Vergiftete Atmosphäre

Von Andrew Gwaivangmin

Die Stadt Jos in Zentral-Nigeria war wiederholt Schauplatz blutiger Kämpfe zwischen Christen und Muslimen, zuletzt im November 2008. Meist geht es dabei um Macht und die Verteilung knapper Ressourcen. Misstrauen und Hass zwischen den Religionsgruppen nehmen jetzt wieder zu. Doch weder der Staat noch die Glaubensgemeinschaften bemühen sich ernsthaft um langfristige Strategien zur friedlichen Lösung der Konflikte.

Hunderte Menschen kamen am 28. November 2008 bei blutigen Unruhen in der nigerianischen Stadt Jos ums Leben. Ausgelöst wurden die Kämpfe durch den Ausgang der Kommunalwahlen, die unter religiösem Vorzeichen stattfanden: Anhänger christlicher und islamischer Parteien warfen sich gegenseitig Betrug vor. Solche Ausschreitungen werden in der Regel von hochrangigen Politikern unterstützt. Deshalb wiederholen sie sich immer wieder. Mit ihrem Streben nach Macht haben die Politiker dazu beigetragen, dass die Politik alles zunichte macht, was der Religion heilig ist. Sie haben die Herzen der Menschen mit Bitterkeit und Hass auf die Religion der jeweils anderen erfüllt. Seit Mai 1992 sind in Nigeria mehr als 10.000 Menschen lokalen, religiös motivierten Kämpfen zum Opfer gefallen.

Der Staat muss bei der Bewältigung von Konflikten und der Gewaltvermeidung eine führende Rolle spielen. Doch die Verantwortung liegt nicht allein bei ihm. Alle Bürger sind in ihrem Alltagsleben, in ihrer Gemeinde und in der Gesellschaft dafür verantwortlich, eine Kultur des Friedens zu schaffen und zu erhalten. Und vor allem sind die Religionsgemeinschaften gefordert: Die Nigerianer sind sehr religiös, so dass Kirchen und Moscheen alle Bereiche der Gesellschaft erreichen können. Ferner sind Frieden und Gerechtigkeit die zentralen Werte für das Christentum und den Islam, die beiden wichtigsten Religionen im Land.   

Dennoch erscheint die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Religionen oft als der wichtigste Faktor bei der Eskalation von Spannungen und Gewalt. Zwar sind voreilige Verallgemeinerungen über die Religion als Quelle von Konflikten oder als gemeinsames Grundthema von Unruhen und Auseinandersetzungen nicht angebracht. Aber Christen und Muslime müssen sich mit der Rolle der Religion bei den Zusammenstößen auseinandersetzen, um sie besser zu verstehen - um der Zukunft ihres Landes willen.

Ethnisch und religiös gefärbte Ausschreitungen nahmen in der Mitte der 1980er Jahre zu und eskalierten während der vergangenen zehn Jahre, vor allem in Zentral-Nigeria, dem sogenannten „Middle Belt", wo Christen und Muslime leben - zum Teil aufgrund von Zuwanderung aus dem christlich geprägten Süden oder dem muslimischen Norden des Landes. In vielen Fällen verläuft die Front entlang den Trennungslinien zwischen verschiedenen Ethnien sowie zwischen Christen und Muslimen. „In der Praxis ist es schwierig, zwischen religiösen und ethnischen Konflikten eindeutig zu trennen", erläutert Cletus Tanimu Gotan, ein katholischer Priester aus Jos. „Die Auseinandersetzungen können als ethnische Konflikte beginnen und dann zu religiösen werden oder umgekehrt, denn in den meisten Fällen gehören die gegnerischen Parteien zugleich zu verschiedenen ethnischen und religiösen Lagern." Zu den Krisen in Jos 2001 und 2008 habe geführt, dass sich die einheimische Bevölkerung (Berom, Afizere und Anaguta) einerseits und die aus dem Norden eingewanderten Hausa-Fulani andererseits die Herrschaft über die Stadt streitig machten. „Obwohl die Streitursache nichts mit Religion zu tun hat, eskalierte die Auseinandersetzung zwangsläufig zu einem Religionskrieg, weil die Einheimischen überwiegend Christen und die Hausa-Fulani Muslime sind", so Gotan.

