Bürgerbewegung im Kongo
Schulkinder in Kalonga in der ­Provinz Katanga. Die Grundschule soll im Kongo kostenlos sein; La Lucha protestiert, wenn Behörden sich daran nicht halten.  
Bürgerbewegung im Kongo

"Wir mobilisieren die jungen Leute"

Die Bürgerbewegung „Kampf für den Wandel“ (La Lucha) will erreichen, dass der Kongo besser regiert wird - und bald Wahlen stattfinden. Serge Kambale erklärt, wie die Aktivisten dabei vorgehen.

Wann haben Sie begonnen, sich bei La Lucha einzusetzen und warum?
Ich bin von Anfang an dabei, das heißt in Goma seit 2012. Empörung über die Widersprüche und die soziale Ungerechtigkeit im Kongo hat mich bewogen, Aktivist zu werden. Der Kongo ist potenziell reich, aber die Bevölkerung ist so arm wie in kaum einem anderen Land der Welt.

Welches sind die wichtigsten Ziele von La Lucha?
La Lucha ist die Frucht unserer Überzeugung, dass Wandel im Kongo möglich ist, obwohl die Probleme sehr komplex sind. Aber Lösungen müssen wir selbst finden. Dazu wollen wir als junge Leute beitragen. Für uns liegt der Kern der Probleme nicht einfach in der Armut, der Arbeitslosigkeit oder der schlechten Infrastruktur, sondern tiefer: Das sind alles Symptome der schlechten Regierungsführung. Einerseits wird das Gemeinwesen schlecht regiert. Andererseits hat auch die Bevölkerung einen schiefen Begriff von staatlichen Behörden und weiß nicht, wie sie die zur Rechenschaft ziehen kann. La Lucha arbeitet darauf hin, dass die Bevölkerung ihre Rechte kennt und Rechenschaft verlangt.

Sie machen eine Art staatsbürgerlicher Bildung?
Genau. Aber die ist nicht auf Theorie gegründet, sondern auf Aktionen. Wir organisieren friedliche Demonstrationen und Sit-ins mit dem Ziel, der Bevölkerung zu zeigen: Wenn Ihr Euch in Euren Rechten verletzt seht, dann müsst ihr von den Staatsorganen Rechenschaft verlangen.

Nehmen Sie vor allem lokale Behörden aufs Korn?
Richtig, es geht ja um lokale Probleme. Zum Beispiel ist in Bukavu, wo ich gerade bin, die Versorgung mit Trinkwasser ein großes Problem, oft kommt nichts aus der Leitung. Wir sind heute früh zum Chef des Wasserversorgers gegangen und haben verlangt, dass er das Problem löst. Wir machen auch Aktionen vor der Lokalverwaltung und fragen, warum sie aus Schulbildung ein Geschäft macht, obwohl nach unserer Verfassung die Grundschule kostenlos ist. Und wir fordern Schritte gegen die Cholera, die seit einigen Monaten in der Region auftritt; heute ist in Goma ein Fall bestätigt worden.

Haben Sie mit solchen Aktionen schon Verbesserungen erreicht?
Ja. Zum Beispiel wurden die Stadtteile in Goma lange völlig unregelmäßig mit Trinkwasser versorgt. Unsere Kampagne „Goma will Wasser“ hat erreicht, dass der Bürgermeister einen Terminplan für die Versorgung vorgelegt hat, sodass die Menschen sich jetzt darauf einstellen und Reserven anlegen können. Der Preis, den private Wasserverkäufer verlangen dürfen, wurde reguliert und der für die Wasserversorgung zuständige Mitarbeiter in der Behörde, der inkompetent war, wurde ersetzt. Wir haben auch erreicht, dass in meiner Nachbarschaft zwei Kilometer Straßen gebaut wurden, schließlich wird für Straßen eine Steuer erhoben.

Serge Kambale ist Aktivist der Bürgerbewegung La Lucha (Lutte pour le Changement) in Goma im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Privat
Wie viele Mitglieder hat La Lucha?
Das kann man nicht genau sagen, wir sind ja eine Bewegung. Es werden in Goma, wo wir nach wie vor am stärksten sind, ungefähr tausend Aktivisten sein. Wir haben Mitglieder und Sympathisanten in über zehn Städten, aber wie viele insgesamt, wissen wir nicht.

Sind Sie mit Lokal- oder Provinzbehörden in einem regelmäßigen Dialog?
Nein. Die meisten Behörden sehen uns als Gegner an und denken, wir wollen zeigen, wie wenig Unterstützung sie haben. Sie reagieren auf Protestkundgebungen mit Repression. Gerade ist ein Aktivist in Mbuji-Mayi verhaftet worden, andere sitzen in Lubumbashi im Gefängnis.

