien. Die von den USA geprägte Weltfinanzordnung aber werde allmählich durch eine von China geprägte ersetzt. Chinas Nachfrage, vor allem nach Rohstoffen, sei heute entscheidend für die Preise der Ausfuhrgüter und damit die Handelsbilanz vieler Südländer; das Konjunkturprogramm Pekings habe sie in der Finanzkrise 2008 gerettet, und China sei nun auch ein großer Kapitalgeber. 
Zugang zu ausländischem Kapital ist laut Lubin gut für Entwicklungsländer – es sei denn, deren Eliten brächten das Geld gleich wieder ins Ausland. Wie das Finanzwesen dies erleichtert und anrüchige Geschäfte fördert, behandelt er nicht. Nicholas Shaxson richtet seinen Blick auf diese dunkle Seite: Er sieht in einem übermäßig gewachsenen Finanzsektor einen Parasiten, der dem Rest der Wirtschaft schade.

Nicholas Shaxson: The Finance Curse. How Global Finance is Making us all Poorer. The Bodley Head, London 2018, 360 Seiten, ca. 17 Euro
Shaxson ist Journalist und setzt sich für Steuergerechtigkeit ein (vgl. seinen Beitrag in welt-sichten 9/2019). In dem Buch schildert er, wie in London der Handel mit US-Dollar außerhalb der Regeln des Bretton-Woods-Systems, das den Kapitalverkehr beschränkte, dieses System bis 1973 sprengen half. Er verfolgt, wie dann London, gefolgt von anderen Staaten wie Irland und Luxemburg, ein Schattenfinanzsystem schuf und diese Staaten gemeinsam einen Wettlauf um niedrige Steuern in Gang setzten. 

Shaxson nimmt auch Theorien auseinander, mit denen all das gerechtfertigt wurde und wird. Trotz des komplizierten Themas machen bezeichnende Vorfälle und Zitate das Buch unterhaltsam. In den Details über Schwarzgeld, Monopole, Absprachen und Theorien kann man allerdings manchmal die Orientierung verlieren. Shaxson erklärt etwa hervorragend, wie Trusts und verschiedene Arten von Derivaten funktionieren und anrüchige Geschäfte ermöglichen, wie private Finanzierer den britischen Staatshaushalt plündern dürfen und was bei den großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften im Argen liegt. Diese Passagen sind aber für eilige Leser auf den ersten Blick nicht zu finden, das Inhaltsverzeichnis hilft da wenig.

Die Details sind aber auch eine große Stärke des Buches. Shaxsons Diagnose, der wuchernde Finanzsektor nehme mit Hilfe von Politikern das Gemeinwesen aus, ist im Einzelnen belegt – auch mit Zitaten von Insidern. So gehen einige Finanzjongleure offen davon aus, das Gesetz gelte für sie nicht. Shaxsons Schluss, Politiker wie Tony Blair und Gerhard Schröder hätten sich zu deren Lakaien oder Komplizen gemacht und die staatliche Finanzregulierung gelähmt, wirkt überzeugend.

Beide Bücher ergänzen sich. Lubin zeigt, dass die Weltfinanzordnung politisch gestaltet wird, besonders von Großmächten, und wie sich die Stellung der Entwicklungsländer darin ändert. Shaxson hingegen betont, dass der Finanzsektor wirksam reguliert und begrenzt werden muss und es daran heute fehlt. Mit seltener Klarheit schildert er, wie große Teile der Finanzwelt das Gemeinwesen abzocken dürfen.

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