Armutsmessung

Vielleicht noch Geld, aber trotzdem keine Lebensgrundlage mehr: syrische Flüchtlinge in der Türkei.

Armutsmessung

Es geht nicht nur ums Geld

Der Kampf gegen die Armut zeigt Erfolg, sagt die Weltbank. Dieses Jahr seien erstmals weniger als zehn Prozent der Weltbevölkerung arm. Wirklich?

Stell dir vor, die Armut sinkt und keiner nimmt Notiz davon. So geschehen diese Woche: Da meldet die Weltbank, dass die Zahl der extrem armen Menschen weltweit in den vergangenen drei Jahren um gut 20 Prozent gesunken ist, und kaum eine der entwicklungspolitischen Hilfs- und Lobbyorganisationen hält das für einen Kommentar wert. Warum nicht?

Vielleicht weil die 702 Millionen Männer, Frauen und Kinder, die die Weltbank als arm einstuft, immer noch viel zu viele sind. Vielleicht auch weil die Erfolgsnachricht so gar nicht zur Wahrnehmung der gegenwärtigen Weltlage aus mitteleuropäischer Perspektive passt, die von näher rückenden Kriegen und dramatischen Flüchtlingsbewegungen geprägt ist.

Die Zahl der extrem Armen ist laut Weltbank auf einem historischen Tiefstand, die Zahl der Flüchtlinge weltweit hingegen laut den Vereinten Nationen auf dem höchsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg – tatsächlich zeigt die Gleichzeitigkeit dieser Meldungen, dass Statistiken zur Armut mit Vorsicht zu genießen sind. Zwar hat die Weltbank die Armutsgrenze vor kurzem deutlich von 1,25 US-Dollar auf 1,90 Dollar verfügbares Tageseinkommen angehoben, um steigende Preise für Lebensmittel, Kleidung und Unterkunft zu berücksichtigen. Dennoch: Das verfügbare Einkommen allein reicht nicht als Indikator, ob ein Mensch arm ist oder nicht.

Messen alleine bewegt wenig

Das sieht jetzt auch die Weltbank so: Unlängst hat sie eine Kommission eingesetzt, die bis zum nächsten Frühjahr vorschlagen soll, wie man Armut genauer erfassen könnte. Die Vereinten Nationen sind da schon weiter: Die Weltorganisation legt seit 2010 jährlich einen „Multidimensionalen Armutsindex“ vor, der nicht nach dem Einkommen fragt, sondern nach Faktoren wie dem Zugang zu Bildung, Gesundheitsdiensten, sauberem Wasser, Essen und Elektrizität. Laut diesem Index leben gegenwärtig nicht 702 Millionen, sondern mehr als doppelt so viele Menschen in Armut: 1,6 Milliarden.

In einem wichtigen Punkt kommen Weltbank und Vereinte Nationen immerhin zum selben Ergebnis: Die Armut ist überall dort besonders groß, wo Krieg herrscht. Das sagt einem allerdings auch der gesunde Menschenverstand. Und klar ist auch, was man dagegen tun müsste. Mit anderen Worten: Die Armutsmessung kann noch so ausgeklügelt sein, eine bessere Politik folgt daraus nicht automatisch.

erschienen in Ausgabe 11 / 2015: Blauhelme: Abmarsch ins Ungewisse

Kommentare

Nach der einen oder anderen Definition bin ich auch arm. Auch meine ich, über gesunden Menschenverstand zu verfügen. Dennoch komme ich nicht darauf, was Sie mit dem Halbsatz meinen, "...was man dagegen tun müsste". Wenn Sie es wissen, dann sprechen Sie es aus. Es könnte hilfreich sein zu erfahren, was jedermann tun oder lassen soll, damit Armut und Kriege an Einfluss verlieren. Wieder nur auf eine "bessere Politik" zu warten, ist doch reichlich dünn. Nur Mut, Herr Elliesen, schreiben Sie was man dagegen tun müsste. Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es. (Erich Kästner)

Was jedermann gegen den Krieg in Syrien tun könnte, weiß ich auch nicht. Aber Ideen für eine bessere Politik habe ich schon: weniger Rüstungsexporte, weniger interessengeleitete Kungelei mit zweifelhaften Partnern wie Saudi-Arabien, weniger von der Innenpolitik diktierte außenpolitische Entscheidungen wie die Intervention in Libyen oder den Abbruch des Einsatzes in Afghanistan. Dafür mehr Diplomatie, Konfliktvorbeugung und Hilfe für die Zivilgesellschaft in Krisenländern. Gerade letzters ist extrem wichtig, um Gewalt zu verhindern - siehe Tunesien.

Wirtschafts-Nobelpreis für einen Armutsforscher! Für einen notorischen Datensammler! Na sowas. Ist das Messen und die Empirie vielleicht doch wichtiger als gedacht? Angus Deaton hat sein ganzes wissenschaftliches Leben damit verbracht, Daten über Armut zu sammeln und auszuwerten. "The Great Escape" nennt er die riesigen Fortschritte der Menschheit in den letzten Jahrzehnten in Sachen Wohlstand, Lebenserwartung und Gesundheit. Daß das nicht in das Bild entwicklungspolitischer Hilfs- und Lobbyorganisationen passt, ist nachvollziehbar. Denn diese müssten sich fragen, ob diese unglaublichen Fortschritte vielleicht trotz ihres Engagements passierten. Und daß die schlagzeilengeile Medienwelt lieber telegene Flüchtlingsströme und Anti-Freihandelsdemos im wohlstandssatten Westen zeigt, ist auch keine Überraschung. Noch ein Wort zum Messen: vielleicht ist die Armutsmessung gar nicht ein notwendiger Auslöser für eine bessere Politik. Womöglich zeigt eine objektive Messung einfach im Nachhinein, woran es gelegen hat, daß sich die Lebensverhältnisse in vielen Teilen der Welt gravierend verbessert haben. Hinschauen, verstehen, draus lernen. Es gibt noch genug Regionen in der Welt, in denen Millionen Menschen an ihrem ganz persönlichen "great escape" gehindert werden, in der Regel durch die 3 Ks: Krieg, Korruption, Krankheit. Es stimmt schon: Messen allein bewegt wenig. Aber darum geht es gar nicht. Ohne eine vernünftige Datengrundlage lösen sich gutgemeinte und kostspielige Maßnahmen viel zu oft in Rauch auf, der den Blick auf die Ursachen nachhaltig vernebelt.

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