Ist die Repression zuletzt schärfer geworden?
Oh ja, seit wir uns zur politisch heiklen Frage der Präsidentschaftswahl äußern. Die Menschen leiden unter einer Wirtschaftskrise, die Währung verliert an Wert, und das ist eine Folge der politischen Krise. Seitdem wir wagen, das zu kritisieren, ist die Repression hart.

La Lucha versteht sich jetzt als Teil einer nationalen Bewegung für die versprochenen Wahlen?
Ja, die verlangen wir jetzt.

Wie soll das durchgesetzt werden?
Wir setzen auf Mobilisierung  – auch mit Hilfe sozialer Medien wie Facebook und Whatsapp. Wir wollen den Menschen im Kongo, vor allem den jungen, deutlich machen, dass wir Präsident Kabila nicht mit der Demokratie spielen lassen dürfen. Dafür lässt sich die Jugend trotz der Repressionen jetzt immer mehr mobilisieren. Ende Juli haben wir zu friedlichen Demonstrationen oder Sit-ins vor den regionalen Büros der Wahlkommission aufgerufen, damit diese einen Terminplan für Wahlen bis Ende 2017 veröffentlicht. Diesen Aufruf  haben die katholische Bischofskonferenz und bedeutende Oppositionspolitiker unterstützt. Bei den Aktionen wurden dann etwa zehn Menschen verletzt und über hundert festgenommen, fünf sitzen noch immer in Haft.

Hat La Lucha, um der Forderung nach Wahlen Nachdruck zu verleihen, Bündnisse mit anderen Bewegungen, Kirchen und Parteien?
Bündnisse haben wir mit anderen Bürgerbewegungen und auch mit Teilen der Kirchen, aber nicht mit Parteien und Politikern. Die haben sich lediglich unseren Appell zu eigen gemacht. Wenn der Eindruck entstünde, wir stünden Politikern nahe, dann wäre das ganz schlecht für uns, denn die Menschen misstrauen Politikern sehr.

Die zweitägigen Aktionen „tote Stadt“ im August haben Berichten zufolge in vielen Städten am ersten Tag das Leben zum Stillstand gebracht, aber am zweiten war es weitgehend normal. Hat die Mobilisierung da enge Grenzen?
Das stimmt. Der größte Teil der Bevölkerung im Kongo ist sehr arm und lebt von der Hand in den Mund. Sie haben einfach keine Reserven. Deshalb ist es sehr schwer, solche Aktionen mehrere Tage durchzuhalten.

Massenaktionen werden im Kongo schon seit Mobutu Sese Seko, also schon jahrzehntelang eingesetzt, um die Demokratie voranzubringen. Das Resultat ist nicht ermutigend, oder?
Demokratie entsteht nach und nach. Wir können als La Lucha nicht die Lage auf einmal grundsätzlich ändern. Aber wir können schrittweise und methodisch fortsetzen, was in den 1990ern angefangen wurde. Vielleicht werden unsere Kinder oder Enkel dann den grundlegenden Wandel erleben, der notwendig ist.

Muss man, um Kabila zum Abtreten zu bringen, Verbündete unter seinen Getreuen finden?
Es gibt auch in Kabilas Lager Leute, die sehen, dass er mit dem Rücken zur Wand steht. Das ist gut, aber wir paktieren nicht direkt mit ihnen. Denn den meisten geht es nicht um Demokratie, sondern darum, dass sie gute Posten bekommen. Wir als La Lucha dürfen uns nicht kompromittieren – auch nicht dadurch, dass wir in die Falle derjenigen tappen, die Kabila mit Gewalt loswerden wollen. Wir sind eine gewaltlose Bürgerbewegung.

Was sollten Europa und die USA tun, um die Demokratie im Kongo voranzubringen?
Die Vereinten Nationen sollten unsere Regierung drängen, Abkommen einzuhalten, die sie unterzeichnet hat – zum Beispiel Menschenrechtsabkommen. Aber Hilfe aus einzelnen Ländern Europas und Amerikas sehen wir skeptisch. Wenn die USA oder Europa sich im Kongo einmischen, dann tun sie das insgeheim vor allem zugunsten ihrer eigenen Interessen. Wir haben zu lange gedacht, dass unser Problem der Westen wäre. Klar gibt es dunkle Machenschaften von transnationalen Unternehmen im Kongo – auch wenn wir vor allem unter Gräueltaten in unserem Land selbst leiden. Aber wir sind überzeugt, dass die Hauptverantwortung für die Demokratisierung bei uns Kongolesen liegt.

Das Gespräch führte Bernd Ludermann.

erschienen in Ausgabe 10 / 2017: Kongo: Das geschundene Herz Afrikas

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