Kakao-Anbau

Bei Sinfra in der Côte d‘Ivoire erntet ein Bauer Kakaofrüchte. Das Land ist der größte Exporteur von Rohkakao, doch vom Erlös können viele ­Produzenten nicht leben.

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Kakao-Anbau

Nachhaltig in die Sackgasse

Schokoladenkonzerne unterstützen in Westafrika den nachhaltigen Anbau von Kakao. Den Bauernfamilien, die sich darauf einlassen, schadet das eher.

Die staatliche Kakao- und Kaffeebehörde (Coffee and Cocoa Council, CCC) der Côte d‘Ivoire (Elfenbeinküste) hat 2018 die Schokoladenhersteller in einem Brief aufgefordert, ihre Nachhaltigkeitsprojekte einzustellen. Sie reagierte damit auf ein Überangebot an Kakao, dessen Ursache sie zu Recht in Nachhaltigkeitsprogrammen sah. „Mit diesen Programmen drängt uns die Schokoladenindustrie zur Überproduktion“, erklärte ein leitender Beamter der Behörde. „Wir wollen unsere Produktionsmenge kontrollieren, und dazu müssen diese Programme enden.“

Die Gewinner der Überproduktion waren 2018 die Schokoladen-Multis: Sie meldeten Rekordgewinne und ihre Sorge, die Versorgung mit Rohkakao sei unsicher, löste sich auf. Verlierer waren die Kakaobauern und ihre Gemeinden. Ivorische Kakao-Kleinbauern hatten 2018 einen Einkommensrückgang um ein Drittel gegenüber 2017 zu verzeichnen; Ghana musste seine Kakaobauern subventionieren, damit sie nicht in Armut abrutschten.

Das war kein Einzelfall. Nachhaltigkeitsprogramme sind fast immer Schokoladenkonzernen und -konsumenten in den Industrieländern zugutegekommen, während Kakaobauern und landwirtschaftliche Genossenschaften den Kürzeren zogen.
Ein Grund ist die Art des Kakaoanbaus in Westafrika: Die Regel war lange, dass Bauern ein Stück intakten Wald in Besitz nehmen, ihn mithilfe von Brandrodung beseitigen und Kakaobäume pflanzen. Sobald die zu alt werden – meist nach 20 bis 25 Jahren –, ziehen sie zum nächsten Waldgebiet weiter.

Im Treibhaus des Landwirtschaftszentrums von Nestlé in Abijan nimmt ein Arbeiter Proben. Der Konzern unterstützt Kleinbauern, damit sie weiter Kakao anbauen. benjamin lowy/getty images
Denn es ist sehr schwierig, dieselbe Fläche neben alternden Kakaobäumen mit neuen zu bepflanzen. „Zu den Problemen für die Bauern gehören mehr Unkraut, mehr Schädlinge und Krankheiten, geringere Bodenfeuchte und Bodenfruchtbarkeit, Erosion, mehr Wind, möglicherweise veränderte Regenfälle. Geringere Holzvorkommen können die Wohnkosten in die Höhe treiben, und weniger Wildbestände lassen die Lebenshaltungs- und Arbeitskosten steigen“, heißt es in einer Studie von François Ruf und Honoré Zadi.

Ein Kleinbauer bemerkt, dass man nur die Hälfte herausbekommt, wenn man Grasland anstelle von Waldland mit Kakao bepflanzt. Das erklärt, warum Kakaobauern Waldrodung bevorzugen. Und deshalb hat in der Côte d‘Ivoire, dem weltweit größten Kakaoproduzenten und Exporteur von Kakaobohnen, der Präsident 1963 erklärt: „Land gehört dem, der es urbar macht.“ Damit hat er Kakaobauern erlaubt, Waldflächen einfach in Besitz zu nehmen.

Ist der Wald aber erst einmal zerstört, dann diversifizieren die Bauern ihren Anbau normalerweise: Sie bauen Feldfrüchte an, die anders als Kakao kein Waldland brauchen wie Maniok, Mais oder Gemüse. Wenn sie auf gerodeten Waldflächen längerfristig Kakao anbauen, dann bürden sie sich und ihren Gemeinschaften zusätzliche Lasten auf, denn das ist mit weit höheren Produktionskosten verbunden.

Bauern davon abhalten, den Anbau von Kakao aufzugeben

Für die Schokoladen-Multis sieht die Sache anders aus: Die Diversifizierung ist zwar im Interesse der Kakaobauern, aber nicht der Schokoladenhersteller, die auf Kakao als Rohstoff angewiesen sind. Darum sind sie umso besorgter, als gleichzeitig mit dem Verlust der Wälder in Westafrika die Nachfrage nach Schokoladenprodukten in asiatischen Schwellenländern sprunghaft gestiegen ist.

