Cradle to Cradle
Der Textilhändler C&A hat vor gut einem Jahr voll kompostierbare T-Shirts auf den Markt gebracht. In die Bio-Tonne dürfen sie aber nicht.
Cradle to Cradle

Kreislauf mit Lücken

Das Cradle-to-cradle-Konzept hat zum Ziel, Produkte komplett wiederzuverwerten – ohne Abfall und am besten immer wieder. Wie funktioniert das bei T-Shirts?

Als Michael Braungart beim schwäbischen Textilhersteller Trigema anklopfte, stieß er auf offene Türen. Im Gepäck hatte der Chemiker sein Cradle-to-cradle-Designkonzept, das er gemeinsam mit dem Familienunternehmen aus Burladingen testen wollte: Ein T-Shirt sollte so produziert werden, dass es, wenn es abgetragen ist oder nicht mehr gefällt, vollständig wiederverwertet werden kann – ohne Überreste und Gifte, die die Umwelt belasten. „Die Idee hat uns sofort eingeleuchtet“, sagt Wolfgang Grupp jr., der für den Verkauf zuständig ist. „Nachhaltigkeit hat für uns einen hohen Stellenwert.“

Trigema, das seine Produktion in Deutschland zum Markenzeichen gemacht hat, brachte 2006 als Erstes eine Cradle to Cradle zertifizierte Kollektion aus Biobaumwolle auf den deutschen Markt. Inzwischen umfasst sie knapp 40 T-Shirts, Jogginghosen, Schlafanzüge und Unterwäsche für Damen und Herren. Der Anteil der Stücke an der Gesamtkollektion liegt laut Grupp jr. bei etwa fünf Prozent. Wer sie kaufe, lege allerdings vor allem Wert auf das Material, weniger auf die Zertifizierung. „Das Siegel sagt den meisten nichts.“

Genaue Umsatzzahlen hat Grupp jr. nicht.Konsum ohne Abfall – das klingt gut in einer Welt, in der Meere mit Plastikresten verseucht sind und vor allem die Großstädte im globalen Süden unter Müllbergen ächzen. Nichts weniger verspricht das Cradle -to-cradle-Konzept, das Braungart und der US-amerikanische Architekt und Designer William Mc Donough bereits in den 1990er Jahren entwickelt und erstmals 2002 in ihrem gleichnamigen Buch beschrieben haben. Es soll auf sämtliche Industriezweige anwendbar sein – nicht nur auf die Textilbranche – und eine umweltfreundliche und sozial gerechte Kreislaufwirtschaft in Gang bringen.

Bei der Produktion die Nachnutzung bedenken

Seine Erfinder unterscheiden zwei Kreisläufe: den technischen und den biologischen. In den technischen Kreislauf kommen sogenannte Gebrauchsgüter wie Autos, Haushaltsgeräte oder Büromöbel. Sie sollen so gestaltet sein, dass die Metalle oder Kunststoffe, aus denen sie gefertigt sind, nach der Nutzung zurückgewonnen werden können – und dann für neue, gleichwertige Produkte zur Verfügung stehen. Verbrauchsgüter wie Kleidungsstücke sollen so hergestellt werden, dass sie als Nährstoffe in einen biologischen Kreislauf Eingang finden. Es geht also darum, dass sich die Hersteller bereits bei der Produktion Gedanken über die Nachnutzung machen und dafür geeignete Materialien auswählen.

Für die Trigema-T-Shirts aus Biobaumwolle heißt das: Sie sind mit biologisch abbaubaren und hautfreundlichen Mitteln gefärbt und kompostierbar. Nach neun Monaten auf einem Komposthaufen sollen sie sich so weit zersetzt haben, dass sie als Dünger verwendet werden können. Knöpfe und Reißverschlüsse sind nicht erlaubt, sie würden ja als Abfall übrig bleiben.

Auch der Herstellungsprozess spielt bei Cradle to Cradle eine Rolle: Es soll so wenig Energie und Wasser wie möglich verbraucht werden, zudem müssten „optimale Arbeitsbedingungen“ und eine faire Bezahlung für die Beschäftigten gewährleistet sein, heißt es im Anforderungskatalog für die Zertifizierung. Das Cradle to Cradle Products Innovation Institute in San Francisco vergibt das Gütesiegel in fünf Ausprägungen von Basic bis Platin, je nachdem, wie gut die Anforderungen erfüllt werden. Trigema darf seine Kollektion mit dem Siegel in Silber schmücken. Es sei ein anspruchsvolles System, „aber für den Verbraucher schwer zu durchschauen“, sagt Viola Wohlgemuth von Greenpeace. In basic-zertifizierten Kleidungsstücken könnten zudem noch schädliche Chemikalien enthalten sein.

