„Vergewaltigung wird systematisch als Kriegswaffe eingesetzt“

Karin Döhne, Afrikareferentin beim Evangelischen Entwicklungsdienst (EED), hat zusammen mit einer internationalen Delegation des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) die Demokratische Republik Kongo besucht. Die Reise war Teil des Besuchsprogramms der so genannten Lebendigen Briefe – kleiner ökumenischer Teams, die Kirchen in Konfliktregionen besuchen und unterstützen. Schwerpunkt der Reise war das Thema sexuelle Gewalt gegen Frauen.

Haben Sie auf der Reise Frauen getroffen, die Opfer sexueller Gewalt wurden?

Ja, bei der Frauenkonferenz des Allafrikanischen Kirchenrates (AACC). Besonders eindrücklich waren allerdings die Schilderungen einer jungen Ärztin aus einem kirchlichen Krankenhaus in Bukavu in der Provinz Südkivu. Sie machte deutlich, dass es sich nicht um Einzelschicksale handelt, sondern dass sexuelle Gewalt gegen Frauen in der Region systematisch als Kriegswaffe eingesetzt wird.

Wie ist das gemeint?

Es geht darum, die Gemeinschaft in ihrem Kern zu treffen. Es sind nicht immer die Soldaten selbst, die vergewaltigen, sondern Angehörige werden gezwungen, Frauen zu vergewaltigen – teilweise öffentlich. Männer und Frauen verlieren ihre Selbstachtung. Das soziale Gewebe wird zerstört. Und wenn Frauen aufgrund der Verstümmelungen nicht mehr gebären können, dann verliert die Gemeinschaft die Hoffnung auf Zukunft.

Gibt es offizielle Zahlen?

Schätzungen gehen von einer Gesamtzahl von 500.000 Opfern aus. Die Ärztin aus Bukavu berichtete, dass allein in ihrem Krankenhaus im vergangenen Jahr 3500 Frauen aufgrund von sexueller Gewalt medizinisch oder psychologisch behandelt wurden.

Werden die Täter zur Rechenschaft gezogen?

Nur in wenigen Fällen. Die meisten kommen ungeschoren davon, was für die Frauen noch eine zusätzliche Demütigung bedeutet. Einige Menschenrechtsorganisationen und Kirchen sind dabei, die Fälle zu dokumentieren, und bemühen sich um Rechtsbeistand für die Frauen. Aber weder die Polizei noch die Justiz funktionieren wirklich.

Der ÖRK-Generalsekretär Sam Kobia hat während der Reise den Kirchen Blindheit beim Umgang mit dem Thema sexuelle Gewalt vorgeworfen. Wie wurde dieser Vorwurf aufgenommen?

Sam Kobia ging es nicht nur um sexuelle Gewalt als Kriegswaffe wie im Kongo, sondern auch um die Gewalt, der Frauen weltweit in ihren Familien und in der Gesellschaft ausgesetzt sind. Dazu zählte er auch die skandalös hohen Zahlen der Müttersterblichkeit. Er machte deutlich, dass Gewalt gegen Frauen Sünde ist und ins Zentrum der Kirchen gerückt werden muss. Insgesamt wurde sein Appell in Kinshasa als kons­truktiv wahrgenommen. Dass das Thema sexuelle Gewalt gegen Frauen im Mittelpunkt der Reise stand, geht auf eine Initiative der AACC und der Église du Christ au Congo (ECC) zurück, dem landesweiten Kirchenverband, in dem 62 protestantische und orthodoxe Kirchen zusammenarbeiten.  Die Kirchen nehmen das Thema sehr ernst. Zur Frauenkonferenz in Kinshasa kamen viele Bischöfe und Kirchenpräsidenten.

Wie engagieren sich die Kirchen im Kongo in der Praxis gegen sexuelle Gewalt?

Das Krankenhaus in Bukavu ist ein Beispiel, wie Kirchen den betroffenen Frauen helfen. Darüber hinaus engagieren sie sich in der Nothilfe und kümmern sich in Kooperation mit nichtstaatlichen Organisationen um die Dokumentation von Fällen, sorgen für Rechtsbeistand für die Opfer und bemühen sich um soziale Rehabilitierung. Sie leisten aber auch Präventionsarbeit, zum Beispiel in Form von Seminaren, in denen es um ein konstruktives Männerbild geht, das Gewalt als vermeintlichen Ausdruck von Männlichkeit in Frage stellt. Die Kirchen in den Kivu-Provinzen suchen direkten Kontakt zu Gruppen, die den ruandischen Hutu-Rebellen von der FDLR zugerechnet werden, was extrem schwierig ist und teilweise auch unter Gefahr für das eigene Leben geschieht. Sie gehen aber davon aus, dass es auch bei den Milizen Menschen gibt, die für friedliche Lösungen gewonnen werden können.

Welche Folgen hat die andauernde Gewalt im Osten für das Land?

Das allgemeine Gewaltniveau im Kongo steigt. Die Idee von Frieden und auch der Wert von Verhandlungen zur Konfliktlösung werden durch die Kämpfe im Osten ständig unterminiert. Gewalt als Mittel zur Durchsetzung von Interessen wird immer alltäglicher. Das reicht bis in die Familien hinein und ist nach Auskunft von Kirchenvertreterinnen und -vertretern auch unter Jugendlichen deutlich festzustellen. Ein Beispiel aus Bas Congo im Westen des Landes: Dort gibt es eine Bewegung, die als kulturell-spirituelle begonnen hat, mittlerweile aber auch politische Anliegen, wie die Verhinderung des Zuzugs von „Fremden“ in die Region, mit Gewalt durchsetzen will.

Welchen Einfluss haben die Kirchen im Kongo auf die Gesellschaft und auf die politischen Entscheidungsträger?

Ihr Einfluss ist relativ hoch. Die Kirchen sind überall im Land präsent und ein wichtiger Anbieter von sozialen Grunddiensten wie Bildung und medizinische Versorgung. Der Staat spielt da oft nur eine marginale Rolle. In der Provinz Kasai Oriental, die wir besucht haben, kommen auf etwa 4400 kirchliche Schulen nur 800 staatliche. Die Kirchen mischen sich auch in gesellschaftliche Fragen ein, wie kürzlich in die der Ausbeutung der Bodenschätze. Wichtige Kirchenvertreter bekleiden politische Ämter und haben so einen direkten Einfluss auf politische Entscheidungen.

Wie ist es um die Zusammenarbeit der Kirchen im Kongo bestellt? Ziehen sie an einem Strang?

Allein die Existenz des Kirchenverbundes der Église du Christ au Congo  verdeutlicht die Kooperationsbereitschaft. Es ist schon erstaunlich, wie die 62 Mitglieder die Balance zwischen einer gemeinsamen Arbeitsstruktur und ihren unterschiedlichen theologischen Profilen halten. 

Das Gespräch führte Katja Dorothea Buck.

Karin Döhne leitet das Referat West- und Zentralafrika beim Evangelischen Entwicklungsdienst in Bonn.

erschienen in Ausgabe 9 / 2009: Medien: Die heiße Ware Information