Tansania

Der türkische Präsident Recep Tayyib ­Erdoğan besucht im Januar seinen tansanischen ­Amtskollegen John ­Magufuli. Über die Gülen-Schulen streiten sie noch.

Tansania

Erdoğan stört den Unterricht

Die Türkei trägt ihre inneren Konflikte bis nach Tansania: Die Gülen-Bewegung, die laut der türkischen Regierung hinter dem Putschversuch von Mitte 2016 steckt, betreibt dort viele Schulen. Ankara will, dass sie geschlossen werden.

Ein wohlhabender muslimischer Geschäftsmann in Tansania hatte einst einen Traum – eine Art göttliche Inspiration, sagen manche. Er träumte von Männern aus einem fernen Land, die ihn aufsuchten, um eine Schule zu bauen. Als diese Begegnung Ende der 1990er Jahre Wirklichkeit wurde – die Besucher kamen aus der Türkei –, stellte er ihnen ein Gebäude zur Verfügung. Es wurde die erste Schule der Gülen-Bewegung in dem ostafrikanischen Land. Diese Erzählung, die dem Wirken der Gülen-Bewegung in Tansania einen fast mythischen Beginn verleiht, begegnet einem häufig, fragt man nach den Anfängen von Gülen-inspirierten Bildungsaktivitäten in Tansania.

Die Gülen-Bewegung, die ihren Ursprung in den 1960er Jahren in der Türkei hat und auf die Ideale und Ideen des türkischen Predigers Fethullah Gülen gründet, ist eine der weltweit aktivsten muslimischen Bewegungen. Sie ist heute in etwa 160 Ländern der Welt in den Bereichen Bildung, Medien, Dialog, Wirtschaft, Gesundheit und Wohltätigkeit vertreten. Ein Netzwerk von Unternehmern, die den Ideen Gülens nahestehen, unterstützt die Aktivitäten der Bewegung weltweit mit Sach- und Geldspenden. Fethullah Gülen, der seit 1999 in den USA lebt, stellt das charismatische Zentrum der Bewegung dar.

Schnittstellen zwischen AKP und Gülen-Bewegung

Bei ihrer Ausbreitung in afrikanischen Ländern konnte sich die Gülen-Bewegung lange Zeit auf die Unterstützung der türkischen AKP-Regierung verlassen, die 2002 an die Macht kam – ein Jahr später wurde Recep Tayyip Erdoğan Ministerpräsident. Unter diesen politischen Bedingungen dehnte sich das Netzwerk der Gülen-Bewegung zunächst weiter aus. Die AKP verortete sich in der Tradition einer konservativen Demokratie, die Frömmigkeit, Marktorientierung und eine demokratische Ordnung zu verbinden suchte. Die Schnittstellen mit der sozioökonomischen Basis der Gülen-Bewegung waren groß: Beide brachten das Entstehen einer neuen muslimischen Mittel- und Oberschicht voran, die Staat, Wirtschaft und Gesellschaft der Türkei stark prägen sollte. Gleichzeitig zielten sie darauf ab, ihren Einfluss auf globaler Ebene auszuweiten. Dabei unterstützten sie sich gegenseitig.

Der türkische Staat hatte 1998 seine „Öffnung nach Afrika“-Politik entwickelt und begann 2005 – das Ankara als „Jahr Afrikas“ ausrief – mit deren Umsetzung. 2008 erklärte die Afrikanische Union die Türkei zum strategischen Partner. Im selben Jahr nahmen 42 afrikanische Staaten an einem ersten Gipfeltreffen in Istanbul teil. Seitdem haben sich zahlreiche politische und wirtschaftliche Kooperationen entwickelt. Die Beziehungen zu afrikanischen Ländern wurden zu einem zentralen Faktor der türkischen Außenpolitik.

