Fisch essen mit gutem Gewissen

In Europa bevorzugen viele Verbraucher ihr Lachs- oder Pangasiusfilet mit Umweltsiegel. Die Standards dafür setzen Umweltverbände und die Industrie gemeinsam. Doch sie tragen nur wenig dazu bei, die Fischzucht nachhaltig zu machen.

Um mit der Prognose der Weltbank von 95 Millionen Tonnen Aquakultur-Erzeugnissen im Jahr 2030 mitzuhalten, müsste die Zertifizierung um rund zwei Prozent pro Jahr ausgeweitet werden – ein machbarer Plan. Aber wenn der Anteil von zertifiziertem Zuchtfisch entsprechend der Nachfrage der Händler und in seinem Gewicht erhöht werden soll, müsste die Zertifizierung viel schneller ausgeweitet werden.

Angesichts des anhaltenden Aquakultur-Booms kann die Zertifizierung weiter eine wichtige Rolle spielen. Doch dazu muss sie nicht nur das ungeplante Wachstum der Industrie angehen, sondern auch die Veränderungen in der Landnutzung, die wirtschaftlichen Risiken sowie die Zunahme von Umweltzerstörung und sozialer Ausgrenzung, die Folgen schwacher Regulierung sind.

Mangrovengebiete an der Küste wurden zerstört

In den 1990er Jahren hatte die Hochkonjunktur für die Züchtung der schwarzen Tigergarnele in Aquakultur solche Folgen: Mangrovengebiete an der Küste wurden zerstört und in Teiche verwandelt. Zur späteren „Shrimps-Pleite“ kam es wegen Krankheiten und weil die Produktivität aufgrund von Umweltschäden zurückging und ein globales Überangebot dazu führte, dass die Preise verfielen.

Es ist wahrscheinlich, dass man bei Tilapia, Karpfen und Wels – den drei Arten, bei denen in Südostasien und China das stärkste Wachstum erwartet wird – ähnliche Schwierigkeiten bekommen wird.

Die Zertifizierung von Aquakultur steckt in einem Dilemma. Einerseits ist sie gut geeignet, die Auswirkungen der umweltschädigenden Praktiken während eines Booms zu lindern. Die Fischzucht-Systeme haben technische Fortschritte gemacht, ausgehend von Ländern wie Thailand, Taiwan und Vietnam, die in der Vergangenheit unter Umweltschäden gelitten hatten.

Zudem zeichnet sich wachsende Übereinstimmung über die Probleme ab. In den „Aquakultur-Dialogen“ unter Führung des WWF, in denen die Standards für das ASC-Siegel ausgearbeitet werden, haben mehr als 2000 Vertreter der verschiedenen Interessensgruppen ihre Anregungen eingebracht.

Andererseits müssen aber weitere Hürden überwunden werden, wenn die Zertifizierung Einfluss auf die langfristige Nachhaltigkeit von Aquakultur haben soll. Die erste betrifft den Einbezug von Kleinerzeugern. Wissenschaftliche Studien haben nachgewiesen, dass nichtstaatliche Regulierung enge Grenzen beim Einbezug von Kleinbetrieben hat, von denen es laut der FAO mehr als 50 Millionen in der Zuchtfisch-Branche gibt.

Nach außen hin hat die Inklusivität des vom WWF geführten Dialogs ihm die Glaubwürdigkeit verliehen, private Standards zu setzen. Aber dann kamen Zweifel daran auf, wie inklusiv und repräsentativ diese Plattformen wirklich waren. Den Tilapia-Dialog etwa hat die Industrie an sich gerissen; und bei den Gesprächen über die Pangasius-Zucht wurden Kleinbetriebe an den Rand gedrängt.

In beiden Fällen wurden Standards entwickelt, die eher für die Fischzucht in großem Stil relevant sind als für Kleinbetriebe. Und die Festlegung von Standards für Lachs und Shrimps verzögerte sich, weil eine stärkere Einbindung von zivilgesellschaftlichen Gruppen, die unter anderem Interessen der Kleinerzeuger vertreten, Konflikte hervorrief.

erschienen in Ausgabe 5 / 2014: Durchlass hier, Mauer dort

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