Bewaffnete Gruppen
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Nicht jede Krise ist eine Klimakrise

Kann der Klimawandel Gewaltkonflikte anheizen? Eine aktuelle Studie zeigt am Beispiel Niger, dass diese Annahme zu gefährlichen Fehlschlüssen verleiten kann.

Eine der zentralen Schmuggelrouten Afrikas führt durch Agadez im Norden Nigers. Die Region ist ein Nadelöhr für Migranten aus Afrika auf der Flucht in den Norden, auch Drogen und Gold werden auf diesem Weg illegal außer Land geschafft – begleitet von Waffengewalt. Forscher des Overseas Development Institute (ODI) haben nun untersucht, inwiefern die in im Sahel häufigen Dürren Menschen in das Schmuggelgeschäft treiben und damit zur Verbreitung von Gewalt beitragen.

Für ihre Studie haben sie knapp 30 Menschenhändler und Schmuggler sowie deren Väter befragt. Viele der Väter waren Hirten, die in den 1970er und 1980er Jahren auch infolge von Dürren als Bauern sesshaft wurden oder als Arbeiter im Baugewerbe oder in Uranminen anheuerten. Bei der „Jobwahl“ der Söhne spielten Umweltfaktoren dagegen keine Rolle: Sie zog vor allem der lukrative Verdienst an. So gaben die Befragten an, umgerechnet mindesten 2300 Euro pro Monat zu verdienen – sehr viel Geld in einem Land, in dem das jährliche Pro-Kopf-Einkommen bei durchschnittlich rund 440 Euro liegt.

Für den Anstieg des Schmuggelgeschäfts machen die Forscher andere Faktoren verantwortlich als das Klima. In den 1980er Jahren hätten die Sanktionen gegen Libyen den Schwarzhandel mit Zigaretten angetrieben, später seien die Drogenhändler aufgrund der wachsenden Nachfrage in Europa auf Kokain umgestiegen. Um die wertvolle Ware gegen Banditen zu schützen, hätten sich die Schmuggler mit Kleinwaffen ausgerüstet, die vor allem nach dem Zusammenbruch des Gaddafi-Regime leicht zu bekommen waren.

Anpassung an den Klimawandel als Instrumente der Sicherheitspolitik missbraucht

Einen weiteren Grund für die zunehmende Waffengewalt sehen die Forscher in der europäischen Außenpolitik, auf deren Druck hin die Regierung Nigers den Transport von Menschen nördlich von Agadez verboten hat. Um auf anderen Routen auszuweichen, hätten sich die Menschenschmuggler weiter kriminalisiert und seien Verbindungen mit bewaffneten Milizen eingegangen.

Die Forscher warnen mit Blick auf den Norden Nigers davor, die Bedeutung des Klimawandels für die Gewalt zu überschätzen. Das führe schon heute dazu, dass Programme zur Anpassung an den Klimawandel als Instrumente der Sicherheitspolitik missbraucht würden. Zudem lenke es von den eigentlichen Ursachen ab: den Mechanismen, die den illegalen Handel am Leben halten, und dem Fehlen von Aussichten für junge Menschen, abseits des Schmuggelgeschäfts ein erträgliches Einkommen zu erzielen.

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