Proteste verändern politische Kultur

Der Hongkonger Sozialwissenschaftler Au Loong-Yu hat an den Demonstrationen und Protestzügen in seiner Heimatstadt mitgewirkt. In seinem Buch über diese Demokratiebewegung analysiert er den Verlauf der Massenproteste durchaus kritisch.

 Au Loong-Yu: Revolte in Hongkong. Die Protestbewegung und die Zukunft Chinas. Verlag Bertz und Fischer, Berlin 2020, 320 Seiten, 14 EuroVerlag
Die Bilder haben sich weltweit ins Gedächtnis eingeprägt: 2014 zwängten sich Hunderttausende Demonstranten mit Regenschirmen durch die engen Einkaufsstraßen Hongkongs, um ihrer Forderung nach allgemeinem Wahlrecht Nachdruck zu verleihen. 2019 gab es erneut eine breite Protestbewegung gegen den Entwurf zum Auslieferungsgesetz an China, das die Hongkonger Regierungschefin Carrie Lam schließlich zurückziehen musste.

In seinem Buch schildert Au detailreich die Entwicklung dieser Proteste von 2019: Von der Debatte um das Auslieferungsgesetz über die Demonstrationen für allgemeine Wahlen mit bis zu zwei Millionen Teilnehmenden über Streiks bis hin zur Besetzung erst der Chinese University of Hongkong, dann der Polytechnischen Universität. Das Buch endet mit dem am 30. Juni 2020 in Kraft getretenen „Gesetz für die nationale Sicherheit“, das die Pekinger Führung der Sonderverwaltungszone Hongkong aufgezwungen hat, womit sie endgültig die in Hongkong geltenden Sonderrechte ausgehebelt hat. 

Das Buch ist spannend geschrieben - und trotzdem nicht ganz leicht lesbar. Das mag zum Teil an der Übersetzung aus dem Englischen liegen, die stellenweise etwas holprig klingt. (Immerhin hat der kleine Verlag es geschafft, die deutsche Ausgabe kaum sechs Wochen nach Erscheinen des Originals herauszubringen.) Etwas sperrig ist aber auch die ungewöhnliche Gliederung, für die Au sich entschieden hat. Er beginnt mit einem Überblick über die Ereignisse. Dann folgt ein Kapitel über „AkteurInnen“, in dem man viel über die unterschiedlichen Strömungen innerhalb der Massenbewegung erfährt – jene, die vor allem für mehr Demokratie kämpften, andere, die eine vollständige Loslösung von China wollten. 

Auch die Generationenunterschiede werden beleuchtet, zum Beispiel das besondere Lebensgefühl der seit 1997 Geborenen, die nicht mehr in der Gewissheit kontinuierlich steigenden Wohlstands aufgewachsen sind und dann wesentliche Träger der Proteste von 2019 wurden. Oder die Haltung der Hongkonger Tycoons. Das ist interessant und erhellend. Aber dann folgen noch die Kapitel „Ereignisse“ und „Themen“, so dass man am Ende meint, dieselbe Geschichte dreimal in unterschiedlicher Form gelesen zu haben. 

Manchmal wechselt Au von einem Satz zum nächsten von der Perspektive des kritischen Beobachters zu der des Aktivisten und fängt mit einem Mal einen Satz mit „Ich“ oder „Wir“ an. Hätte die Lektorin da nicht eingreifen müssen? Andererseits macht genau dieses Pendeln zwischen den Perspektiven den Autor authentisch und ausgesprochen sympathisch. 

Das Fazit des Buches: Die Massenbewegung, die die Proteste von 2019 trug, hatte (zunächst) fast keine organisatorischen Strukturen und keine erkennbaren Leitfiguren und war eine Zeit lang trotzdem erfolgreich. In den Auseinandersetzungen selbst entstand ganz unerwartet eine neue Form von Gewerkschaften, durchaus mit interner demokratischer Struktur. 

Auch wenn die Demokratiebewegung mit ihren wichtigsten Forderungen gescheitert ist, vielleicht an den Rahmenbedingungen scheitern musste, hat sie die politische Kultur in Hongkong nachhaltig verändert. Au ist Realist: Kurzfristig erwartet er keine Erfolge für die Forderungen der Demokratiebewegung. Er rät seinen Landsleuten zu langem Atem und dazu, nicht immer nach Unterstützung aus dem Westen zu schielen. Langfristig erfolgreich könne die Bewegung nur gemeinsam mit regimekritischen Kräften in Festlands-China sein – auch wenn diese auf Jahre hinaus versteckt und im Untergrund agieren müssten.

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