Die Feza-Mädchenschule in Daressalam ist eine der elf Schulen der Gülen-Bewegung in Tansania. Hier schickt vor allem die muslimische Mittel- und Oberschicht ihre Kinder hin.Kristina Dohrn
Die Gülen-Bewegung war bereits seit Ende der 1990er Jahren in vielen Staaten Afrikas aktiv. Sie hatte sich mit ihren Schulen und über ein Netzwerk von ihr nahe stehenden Unternehmern dort etabliert, häufig noch bevor türkische Botschaften eröffnet wurden. Die türkische Regierung konnte somit von ihren Kontakten in die Wirtschaft, Gesellschaft und Politik hinein profitieren. Im Gegenzug unterstützte die türkische Regierung die Wirtschafts- und Bildungsaktivitäten der Gülen-Bewegung. Viele der von Gülen inspirierten Schulen auf dem afrikanischen Kontinent wurden feierlich von türkischen Staatsbeamten oder deren Ehegattinnen eingeweiht.

Das war auch bei der Feza Girls’ Secondary and High School in Daressalam der Fall, einer der elf Schulen der Gülen-Bewegung in Tansania, die von der türkischen First Lady 2010 eröffnet wurde. Diese Bildungseinrichtungen, Feza-Schulen genannt, zählen mit ihren insgesamt 3000 Schülerinnen und Schülern zu den besten des Landes. Bei den jährlichen landesweiten Abschlussprüfungen belegen ihre Absolventinnen und Absolventen meistens die vorderen Plätze.

Die Schülerinnen kommen aus wohlhabenden Familien

Finanziert wird die Feza Girls‘ School in erster Linie aus Schulgebühren. Ferner erhält sie Geld- und Sachspenden von der Gülen-Bewegung nahestehenden Unternehmern in Tansania, der Türkei und Deutschland. Sie zählt zu den teuersten Privatschulen des Landes – bei einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von etwa 700 US-Dollar ist es nur wenigen Familien möglich, die jährlichen Schulgebühren von 4000 US-Dollar für Internatsschülerinnen aufzubringen. Folglich kommen die Mädchen vor allem aus wohlhabenden Familien; nicht selten sind es Töchter von hohen Staatsbeamten oder einflussreichen Geschäftsleuten. Mit einem Stipendienprogramm ermöglicht die Schule jedoch auch Kindern und Jugendlichen aus ärmeren Familien einen Zugang.

60 bis 70 Prozent der Schülerinnen von Feza Girls’ haben einen muslimischen Hintergrund, die restlichen sind christlich. In Tansania werden von Gülen inspirierte Schulen generell nicht als islamische Schulen wahrgenommen. Das liegt auch daran, dass die religiöse Unterweisung nicht Teil des offiziellen Lehrplans ist. Unterrichtet wird nach den Vorgaben des tansanischen Erziehungsministeriums auf Englisch. Darüber hinaus lernen alle Schülerinnen Türkisch als Fremdsprache. Türkische Anhängerinnen und Anhänger der Gülen-Bewegung zählen zum Lehrpersonal. Die Mehrheit bilden jedoch tansanische Lehrerinnen und Lehrer, die oft keinen Bezug zum ideologischen Hintergrund der Schulen haben und diesen sogar teilweise gar nicht kennen.

Für Fethullah Gülen spielen Lehrerinnen und Lehrer eine zentrale Rolle dabei, heranwachsenden Generationen eine „ideale Bildung“ zu vermitteln, die säkular-wissenschaftliche Erkenntnisse mit religiös-moralischen Werten vereint. An der Feza Girls’ unterrichten von Gülen inspirierte Lehrerinnen wöchentlich das Fach Ethik, in dem sie den Schülerinnen allgemeine moralische Werte vermitteln, etwa, wie wichtig es ist, hart zu arbeiten und hohe Ziele zu haben. Darüber hinaus werden nachmittags „Teeprogramme“ in kleinen Gruppen zur Unterweisung in moralischen Fragen veranstaltet. Laut Auskunft der Lehrerinnen ist die Teilnahme freiwillig – viele Schülerinnen fühlen sich jedoch dazu verpflichtet.