Während vieler Generationen und in den meisten Teilen des Middle Belt war die Beziehung zwischen Christen und Muslimen von Respekt geprägt. Sie lebten friedlich nebeneinander. In den vergangenen Jahren wuchsen jedoch das gegenseitige Misstrauen, die Abgrenzung und der Hass; damit nahmen auch die blutigen Kämpfe im Namen der Religion zu. Doch verläuft die Front nicht immer zwischen Christen und Muslimen; es gibt auch Spannungen und gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen christlichen und verschiedenen muslimischen Gruppierungen. Zugleich ist die Religion nur ein Aspekt in Konflikten. Diese werden häufig von Machtfragen, Armut und dem Kampf um Ressourcen ausgelöst.

Der größte Teil der Bevölkerung des Middle Belt lebt immer noch weitgehend von der Landwirtschaft. Vor allem zwischen Viehzüchtern und Ackerbauern kommt es häufig zu Streitigkeiten über den Zugang zu Land und Weideflächen. Daneben drehen sich Auseinandersetzungen oft um die Herrschaft über einen Clan oder um das Bestreben einer Untergruppe, wirkliche oder vermeintliche Vorteile, die der ganzen Gemeinschaft zugute kommen sollten, an sich zu reißen. Manchmal haben Teile der Gemeinschaft den Eindruck, dass ihnen elementare Ansprüche verwehrt werden, oder eine Gruppe fühlt sich bei der Verteilung von staatlichen Zuwendungen auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene unfair behandelt.

Auch die Veränderungen im Kräfteverhältnis zwischen der ursprünglichen Bevölkerung und den neu Zugezogenen sind Ursache von Konflikten im Middle Belt. Durch Migration verändert sich die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung. Wenn die Zahl der „Neusiedler" ansteigt und sie den Einheimischen wirtschaftlich überlegen sind, fordern sie oft denselben bürgerrechtlichen Status. So taten es beispielsweise die Hausa-Fulani und andere ethnische Minderheiten während der Krise in Jos. Laut Gesetz sind in Nigeria die Bürgerrechte eines Menschen an den Staat geknüpft, mit dem er kulturell und ethnisch verbunden ist. Wer aus einem Staat in einen anderen umzieht, besitzt nicht mehr alle Rechte eines einheimischen Bürgers. Die Neusiedler können sich deshalb diskriminiert fühlen; andrerseits rebellieren die Einheimischen, wenn sie den Eindruck haben, dass Neuankömmlinge aufgrund ihres Wohlstands einen starken Einfluss auf die lokale Politik erhalten.

Der großen Mehrheit der Armen im Middle Belt bleibt der Zugang zu einem funktionierenden demokratischen System und eine gerechte Behandlung seitens staatlicher Institutionen verwehrt. Zuwendungen aus Förderprogrammen und Jobs bekommt man ihrer Erfahrung nach eher, wenn man von einzelnen Politikern protegiert wird, als wenn man Gleichbehandlung für alle Bürger fordert. Die geringe Bedeutung der politischen Parteien verstärkt Strukturen, die stark an Persönlichkeiten und persönlichen Beziehungen ausgerichtet sind. Oft erpressen und bedrohen die Politiker ihre Gegner, um sich die Gunst und die Unterstützung ihrer eigenen ethnischen oder religiösen Gruppierung zu sichern.

Vielerorts trauen die Menschen dem Staat und den Gerichten nicht zu, dass sie diese Probleme in den Griff bekommen. Es gibt keine ernsthafte Diskussion über die tief verwurzelten Gegensätze in der nigerianischen Gesellschaft, keine Programme der Armutsbekämpfung und keine effektive Strafverfolgung. So kann sich kein Vertrauen auf staatliche Maßnahmen der Konfliktbekämpfung bilden. Die Eindämmung und Unterdrückung gewaltsamer Proteste gelten als die übliche Reaktion auf einen Konflikt.

