Skeptische Blicke: Seit August 2006 sind kamerunische Gendarmen für Recht und Ordnung in Bakassi zuständig. Viele Einwohner sagen, sie würden von ihnen schikaniert.

Flucht vor den neuen Herren

Nach einem Schiedsspruch des Internationalen Gerichtshofes hat Kamerun die Kontrolle über die Halbinsel Bakassi von Nigeria übernommen. Viele Einwohner des ölreichen Gebietes im Golf von Guinea fliehen nun vor Kameruns Gendarmen – und niemand will sie haben.

Den 10. Oktober 2012 wird Prinz Edem Nsa nie vergessen. „Es war, als ob sich der Erdboden auftun und mich verschlingen würde“, erinnert er sich. „Das war der traurigste Tag in meinem Leben.“ An diesem Tag wurde klar, dass seine Heimat, die Halbinsel Bakassi an der Grenze zwischen Nigeria und Kamerun, im Besitz von Kamerun bleiben würde. Die nigerianische Regierung gab bekannt, sie werde einen Schiedsspruch des Internationalen Gerichtshofes von 2002 nicht anfechten, der die Übergabe des ölreichen Gebietes im Golf von Guinea von Nigeria an das Nachbarland festgelegt hatte.

Damit wurde auch Edem Nsas königliche Familie entthront. „Jetzt wurde mir erst richtig klar, dass ich die Gräber meines Vaters und meines Großvaters verloren habe, und dazu alle unsere Gottheiten und die Häuser, die wir zurücklassen mussten“, sagt der Prinz, der inzwischen von Bakassi weggezogen ist. Die Entscheidung des IGH, die bereits 2002 fiel, war das Ergebnis eines UN-Schiedsverfahrens, das die blutigen Grenzstreitigkeiten zwischen Nigeria und Kamerun beilegen sollte. Der Schiedsspruch beendete den Konflikt, doch für die Einwohner von Bakassi wurde ein Alptraum wahr. Mit dem Verlust ihres Landes haben sie sich bis heute nicht abgefunden.

Autor

Sam Olukoya

ist freier Journalist im nigerianischen Lagos.

Die Bakassi-Halbinsel besteht aus vielen dicht beieinander liegenden, von Mangrovensümpfen bedeckten Inseln im Golf von Guinea. Die Einwohner, deren Zahl auf 150.000 bis 300.000 geschätzt wird, sind Nigerianer. Sie lehnen die Abtretung ihrer traditionellen Heimat an Kamerun strikt ab. Nach dem Schiedsspruch übergab Nigeria im August 2006 die Halbinsel an sein Nachbarland und zog seine Soldaten ab. Der westliche Teil blieb noch zwei Jahre unter nigerianischer Verwaltung, die vollständige Übergabe fand am 14. August 2008 statt. Viele Einwohner wanderten in benachbarte nigerianische Dörfer ab. Als Grund nennen viele von ihnen Menschenrechtsverletzungen durch die kamerunischen Sicherheitsorgane. „Ich bin mit meinen Kindern aus Bakassi geflohen, weil die Kameruner uns töten wollten. Was mit meinem Mann geschehen ist, weiß ich nicht“, sagt Esther Asuquo.

Die Bakassi-Halbinsel ist reich an Öl, Gas und Holz und besitzt gute Fischgründe. Die Menschen dort sagen, die Kameruner würden sie vertreiben, weil sie diese Ressourcen selbst nutzen wollen. „Die Kameruner können uns in Bakassi nicht brauchen, weil es hier Öl gibt. Das sagen sie ganz offen“, erklärt Achbong Edem, der nach Nigeria gegangen ist. Viele Flüchtlinge berichten, dass kamerunische Polizisten ihre Boote und Netze zerstören, damit sie nicht mehr fischen können. „Die Kameruner führen einen Wirtschaftskrieg gegen uns; für unsere Fischereiausrüstung haben wir unsere gesamten Ersparnisse und zusätzliche Darlehen aufgewendet, und wenn sie zerstört wird, können wir sie nicht mehr ersetzen“, sagt Aston Orung, ein Einwohner von Bakassi, der für die Rechte seiner Ethnie kämpft. „Wovon sollen wir leben, wenn wir nicht fischen dürfen?“

Die Regierung behauptet, viele hätten die kamerunische Staatsangehörigkeit beantragt, weil das Land so gastfreundlich sei