Die Ausgestaltung und die Inhalte, die hier besprochen werden, unterscheiden sich je nach Zusammensetzung der Gruppe. In rein muslimischen Gruppen werden Teile aus dem Koran rezitiert, häufig werden auch Artikel von Gülen besprochen. In einer religiös gemischten Gruppe hingegen gehören religiöse Fragen nicht zum Inhalt. Erörtert werden allgemeine Themen wie der Respekt gegenüber den Eltern oder die Wichtigkeit, anderen zu helfen. Der Einfluss dieser „Teeprogramme“ auf den Glauben und das Verhalten der Mädchen ist sehr unterschiedlich. Nur sehr wenige von ihnen interessieren sich dadurch näher für Fethullah Gülen und seine Ideen und werden Teil der Gülen-Bewegung.

Die Lehrerinnen haben einen sehr guten Ruf

Die Schulen der Gülen-Bewegung sind in Tansania sehr beliebt und erfolgreich. Viele Schülerinnen und ihre Eltern führen das auf die starke Selektion im Bewerbungsprozess, bei der nur die besten Schülerinnen einen Platz bekommen, und die guten Lehrerinnen und Lehrer zurück. Feza Girls’ ist es gelungen, mit einer besseren Bezahlung als an staatlichen Schulen und einer hervorragenden Ausstattung Personal zu rekrutieren, dessen guter Ruf meist weit über die Schule hinaus bekannt ist. Die Schülerinnen werden zudem eng von ihren Lehrerinnen und Lehrern betreut. Einige der von Gülen inspirierten Lehrerinnen wohnen gemeinsam mit den Mädchen im Schulinternat; auch diejenigen, die bei ihren Familien leben, verbringen fast ihren gesamten Alltag in der Schule und halten die Schülerinnen zum Lernen und zur Disziplin an.

Für Eltern attraktiv war zudem das internationale Netzwerk, in das die Schulen der Gülen-Bewegung eingebunden sind: Die Möglichkeit, an einer von Gülen inspirierten Universität in der Türkei zu studieren und später eine Stelle in einem der türkischen Unternehmen zu finden, erschien vielen Eltern und deren Töchtern als gute Zukunftsperspektive.

Staatliche Schule in Ndanda im Süden Tansanias. Viele Eltern hoffen, dass private Schulen ihren Kindern mehr Chancen eröffnen.Bettina Flitner/Laif
Zumindest bisher: Dieses internationale Netzwerk an ökonomischen und Bildungsmöglichkeiten gerät nun ins Wanken. Wachsende Spannungen zwischen AKP und Gülen-Bewegung erlangten mit den Korruptionsskandalen vom Dezember 2013 einen ersten Höhepunkt: Insgesamt 53 Personen, darunter hohe Staatsbeamte und Minister, von denen viele zu Erdoğans engsten Verbündeten gehörten, wurden unter dem Vorwurf der Korruption festgenommen. Auch Erdoğans Sohn wurde verhaftet. Die AKP sah darin einen Putsch, betrieben von Gülen-Anhängern, die Polizei und Justiz unterwandert hätten. Die historische Allianz zwischen der Gülen-Bewegung und der AKP erreichte damit ihr Ende.

Hetzjagd und diplomatischer Druck

Seit dem Militärputschversuch in der Türkei im Juli 2016, hinter dem Erdoğan Fethullah Gülen als Drahtzieher sieht, ist die Gülen-Bewegung das Opfer einer regelrechten Hetzjagd, vor allem in der Türkei. Auch mit der gegenseitigen Unterstützung in afrikanischen Ländern ist es vorbei. Dies ist auch in Tansania deutlich spürbar: Die türkische Botschaft, die die Tätigkeit der Gülen-Bewegung zuvor unterstützt hatte, versucht nun, Veranstaltungen der Feza-Schulen zu blockieren.

Erdoğan und die AKP üben offen diplomatischen Druck aus und nutzen ihre Beziehungen, um eine Schließung der Schulen im Ausland zu erreichen – auch in Afrika. Erhöht wurde der Druck durch die Gründung der Maarif-Stiftung, die dem türkischen Erziehungsministerium untersteht und die Schulen der Gülen-Bewegung im Ausland übernehmen soll. In vielen afrikanischen Ländern, beispielsweise in Guinea, Tschad, Somalia, Sudan, Senegal, Mauretanien, Niger und Gabun, hat sie das bereits getan. Regierungen anderer Länder lehnen das mit der Begründung ab, es handele sich um eine innerstaatliche Angelegenheit. Die Schulen würden größtenteils von den eigenen Bürgern betrieben und es sei nicht die Sache des türkischen Staates, über die Schulen zu befinden.