Autor

Michael Ehis Odijie

ist Politikwissenschaftler am Zentrum für Afrikastudien der Universität Cambridge (Großbritannien).
Als Folge davon haben die großen Schokoladenhersteller in den vergangenen Jahren begonnen, in großem Stil in Kakao-Nachhaltigkeitsinitiativen zu investieren: Sie wollen das Rohkakao-Angebot sichern, indem sie die Bauern davon abhalten, den Anbau von Kakao zugunsten anderer Feldfrüchte aufzugeben. Manche Nachhaltigkeitsprogramme sind Initiativen einzelner Unternehmen, etwa „Vision for Change“ von Mars, „Cocoa Life Sustainability Program“ von Mondelez, „Cocoa Plan Sustainability Program“ von Nestlé und „Cocoa Link Sustainability Program“ von Hershey. Andere sind Gemeinschaftsinitiativen wie die CocoaAction und die African Cocoa Initiative im Rahmen der Weltkakaostiftung (World Cocoa Foundation).

Die Initiativen haben meistens zwei Elemente: Förderung der Produktivität sowie Hilfen für die Gemeinden. Hierzu gehören Projekte, die den Zugang zu Bildung erleichtern, den Kinderschutz verbessern, Frauen stärken und Trinkwasser- und Sanitäreinrichtungen fördern. Der Hauptanteil jedes Programms ist aber die Produktivitätsförderung: Bauern werden geschult und mit Dünger, Krediten, Kakao-Setzlingen, Pestiziden und anderem versorgt. So erhalten sie Anreize, den Kakaoanbau durch neue Bepflanzung derselben Fläche fortzusetzen. Damit binden sie sich langfristig (Kakaobäume tragen bis zu 15 Jahre lang Frucht, erstmals nach drei bis fünf Jahren). Daher werden Bauern, die man einmal zur Neupflanzung überredet hat, wahrscheinlich selbst unter sich verschlechternden Bedingungen weitermachen.

Aus Sicht der Bauern gibt es bei den Nachhaltigkeitsprogrammen drei Kernprobleme. Erstens behandelt keines umfassend die Kosten, die der Übergang vom auf Rodung beruhenden zum ortsgebundenen Kakaoanbau in Westafrika mitbringt. So müssen etwa die Bauern die Kosten für die Einstellung zusätzlicher Arbeitskräfte, die zur Neuanpflanzung gebraucht werden, komplett selbst tragen.

Zweitens befassen sich die Nachhaltigkeitsinitiativen – ausgenommen Fairtrade International und in geringerem Maße andere Zertifizierungsstellen – nicht direkt mit den Einkünften der Bauern. Multinationale Konzerne bewerben ihre Nachhaltigkeitsprogramme als produktivitätsfördernd, was sie grob als Steigerung des Ertrags definieren, und gehen davon aus, dass damit auch die Gewinne der Bauern steigen. Doch das ist falsch, weil auch die Kosten steigen.

Drittens bringen Nachhaltigkeitsprogramme über die Kosten für den Anbau auf lange entwaldetem Land hinaus weitere Kosten mit sich. Das Produktivitätspaket von CocoaAction zum Beispiel, zu dem eine Verbesserung der Neubepflanzung und ein wirksamerer Düngereinsatz gehören, bürdet den Bauern zusätzliche Ausgaben etwa für Arbeitskräfte auf.

Kinderarbeit hat zugenommen

So haben Kakao-Nachhaltigkeitsprogramme zwar bewirkt, dass Bauern den Kakaoanbau fortsetzen. Doch die zusätzlichen Kosten übernehmen sie nicht. Und die belasten die Kakao produzierenden Gemeinden. Alle sozialen Probleme, die man heute mit dem Kakaosektor in Westafrika verbindet, sind im Wesentlichen durch die Bewirtschaftung ehemaliger Waldflächen entstanden – insoweit jedenfalls, wie es sie in den Zeiten des Anbaus auf Waldland nicht gab.

Nehmen wir die Kinderarbeit – und die Kindersklaverei, die schwieriger in Zahlen zu fassen ist – sowie die allgemeine Verarmung. Studien haben gezeigt, dass trotz aller Gegenmaßnahmen die Zahl der Kinder, die in der Côte d‘Ivoire im Kakaoanbau gefährliche Arbeit verrichten, von 2008/2009 bis 2013/2014 um fast die Hälfte auf 1,15 Millionen gestiegen war.