Im Middle Belt gibt es eine Vielfalt von Religionsgemeinschaften und Kirchen. Religiöse Verpflichtungen sind für die meisten Menschen sehr wichtig, und anders als in Europa werden Glaubensinhalte und religiöse Texte in der Öffentlichkeit häufig angesprochen und zitiert, im Alltagsleben normaler Bürger ebenso wie in den Reden der Politiker. Doch statt von Respekt und Kooperation wird die Beziehung zwischen Christentum und Islam stärker als früher von Polarisierung und Feindseligkeit bestimmt sowie von der Furcht, von der anderen Religion „unterworfen" zu werden. Die Unterschiede der Religion sind zu einem wesentlichen Aspekt der Gegensätze innerhalb der Bevölkerung geworden, und in angespannten Situationen können sie leicht dazu benutzt werden, einen Streit eskalieren zu lassen.  

Es mangelt an ernsthaften und langfristig angelegten Bemühungen, die Spannungen zwischen Christen und Muslimen abzubauen. Zwar arbeiten einzelne Geistliche und auch Laien am Aufbau respektvoller Beziehungen, aber in der Regel vertreten sie keine Mehrheit und keine offiziellen Positionen. Die religiösen Führer suchen den Dialog hauptsächlich dann, wenn es bereits eine Konfrontation gibt, oder danach. Dies hilft oft, das Zusammenleben auf lokaler Ebene wieder zu verbessern, wirkt jedoch nur kurzfristig. Die Gespräche fließen nicht in eine Strategie ein, die die Ursachen der Probleme im Middle Belt und deren religiöse Dimension analysiert sowie nach Wegen sucht, sie friedlich zu bearbeiten und herauszufinden, welchen Beitrag die Religionsgemeinschaften leisten könnten.

An vielen Gesprächen sind Vertreter der Regierung beteiligt. Doch sie machen es sich häufig zu leicht und reduzieren das Problem auf die religiöse Dimension der Auseinandersetzung. Zum Schluss geben alle Seiten politisch korrekte Erklärungen ab. Sie entspringen aber keinen ernsthaften Überlegungen, wie man die Polarisierung in der Gesellschaft überwinden und die Konflikte entschärfen kann. Sowohl Christen als auch Muslime stellen gerne die theologische Auslegung ihrer Schriften in den Mittelpunkt und heben Texte und Traditionen hervor, die auf Frieden und Gerechtigkeit abheben. Der Beitrag der Religionen zur Rechtfertigung von Unterdrückung und Gewalt wird heruntergespielt. Bemühungen, über die theologische Diskussion hinaus Ansätze für eine Friedensarbeit zu entwickeln, stehen erst am Anfang. Der von der Regierung ins Leben gerufene Nationale Interreligiöse Rat (NIREC) ist zu schwach, um sie voranzubringen.

Es ist fraglich, ob sich das Verhältnis von Christen und Muslimen bald so grundlegend ändern kann, dass sie sich mit Respekt statt mit Feindschaft begegnen. Dem steht die Konkurrenz zwischen unterschiedlichen Weltanschauungen auf internationaler Ebene entgegen, in der die religiöse Dimension eine wichtige Rolle spielt. Auch das Ausmaß der Ungerechtigkeit und der Not im Land sowie die militante Intoleranz fundamentalistischer islamischer Gruppen sind schwer zu überwindende Hindernisse. Das Bestreben beider Seiten, durch eine zahlenmäßige Überlegenheit im Middle Belt die Oberhand zu gewinnen, trägt ebenfalls dazu bei, dass der Umgang miteinander vom Misstrauen beherrscht bleibt. 

Aus dem Englischen von Anna Latz.

Andrew Gwaivangmi ist Geschäftsführer der christlichen Entwicklungsorganisation Rural Development Counsellors for Christian Churches in Africa (RURCON) in Jos,  einer Partnerorganisation des EED.

 

 

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