Datenvisualisierung

Familien aus aller Welt auf der "Dollar Street".

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„Wir sind ähnlicher, als wir denken“

Zahlen über Armut und Einkommen sind zu abstrakt. Das fand zumindest Anna Rosling Rönnlund von der schwedischen Stiftung Gapminder. Ihr Fotoprojekt „Dollar Street“ zeigt den Alltag von 200 Familien aus aller Welt. Was soll das?

Was können Fotos, was Daten und Statistiken nicht können?

Beides sollte sich ergänzen. Unsere Stiftung Gapminder arbeitet mit Statistiken, die die Welt erklären sollen. Aber viele Leute mögen einfach keine Diagramme, egal wie bunt und hübsch sie sind. Das Problem ist, dass Zahlen allein wenig aussagen. Es gibt viele Statistiken über durchschnittliche Einkommen und die Verteilung innerhalb verschiedener Länder. Aber was das für die einzelne Familie bedeutet, wird nicht sichtbar.

Welchen Beitrag kann die „Dollar Street“ dazu leisten?

Wir haben 200 Haushalte aus 50 Ländern anhand ihres Einkommens geordnet und zeigen auf Fotos ihre Alltagsgegenstände. Da sieht man, dass Familien, die weniger als 300 Dollar pro Monat ausgeben können, meist nur einen Eimer oder eine Schüssel zum Duschen haben. Oder, dass man für einen Kühlschrank offenbar ein Mindesteinkommen von  ungefähr 500 Dollar braucht.

Auf der Webseite kann man auch vergleichen, wie Menschen in verschiedenen Ländern und mit unterschiedlichen Einkommen ihre Zähne putzen. Was sagt uns das?

Es zeigt erstmal die Unterschiede: Am unteren Ende haben die ärmsten Leute keine Zahnbürste, sondern benutzen ihre Finger. Am oberen Ende haben die Reichen dagegen elektronische Zahnbürsten. Dazwischen gibt es eine große Reihe an Familien, die eine ganz normale Zahnbürste aus Plastik verwenden: Die Zahnbürste ist günstig, hält relativ lange und ist einer der am weitesten verbreiteten Gebrauchsgegenstände.

Öfen aus Familien mit mittlerem Einkommen.Dollar Street

Und die Gemeinsamkeiten?

Die werden sichtbar, wenn man zum Beispiel vergleicht, welche Art von Herd Familien mit einem ähnlichen Einkommen in verschiedenen Ländern nutzen. Die Marken unterscheiden sich, aber im Endeffekt sind die Geräte sehr ähnlich: Sie stehen an einem bestimmten Ort, haben eine ähnliche Größe und mehrere Kochmöglichkeiten. Die Alltagsgegenstände zeigen: Egal wo wir wohnen, wir Menschen sind uns doch ziemlich ähnlich …

… und die ökonomischen Unterschiede sind wichtiger als die kulturellen?

Ja. Nur wollen wir  lieber die kulturellen Unterschiede sehen, die exotischen und nicht die banalen Dinge. So funktioniert unser Gehirn. Wenn man sich einredet, dass alles andere seltsam und fremd ist, kommt einem die eigene Umwelt stabiler vor. Wenn man erkennt, dass der eigene Herd so aussieht, wie der einer Familie in Mexiko oder China, kann das diese Überzeugungen vielleicht etwas ins Wanken bringen.

Spielzeug aus Familien mit unterschiedlichem Einkommen.Dollar Street

Wie haben Sie die Einkommen berechnet?

Wir haben die Familien zuerst nach ihrem Einkommen befragt, aber auch danach, wie sie das Geld nutzen; welcher Prozentsatz für Essen ausgegeben wird, ob sie ihr Haus oder ihre Wohnung besitzen. Wir haben versucht, Haushalte über Länder hinweg vergleichbar zu machen. Das ist nur eine grobe Annäherung – aber die Fotos machen das transparent und können Berechnungsfehler sichtbar machen.

Sind die Haushalte statistisch ausgewählt?

Ja, wir wollen in jedem Land die Einkommensverteilung und andere Parameter abbilden, etwa die Zahl der Kinder. Wir haben mit ärmeren Ländern angefangen, solange wir noch Fördergelder hatten. Jetzt suchen wir Freiwillige in den Industrieländern, die dort Fotos machen können.

Die Beleuchtung der globalen Unterschicht.Dollar Street

Sie lassen in jedem Haushalt  130 Gegenstände fotografieren. Das ist ein sehr intimer Einblick. Ist es schwierig, die Familien davon zu überzeugen?

Arme Familie haben unsere Fotografen nie abgewiesen. Wer arm ist, hat keine Privatsphäre. Das kommt erst mit steigendem Einkommen. Bei den reicheren Familien ist es schwieriger reinzukommen. Wer am oberen Ende von „Dollar Street“ lebt, will nicht unbedingt mit den Armen verglichen werden, die kaum etwas haben.

Das Gespräch führte Sebastian Drescher

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