Diese Haltung vertritt auch die tansanische Regierung. Der türkische Staatspräsident Erdoğan besuchte im Januar Tansania, um mit Präsident John Magufuli die künftige Kooperation in Infrastruktur, Bauwesen, Landwirtschaft und Tourismus zu besprechen. Dabei bekräftigte er auch seine Forderung, die Tätigkeiten der Gülen-Bewegung zu unterbinden. Bis heute hat die tansanische Regierung jedoch keinerlei Maßnahmen eingeleitet, die auf eine Schließung der Schulen hindeuten. Der Direktor der Feza Boys’ in Daressalaam betonte in verschiedenen Medienberichten, es bestehe keine Verbindung zwischen den Schulen und einem Terrornetzwerk in der Türkei, wie die türkische Regierung behauptet. Es handele sich um tansanische Bildungsreinrichtungen. Die Verbindungen zur Gülen-Bewegung werden öffentlich allerdings nicht weiter erläutert.

Autorin

Kristina Dohrn

ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozial- und Kultur­anthropologie der Freien Universität Berlin und forscht über die Schulen der Gülen-Bewegung in Tansania.
Viele tansanische Eltern lassen sich von dieser Erklärung beruhigen, und nur wenige melden ihre Kinder ab. Im Gegenteil: Feza-Schulen feiern in diesen Tagen wieder große Erfolge. Im nationalen Abschlusstest belegte Feza Boys’ den ersten Platz; viele der großen tansanischen Tageszeitungen veröffentlichten lobende Berichte über einen Absolventen, der landesweit die höchste Punktzahl erreicht hatte. Nur zwei Tage nach Erdoğans Besuch berichtete die tansanische Zeitung „Daily News“, dass eine neue Feza-Schule in Dodoma entstehen soll.

Doch trotz aller Begeisterung von Eltern, Schülerinnen und Schülern für ihre Schulen kämpft die Gülen-Bewegung in Tansania mit Schwierigkeiten. Zum einen fällt die Unterstützung von finanzkräftigen Unternehmern aus der Türkei weg – sei es, weil sie sich von der Gülen-Bewegung abgewendet haben, sei es, dass ihre Geschäfte in der Türkei vom Staat blockiert werden. Somit sind die Schulen stärker von Mitteln aus Tansania abhängig und haben insgesamt weniger Geld zur Verfügung. Auch der diplomatische Druck aus der Türkei erschwert die Arbeit. Zugleich hat die Türkei ihre Rolle als organisatorisches, regionales und ideologisches Zentrum der Gülen-Bewegung eingebüßt. Bislang wurden von dort aus die Finanzierung neuer Projekte und die Entsendung Gülen-inspirierter Lehrerinnen und Lehrer koordiniert. Das muss künftig anders organisiert werden, und die Bewegung wird sich dezentralisieren.

In Tansania sind in den vergangenen Monaten bereits viele leitende Posten in Schulen der Gülen-Bewegung, die mit Türkinnen und Türken besetzt waren, an Tansanierinnen und Tansanier vergeben worden. So unterstreichen Feza-Schulen, dass sie von der Türkei unabhängig sind. Allerdings ist die Gülen-Bewegung nach wie vor Türkei-zentriert, was sich durch die hohe Bedeutung von türkischen kulturellen Praktiken, der türkischen Sprache und einen starken Rückbezug auf die Türkei ausdrückt. Noch bleibt offen, inwieweit die veränderten Bedingungen in der Türkei dazu führen, dass Personen mit einem anderen kulturellen Hintergrund die Bewegung künftig stärker mitprägen werden.

erschienen in Ausgabe 4 / 2017: Die Versuchung des Populismus

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