Warum? In der Côte d‘Ivoire finden Kakaobauern ihre Arbeitskräfte vor allem unter Migranten, und der größte Anreiz für diese, zu kommen, ist die Aussicht auf Zugang zu Land: Nach einer Weile bauen sich die meisten von ihnen ihre eigene Farm auf. Die Entwaldung hat daher zu Arbeitskräftemangel geführt, da es kaum noch Waldland zu roden gibt. So zeigen Daten der Weltbank, dass in der Côte d‘Ivoire die Zahl der aus dem Ausland Zugewanderten 1995-1996 zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit des Landes nicht mehr wuchs und nach 1998, als kaum noch neuer Wald erreichbar war, abrupt sank.

Frauen sortieren Rohkakao in Abijan. Um den Preisverfall auf dem Weltmarkt zu stoppen, haben ­Ghana und die Côte d‘Ivoire, die beiden größten Exportländer, Mitte 2019 die Ausfuhr beschränkt. Phil Noble/ Reuters
Doch paradoxerweise braucht man für den Kakaoanbau auf länger entwaldetem Land mehr als doppelt so viele Arbeitskräfte wie für den Anbau auf Waldland. Das heißt, nach der Entwaldung brauchen die Bauern mehr Arbeitskräfte, es sind aber weniger verfügbar. Als Folge greifen sie auf billigere Arbeitskräfte zurück: mehr mitarbeitende Familienangehörige, Kinderarbeit und Kinderhandel. Ein weiteres Paradox ist, dass sämtliche Kakao-Nachhaltigkeitsprogramme sich auch die Abschaffung der Kinderarbeit auf die Fahnen geschrieben haben, das Problem der verfügbaren Arbeitskräfte jedoch außer Acht lassen.

Früher stand in der Côte d‘Ivoire Kakaoanbau für Wohlstand; deshalb zog er auch Arbeitsmigranten aus Nachbarländern an. Heute verbindet man Kakao mit Armut und diversen gesellschaftlichen Problemen – auch wenn Kakaoerzeuger auf lange Sicht heute höhere Preise für Rohkakao erhalten als in früheren Jahrzehnten sowie viel mehr Nachhaltigkeitsförderung erhalten als früher.
Fairtrade International hat dargelegt, dass in der Côte d‘Ivoire nur sieben Prozent aller Kakaobauern ein existenzsicherndes Einkommen erzielen und Haushalte von Kakaobauern in Landgebieten im Durchschnitt nur ein gutes Drittel des existenzsichernden Einkommens haben. Diese auf Einkommen beruhende Berechnung hat aber einen Hauptfehler: Kakaobauern verdienen heute mehr als früher und ihre Lebenshaltungskosten sind nicht unbedingt gestiegen – trotzdem gelten sie als ärmer.

Das größte Problem sind nicht niedrige Einkünfte, sondern gestiegene Produktionskosten. Wir haben sieben Bauern interviewt, die seit mindestens vier Jahrzehnten Kakao anbauen. Zum Thema Armut klagten sie alle über den Kakaopreis und meinten, wenn er angehoben würde, würde die Lage besser. Doch als wir ihnen ein Schaubild zeigten, aus dem hervorgeht, dass der Erzeugerpreis heute inflationsbereinigt durchweg höher ist als früher, änderte sich die Geschichte: Fünf der sieben Befragten betonten statt des Preises nun die Kosten. Und dort liegt tatsächlich das Problem.

Verluste wegen gestiegener Produktionskosten

Ein Interviewter, der seit den späten 1970er Jahren im Kakaoanbau tätig war, sagte mit etwas Übertreibung, dass er jetzt „hundert Mal mehr Arbeit“ verrichten müsse. Früher sei der Kakaoanbau „weniger anstrengend gewesen. Heute muss man den Kakao hegen und pflegen, sonst gibt es nichts zu ernten.“ Ein anderer sagte, als er mit dem Kakaoanbau begonnen habe, habe er nicht gewusst, was Dünger ist, und jetzt könne er nicht mehr ohne auskommen.

Auf Grundlage der Antworten haben wir die Produktionskosten von früher und heute verglichen. Sie umfassen Materialeinsatz und Lohnkosten; wir haben die zusätzliche „kostenlose“ Arbeit von Kindern oder Familienangehörigen, für die ja beispielsweise in Form von Essen gezahlt werden muss, in Geld umgerechnet und einbezogen. Es stellte sich heraus, dass fünf der sieben Bauern ihre Farmen mit Verlust betrieben. Die beiden anderen waren jene, die am stärksten diversifiziert hatten – sie bauten auch viele andere Feldfrüchte an. Vier der Bauern sagten, sie hätten ihre Kinder aus der Schule genommen, weil für eine erfolgreiche Neubepflanzung zusätzliche Arbeit nötig war.