Hoher brüokratischer Aufwand

Die Zertifizierung sei ziemlich aufwendig, sagt Grupp jr. Auch alle Lieferanten, etwa von Stoffen und Nähgarnen, würden überprüft. Alle zwei Jahre müsse zudem eine Verlängerung des Siegels beantragt werden. Im bürokratischen Aufwand sieht Grupp jr. auch einen Grund, warum bislang so wenige Textilfirmen Trigemas Beispiel gefolgt sind – in Deutschland ist es bislang lediglich das Modeunternehmen C&A, das für seine T-Shirts aus Biobaumwolle die Goldstufe erreicht hat. Seit der Einführung 2017 seien mehr als 1,5 Millionen Cradle to Cradle zertifizierte Textilien europaweit auf den Markt gebracht worden, erklärt Sprecher Jens Völmicke. Man habe „sehr viel positives Kundenfeedback“ erhalten. Zudem hat das Warenhaus Manufactum seit Anfang März eine zertifizierte Kollektion im Angebot, bestehend aus einer Herrenjacke und einer Damenweste.

Dagmar Parusel vom Umweltinstitut EPEA in Hamburg sieht das anders. Die Zertifizierung sei zwar „kompliziert“, aber sie sei auch in Ländern wie Bangladesch möglich, in denen viele Zulieferfirmen für die Textilindustrie sitzen. Das von Michael Braungart gegründete Institut berät Unternehmen beim Einstieg in die Kreislaufwirtschaft. Parusel registriert ein „sehr hohes Interesse“ bei Textilfirmen und verweist auf die Entwicklung neuer, kreislauffähiger Kunstfasern wie Econyl oder Roica und auf die wachsende Begeisterung von Modedesignern für „Design for Circularity“.

Doch einen grundlegenden Schwachpunkt des Konzeptes für die Textilwirtschaft räumt auch Parusel ein: Der biologische Kreislauf, auf dem es beruht, wird in der Regel nicht geschlossen. In der Biotonne in Deutschland dürfen die T-Shirts nicht entsorgt werden, weil das System nicht darauf ausgelegt ist, zwischen kompostierbaren und nichtkompostierbaren Kleidungsstücken zu trennen – beides würde somit aussortiert, weil herkömmliche Kleidungsstücke, selbst wenn sie aus natürlichen Stoffen wie Baumwolle oder Leinen sind, in den Restmüll gehören. Die Cradle-to-cradle-Stücke müssten in eine speziell dafür ausgelegte Kompostieranlage gegeben oder im Garten kompostiert werden.

„Das werden die wenigsten Kunden tun“, meint Wolfgang Grupp jr. von Trigema, der den Ansatz gleichwohl für sinnvoll hält. Zumindest der Produktionsprozess werde damit umweltfreundlich und nachhaltig gestaltet. Erst wenn sich Cradle to Cradle mehr durchsetze, werde es wohl auch Firmen geben, die in das Geschäft mit der Kompostierung einsteigen. Eine Rücknahme der gebrauchten Kleidung zur Wiederverwertung lehne Trigema ab, das lohne sich nicht, sagt Grupp jr.

Zurückbringen - und gleich wieder einkaufen

C&A hingegen setzt unter anderem auf die Dienste des Schweizer Unternehmens I:CO, um den Textilkreislauf zu schließen. Die Firma sammelt die T-Shirts in Modegeschäften, lässt sie abholen, sortieren, an Second-Hand-Läden liefern oder recyceln. Wiederverwertbare Fasern wie Baumwolle, aber auch manche Kunstfasern werden zu Garnen gesponnen, die erneut in der Textilproduktion zum Einsatz kommen. Als Dankeschön für das Zurückbringen erhalten die Kunden einen Gutschein für den nächsten Einkauf. C&A unterhält zusammen mit I:CO inzwischen in fünf Ländern ein solches „Take it back“-Programm, bis 2020 soll es auf ganz Europa sowie China, Brasilien und Mexiko ausgedehnt werden.

Autorin

Gesine Kauffmann

ist Redakteurin bei "welt-sichten".
Für diese Form der Wiederverwertung müssen die T-Shirts jedoch nicht Cradle to Cradle zertifiziert sein – auch andere Modeketten nehmen die Dienste von I:CO in Anspruch. Umweltorganisationen stehen solchen Kollektionen ohnehin eher skeptisch gegenüber – zumal sie bislang nur einen Bruchteil des Gesamtangebotes ausmachen. Vor allem die Kompostierung stößt auf ihre Kritik. „Eine Idee für die Tonne“ kommentierte etwa der Bund für Umwelt und Naturschutz die Einführung der zertifizierten T-Shirts bei C&A. Kleidung solle haltbar und auf ein langes Leben angelegt sein, nur so könnten Ressourcen geschont werden – ein T-Shirt, das nach einem Monat auf dem Kompost lande, sei nicht nachhaltig.

Das findet auch Viola Wohlgemuth von Greenpeace. Die „Beschleunigung von Modezyklen“ könnten Cradle-to-cradle-Textilien nicht aufhalten. „Wir müssen ein Bewusstsein für die Wertschätzung von Kleidung schaffen“, sagt sie – etwa mit Tauschbörsen oder Reparaturcafés. Die Biologin Dagmar Parusel, selbst früher im Pestizid-Aktions-Netzwerk PAN aktiv, will diese Einwände nicht gelten lassen. Der größte Teil der Umweltprobleme werde durch Müll verursacht. „Das müssen wir so schnell wie möglich stoppen“. Und dabei könnten Cradle-to-cradle-Textilien helfen.

erschienen in Ausgabe 5 / 2018: Müllberge als Goldgruben

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