Nigeria hat Kamerun aufgefordert, dem Vorwurf der Menschenrechtsverletzungen nachzugehen. „Die Regierung macht sich Sorgen wegen der Berichte über die Misshandlung nigerianischer Bürger auf der Halbinsel Bakassi“, erklärte der nigerianische Justizminister Mohammed Bello Adoke bei einer Sitzung der gemeinsamen Kommission Kamerun-Nigeria im vergangenen Dezember. Die Kommission unter dem Vorsitz des UN-Sonderbeauftragten für Westafrika wurde vom damaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan ins Leben gerufen. Eine ihrer wichtigsten Aufgaben ist es, die Rechte der Einwohner von Bakassi zu gewährleisten, nachdem ihr Land an Kamerun abgetreten wurde.

Kamerun bestreitet den Vorwurf, dass die Bewohner der Halbinsel schikaniert würden. Vielmehr behauptet der stellvertretende Premierminister Amadou Ali, viele von ihnen hätten die kamerunische Staatsangehörigkeit beantragt, weil das Land so gastfreundlich sei. Doch laut David Akate von der „Cross Rivers State Emergency Management Agency“, einer Organisation, die für die Eingliederung der Bakassi-Flüchtlinge in Nigeria zuständig ist, gibt es Hinweise darauf, dass Flüchtlinge gefoltert wurden. „Manche kommen mit den Spuren von Verbrennungen, Messerstichen, Schussverletzungen und Schlägen nach Nigeria“, sagt er. „Häufig berichten sie, diese Verletzungen seien ihnen von kamerunischen Polizisten zugefügt worden, die Geld von ihnen erpressen wollten.“ Aston Orung meint, Kamerun wolle mit seinen Behauptungen, die Menschen auf Bakassi würden gut behandelt, nur die UN beeindrucken. In der Kommission sitzen Vertreter der Regierungen Nigerias und Kameruns sowie Beauftragte der Vereinten Nationen. „Die hochrangigen Mitglieder dieser Kommission kümmern sich nicht um die Notlage der Einwohner Bakassis, weil die einfachen Leute nicht in ihr vertreten sind.“

Einwohner von Archibong im Süden von Bakassi verlassen nach der Übergabe an Kamerun im August 2006 ihre Heimat.George Osodi/AP

Laut dem von den Vereinten Nationen vermittelten Green Tree Agreement, mit dem der Streit zwischen Nigeria und Kamerun über die Halbinsel beendet wurde, muss Kamerun die Rechte der Bewohner von Bakassi respektieren. Das Abkommen legt unter anderem fest, dass Kamerun sie nicht vertreiben darf und ihnen gestatten muss, weiter Landwirtschaft und Fischfang zu betreiben. Außerdem sollen sie vor Schikanen und Übergriffen geschützt werden.

Ein UN-Komitee soll die Umsetzung des Greentree-Abkommens überwachen und zu diesem Zweck in regelmäßigen Abständen Mitglieder auf die Halbinsel entsenden. Doch diese Teams haben bisher nicht viel geleistet. „Die UN-Beauftragten schauen nur für ein paar Stunden vorbei und nehmen sich nicht die Zeit, die Situation vor Ort wirklich kennenzulernen“, sagt Orung. Außerdem bewirke die starke Präsenz des kamerunischen Militärs, dass viele Menschen nicht den Mut finden, Menschenrechtsverletzungen zu melden. „In mehreren Fällen wurden Personen, die den UN-Teams die Wahrheit sagten, später schikaniert“, sagte er. Die Flucht der Bakassi-Bewohner beweise, dass die UN nicht in der Lage waren, sie und ihren Besitz zu schützen, meint Orung. Doch in Nigeria ist ihre Lage nicht viel besser. Die Regierung tut sehr wenig für ihre Eingliederung, obwohl sie sich dazu verpflichtet hat. Sie siedelt die Flüchtlinge an einem Ort im Bezirk Akpabuyo im Cross River State an,  an dem es keine Häuser, kein Trinkwasser und keine medizinische Versorgung gibt. Das Gebiet liegt so weit von der Küste entfernt, dass Tiefseefischerei nicht mehr möglich ist. „Das Leben ist für mich sehr schwierig geworden. Ich kann nicht mehr fischen, und es gibt hier keine Arbeit für mich“, sagt Ekpeyong Esong, ein ehemaliger Fischer aus Bakassi.

