Einführung in die „politische Virologie“

Der Epidemiologe und Evolutionsbiologe Robert Wallace geht sozialen und ökonomischen Ursachen von Pandemien nach und zeigt, was neuartige Viren mit Bergbau, Landwirtschaft und Tierzucht zu tun haben. 

 Rob Wallace: Was Covid-19 mit der ökologischen Krise, dem Raubbau an der Natur und dem Agrobusiness zu tun hat. Papy Rossa-Verlag, Köln 2020, 207 Seiten, 20 EuroVerlag
Ebola, MERS, Afrikanische Schweinepest und zahlreiche neue Influenza-Varianten: Seit Jahren warnt der US-amerikanische Evolutionsbiologe und Epidemiologe Rob Wallace vor neuartigen Viren und mutierten Virusstämmen, die sich in Windeseile auf der ganzen Erde verbreiten könnten. Lange Zeit ist das von ihm so bezeichnete „epidemiologische Glücksspiel“ vergleichsweise gut ausgegangen – entweder weil die Ausbrüche regional begrenzt blieben (Ebola) oder die Erreger für den Menschen weniger gefährlich waren als befürchtet (Schweinegrippe). Doch für Wallace war es nur Frage der Zeit, bis ein gefährlicher und zugleich hochansteckender Erreger wie Sars-CoV-2 eine globale Gesundheitskrise auslöst. Das belegen seine wissenschaftlichen Aufsätze und Zwischenrufe der letzten elf Jahre, die nun anlässlich der Corona-Pandemie erstmals auf Deutsch vorliegen. 

Wallace, der neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit unter anderem die UN-Landwirtschaftsorganisation FAO beraten hat, bezeichnet seine Methode als „politische Virologie“: Er spürt nicht nur den medizinischen, sondern auch den sozialen und ökonomischen Ursachen hinter der Entstehung und Verbreitung von Krankheitserregern nach. Dabei macht er vor allem die kapitalistischen Landnutzung und die industrielle Tierhaltung verantwortlich.

So sei dem Übersprung des Ebolavirus von Flughunden auf Menschen in Guinea im Jahr 2013 die Abholzung großer Waldflächen sowie der kommerzielle Palmölanbau vorausgegangen. Rodungen hätten die in den Wäldern lebenden Flughunde auf die Plantagen getrieben und die Kontakte zwischen den Wildtieren und Menschen vermehrt. Entgegen gängiger Klischees sei für eine Übertragung von Viren nicht zwangsläufig notwendig, die Flughunde zu essen – es reiche, gebissen oder gekratzt zu werden. Fast jede Ebolaepidemie stehe in Zusammenhang mit einer „veränderten kapitalgetriebenen Landnutzung wie Holzeinschlag, Bergbau oder Landwirtschaft“, schreibt Wallace.

In einem anderen Aufsatz skizziert der Epidemiologe, wie die industrielle Tierhaltung den Ausbruch der Vogelgrippe in Südchina im Jahr 1997 begünstigte. So führte die beengte Haltung zu hohen Übertragungsraten und schwächte die Immunreaktionen der Tiere. Wallace kritisiert die Fleischindustrie, streift naturwissenschaftliche Debatten zur Entstehung hochvirulenter Virusstämme und macht einen Abstecher in die Kapitalismuskritik von Karl Marx. 

In zwei kurzen Texten kommentiert er die Corona-Pandemie. Er kritisiert, dass Regierungen auf der ganzen Welt die Warnungen vor der Gefahr neuartiger Viren ignoriert und Gesundheitssysteme privatisiert hätten. Dabei rechnet er auch mit seiner eigenen Zunft ab, die die gesellschaftlichen Ursachen der Entstehung und Übertragung neuartiger Viren weitgehend außer Acht gelassen habe. Ein Glossar am Ende des Buches erleichtert das Verständnis ebenso wie das einordnende Vorwort des Wissenschaftsjournalisten Matthias Martin Becker. Trotz allem fällt es manchmal schwer, den Überblick zu behalten. 

Die Kommentare zu Corona hat Wallace vor der Entwicklung vielversprechender Impfstoffe geschrieben. Vorausschauend warnt er aber davor, die  Pandemie nur unter immunologischen Aspekten zu betrachten: Ein effizientes Gegenprogramm gehe weit über die Bekämpfung eines bestimmten Erregers hinaus, schreibt er. Oder anders formuliert: Die nächste Pandemie kommt bestimmt.

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