Verkauf von gegrilltem Hähnchenfleisch an einer Straße in Franceville in Gabun. Billige Importe aus Deutschland und der EU gefährden das Geschäft mit heimischem Geflügel.

Schnelles Geld mit Hals und Schenkel

Seit Jahren wird Afrika mit billigem Geflügelfleisch aus dem Ausland überschwemmt. Auch deutsche Züchter haben ihre Exporte drastisch erhöht. Die Industrie verkauft das als Segen – für die Afrikaner.

Der Appetit auf Geflügel wächst in allen Weltregionen. Hähnchen sind gewissermaßen das Fleisch der Postmoderne: Keine religiösen Tabus behindern den Verzehr, anders als beim Schwein oder beim Rind. In Mitteleuropa erlebte Hähnchenfleisch nach dem BSE-Skandal in den 1990ern Jahren seinen Siegeszug. Besonders in ernährungsbewussten Mittelschichten und in Diätratgebern ist Hähnchenfilet das beliebteste Fleischstück. Die Hühnermast braucht wenig Fläche und setzt das Futter effizienter in Fleisch um als im Fall der Schweine- oder Rindermast. Weltweit werden jährlich 100 Millionen Tonnen Hähnchenfleisch produziert, Fachleute erwarten Steigerungsraten von 2,2 Prozent pro Jahr.

In Deutschland ist der Hähnchenkonsum pro Person seit dem Jahr 2000 um mehr als ein Drittel auf 11,8 Kilogramm im Jahr gewachsen. Die Mäster haben viel Geld in die Produktion investiert und wurden dabei von Landesregierungen und mit Mitteln der Europäischen Union gefördert. Heute produziert Deutschland 1,2 Millionen Tonnen Geflügelfleisch jährlich. Ein Viertel der Tiere wird zum Schlachten in die Niederlande ausgeführt, weil es hierzulande nicht genügend Schlachthöfe gibt. Deshalb importiert Deutschland auch fast so viel Geflügelfleisch wie es exportiert. Der Selbstversorgungsgrad ist auf 125 Prozent gestiegen, das heißt die Deutschen produzieren ein Viertel mehr Hühnerfleisch, als sie selbst essen.

Autor

Francisco Mari

ist Referent für Agrarhandel und Fischerei bei „Brot für die Welt“.

Doch dabei ist Fleisch nicht gleich Fleisch. In Deutschland wird vor allem das Brustfilet verzehrt – es macht schätzungsweise gut zwei Drittel des Konsums aus, aber nur 25 Prozent vom Fleisch des Hähnchens. So kommt es, dass wir mehr Hühnerfleisch produzieren als verbrauchen und trotzdem noch welches importieren müssen: Eingeführt wird Brustfilet und zubereitetes Hähnchenfleisch; dafür werden Restfleischmengen, vor allem Rückenteil, Schenkel oder Flügel, exportiert, weil sie hierzulande keine Abnehmer finden. Das Brustfilet erzielt fünf bis neun Euro pro Kilo. Damit ist ein großer Teil der Kosten für die Produktion des Hähnchenfleisches gedeckt. Das „restliche“ Fleisch kann deshalb sehr viel billiger vermarktet werden. Aber erst der gesamte Erlös daraus macht das Geschäft wirklich profitabel – insbesondere seit bei uns die Preise unter Druck geraten sind.

Vielen Mastbetrieben droht der Ruin

Denn seit einigen Jahren stagniert der Fleischkonsum in Deutschland insgesamt, auch der von Geflügel. Das lässt die Preise sinken und erhöht die Konkurrenz unter den Mästern. Die Überproduktion bringt viele von ihnen in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Inzwischen räumt der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft ein, dass der enorme Ausbau der Mastbetriebe zu Niedrigpreisen und zu Rabattschlachten bei Lebensmitteldiscountern beigetragen hat, die viele Mäster in den Ruin führen werden – wenn nicht bald der Konsum anzieht oder neue lukrative Exportmärkte erschlossen werden. Die schwarz-gelbe Bundesregierung hat jahrelang versucht, durch eine Fleischexportoffensive bisher abgeschottete Agrarmärkte zu öffnen, etwa den riesigen indischen Hühnermarkt. Der Erfolg war bisher mäßig: Weniger als zehn Prozent der deutschen Hühnerproduktion wird in Länder außerhalb der EU exportiert, besonders nach Russland und in den Nahen Osten.

Doch das ändert sich jetzt. Den Weg dazu haben andere geebnet: Seit 15 Jahren fluten Großproduzenten wie die USA und Brasilien, aber auch EU-Länder wie die Niederlande, Frankreich, Belgien und seit kurzem auch Polen Westafrika mit billigen gefrorenen Hähnchenteilen. Nach der Gründung der Welthandelsorganisation WTO 1995 hatten viele afrikanische Regierungen niedrige Einfuhrzölle für Nahrungsmittel gewählt in der Hoffnung, dadurch die Versorgung ihrer wachsenden Großstädte zu verbessern. Sie haben so ihre Tore für die großen Fleischproduzenten geöffnet, zumal moderne Transportschiffe in ihren Kühlcontainern gefrorenes Fleisch über Wochen lagern können.

erschienen in Ausgabe 12 / 2013: Unser täglich Fleisch

Neuen Kommentar schreiben