Die Einwohner von Bakassi fühlen sich verraten und im Stich gelassen. Jahrelang haben sie darauf gewartet, dass die nigerianische Regierung die Zehnjahresfrist nutzen würde, um gegen die Entscheidung des IGH Einspruch zu erheben. Doch noch bevor die Frist im vergangenen Oktober ablief, enttäuschte Justizminister Adoke all ihre Hoffnungen: „Ein Antrag auf Wiederaufnahme der Verhandlungen hat so gut wie keine Aussichten auf Erfolg“, erklärte er.

„Wenn meine Kinder mich einmal fragen, woher sie kommen, weiß ich nicht, was ich ihnen sagen soll“

Da Nigeria keinen Einspruch eingelegt hatte, wurde die Übergabe der Halbinsel an Kamerun rechtsgültig. Viele Nigerianer sind der Meinung, dass die Regierung auf einen Widerspruch gegen die IGH-Entscheidung verzichtet hat, um nicht erneut in Auseinandersetzungen mit Kamerun verwickelt zu werden. Dass Bakassi sang- und klanglos an Kamerun abgetreten wurde, entsprach der Absicht des Greentree-Abkommens, das die Vereinten Nationen vermittelt hatten. Die Bewohner Bakassis werfen den UN deshalb vor, dass ihre Interessen geopfert wurden, um den Ausbruch eine Krise zwischen Nigeria und Kamerun zu verhindern – doch für den Schutz ihrer Belange werde nichts getan.

Die Frustration entlud sich im November in Protesten gegen ein Team von UN-Beauftragten, das den Grenzverlauf zwischen ihrem Gebiet und Nigeria markieren sollte. Die Demonstranten hatten kein Verständnis dafür, dass die UN sich mit der Grenzmarkierung beschäftigten, solange drängendere Probleme der betroffenen Bevölkerung ungelöst blieben. „Die UN sollten sich jetzt vor allem darum kümmern, dass die Menschen aus Bakassi auf ihrem angestammten Gebiet leben können, ohne Übergriffe durch die Kameruner hinnehmen zu müssen“, sagt Orung und fügt hinzu, dass „viele Bewohner von Bakassi allein deshalb im Gefängnis sitzen, weil sie ihrer regulären Arbeit nachgingen, etwa als Fischer.“

Immerhin erfahren die Leute von Bakassi große Unterstützung in ganz Nigeria. Vor kurzem stellte sich auch die Nationalversammlung hinter ihr Anliegen. Das Repräsentantenhaus verabschiedete einstimmig eine Resolution, die von der Regierung ein Referendum fordert. Die Bewohner von Bakassi sollen entscheiden, ob sie Bürger Kameruns oder Nigerias sein wollen. Das Parlament stellt fest, dass ihnen aufgrund der Menschenrechtsverletzungen und der rechtswidrigen Tötungen durch kamerunische Sicherheitsorgane das Recht auf Selbstbestimmung gewährt werden muss und dass solch ein Referendum mit Artikel eins des Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte von 1966 im Einklang steht.

Der Abgeordnete Essien Ayi, der den Antrag gestellt hatte, erklärte dazu: „Weltweit gab es diverse Volksabstimmungen, die dazu dienen sollten, den Grundrechten der betroffenen Bürger Geltung zu verschaffen.“ Er verwies auf das Referendum vom Januar 2011, in dem sich die Bürger der Republik Südsudan für die Abtrennung des Gebietes vom Sudan entschieden. Die Bewohner von Bakassi sagen, dass sie nichts mit Kamerun zu tun haben, denn die nigerianische Ethnie der Efik, zu der sie gehören, ist mit keiner ethnischen Gruppierung in Kamerun verwandt.

„Wir können uns in Kamerun nicht integrieren, denn wir verstehen die Sprache dieses Landes nicht und seine Kultur ist uns fremd; wir sind Efik”, sagt Prinz Edem Nsa. Nachdem sich Kamerun ihr angestammtes Land einverleibt hat und die nigerianische Regierung ihnen keine angemessene Alternative anbietet, sind die Bewohner von Bakassi nun auf der Suche nach einer neuen Heimat. Ihre Zukunft ist ungewiss. „Wenn meine Kinder mich einmal fragen, woher sie kommen, weiß ich nicht, was ich ihnen sagen soll“, stellt Nsa fest.

Aus dem Englischen von Anna Latz

erschienen in Ausgabe 5 / 2013: Wer spricht Recht?

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