Phil Noble/ Reuters
Für den Anbau von Kakao müssen die Bauern also mehr Arbeitskräfte einstellen und mehr Dünger und Pestizide einsetzen. Das erhöht ihre Produktionskosten. Armut hat ihre Ursache in den höheren Bewirtschaftungskosten für lange entwaldete Flächen, nicht unbedingt in einem Rückgang der Kakaopreise.

Nun könnte man sagen: Die Schokoladenproduzenten können doch diese Kosten in Nachhaltigkeitsinitiativen einbeziehen, also den Kakaopreis anheben und entsprechend die Preise für die Endprodukte. In einem Marktsystem wird das aber nicht passieren, denn die Schokoladenkonzerne konkurrieren miteinander und der Preis entsteht aus Angebot und Nachfrage. In diese Richtung führen kann aber eine neue Art der Zertifizierung, bei der die Produktionskosten fortlaufend berechnet und eingearbeitet werden.

Die falsche Frage gestellt

Es gibt Anzeichen, dass Fairtrade International sich allmählich zu diesem Modell hin orientiert – weg vom bisherigen Konzept der Preisaufschläge. In Westafrika arbeitet Fairtrade zurzeit zusammen mit ISEAL Alliance, einer Allianz aus Nachhaltigkeitsinitiativen und Siegelorganisationen, daran, einen Referenzpreis für existenzsichernde Einkommen für zertifizierte Kakaobauern zu entwickeln. Das liefert dann den ersten Zielpreis für Kakao, der auf Richtwerten für existenzsichernde Einkommen und auf Konsultationen über die Betriebskosten beruht.

Es ist allerdings nicht möglich, Daten über Produktionskosten und Veränderungen in der Kostenstruktur zu schätzen. Das hat Fairtrade eingeräumt. Zum Beispiel können höhere Arbeitskosten dazu führen, dass verstärkt auf mitarbeitende Familienmitglieder (und möglicherweise mehr Kinderarbeit) zurückgegriffen wird, statt vermehrt Arbeitskräfte von außen zu beschäftigen.
Solche qualitativen Daten gehen nicht in die Produktionskostenanalyse von Fairtrade ein. Fairtrade schätzt, dass rund 125 Arbeitstage pro Hektar und Jahr nötig sind, um 800 Kilo Rohkakao zu erzeugen. Dann bemerkt die Organisation, dass „ein Großteil dieser Arbeit vermutlich von Familienangehörigen verrichtet wird und nicht in die Produktionskosten einbezogen ist“. Damit übergeht das Modell Veränderungen in der Kostenstruktur, die hinter schlechter werdenden Bedingungen (wie mehr Kinderarbeit) verborgen sind – und dann in Form von Problemen für die Gesellschaft als ganze wieder auftauchen.

Fairtrade denkt durchaus innovativ. Aber es setzt sich nicht konsequent mit dem Problem der Kosten bei der Bewirtschaftung lange entwaldeter Flächen auseinander. Und hier liegt der Ursprung aller Probleme bei dieser Art des Kakaoanbaus.
Wenn man die Belange der Bauern und ihrer Gemeinden in den Mittelpunkt stellt, kann man kaum ernsthaft für Nachhaltigkeitsprogramme eintreten. Die eigentliche Frage lautet, wie man Ressourcen sinnvoll für die Verbesserung der Lebensgrundlagen einsetzt – nicht, wie man den Anbau von Kakaobohnen optimiert. Dann sollte man Bauern zur Diversifizierung des Anbaus ermutigen, statt sie daran zu hindern.

Aus dem Englischen von Juliane Gräbener-Müller.

erschienen in Ausgabe 12 / 2019: Armut: Es fehlt nicht nur am Geld

Kommentare

Sehr guter Artikel, der hinter die Kulissen schaut und vordergründig Gutes als schlechte Entwicklung offenlegt. Den Markt mit subventionierten Preisen zu beeinflussen macht keinen Sinn. Aber den Bauern zu helfen, optimaler zu produzieren, ggf. zu verarbeiten und zu vermarkten ist sinnvoll... darunter fällt auch die Stärkung von Bauernorganisationen, die Stärkung von Kommunikationsfähigkeiten, Wissensvermittlung, Forschung für stabiles Pflanzgut, etc. ... Viel Erfolg!

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