Start-ups in der Landwirtschaft
Yvette Tetteh (li.) beim "EntreprenHer"-Stammtisch in Accra (Ghana)
Start-ups in der Landwirtschaft

Einhorn oder Zebra?

Die Landwirtschaft ist bei vielen jungen Afrikanern abgemeldet: Sie zieht es in die Städte oder ins Ausland. Doch in Ghana versuchen junge Unternehmerinnen, Farmen wieder cool zu machen - analog und digital.

Mit Landwirtschaft wollte Tabitha Nanzala Mayabi nie etwas zu tun haben: "Meine Mutter bewirtschaftet einen Hof, und ich habe sie schon früh gebeten: Wenn du dein Testament machst, hinterlasse mir bitte nicht dein Land, die Arbeit ist mir zu anstrengend." Die 30-Jährige lacht schallend, ihre Augen blitzen dabei hinter der Brille hervor. "Und bei meinen Freundinnen war das ebenso: Wer konnte, ist in die Stadt gezogen, weit weg von den Farmen." Mayabi wurde Softwareentwicklerin, zehn Jahre ist das her. Heute lebt sie in Ghanas Hauptstadt Accra - und arbeitet für die Landwirtschaft.

Das Start-up, das Mayabi gegründet hat, heißt Ghalani, auf Deutsch "Scheune". Mayabi will Afrikas Landwirtschaft fitmachen für die Zukunft - und attraktiv für die junge Bevölkerung, die in die Städte drängt. "Und das", sagt sie, "geht nur mit dem Smartphone und der passenden App." Zunächst hatte sie Software für Schulen entwickelt, dann bewarb sie sich in Accra beim Gründerzentrum "MEST", einem sogenannten Inkubator, der Start-ups aus ganz Afrika einlädt, ihre Innovationen marktreif zu machen. Und sie entdeckte die Landwirtschaft als Arbeitsfeld.

App garantiert simple Buchführung

Michael von Stackelberg von der deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) arbeitet in Accra in einem Projekt, das grüne Innovationen fördert, und kennt MEST gut. Grundsätzlich teilt er Mayabis Einschätzung: "Interessant wird Landwirtschaft, wenn wir etwa über digital vermittelte Dienstleistungen sprechen, und da entstehen dann auch Jobs."

Mayabis Ghalani-App ist ein Management-Tool: Ein Kalender hilft den Bauern zu planen, welche Arbeit ansteht. Die App stellt eine Wettervorhersage bereit und vergleicht Marktpreise. Außerdem verzeichnet sie Ausgaben und Einnahmen und garantiert damit eine simple Buchführung. "Wir benutzen dabei sehr einfache Begriffe, um niemanden auszuschließen: 'Geld rein' und 'Geld raus' zum Beispiel. Und diejenigen, die weder lesen noch schreiben können, bitten ihre Kinder um Hilfe." Weil nur wenige Bauern ein Smartphone haben, nehmen vielerorts Multiplikatoren die Daten der Bauern auf.

Virtueller Marktplatz

Diese Daten sind Teil des Geschäftsmodells. Denn Ghalani bedient auch die andere Seite: Händler etwa, die bestimmte Feldfrüchte suchen, oder Verkäufer von Saatgut und Pestiziden. So wird die "Scheune" zum virtuellen Marktplatz, der umso besser läuft, je mehr Bauern mitmachen. Kleinbauern, die bislang als die Abgehängten der Gesellschaft galten, sind damit auf einmal zu begehrten Kunden geworden. Und das hat ebenso wie die - infolge der neuen Technik - höheren Erträge dazu beigetragen, dass der Coolnessfaktor der Landwirtschaft steigt.

"Meine Generation sieht Landwirtschaft als ein Geschäftsfeld, nicht als Notlösung", sagt Yvette Tetteh. Sie ist groß, schlank, trägt ihr Haar kurz rasiert und einen silbernen Nasenring zur modischen Bluse. Geboren ist sie in London, ihre Jugend hat sie in Südafrika und Nigeria verbracht. Nach der Schule jobbte sie in Hawaii.

Die lebenslustige Ghanaerin hätte alles machen können. Sie entschied sich für die Landwirtschaft. "In Hawaii habe ich eher zum Spaß Bananen getrocknet, weil die Ernte in dem Jahr so reichlich ausfiel - und als ich zurückkam nach Ghana, da dachte ich mir: Damit ließe sich doch auch hier etwas anstellen." Mit einem Kompagnon stellte sich Tetteh bald in eine angemietete Küche und schnitt fortan tagaus, tagein Früchte in kleine Stücke.

"Harte Arbeit"

"Das ist harte Arbeit, und am Abend weiß man, was man getan hat", lacht sie. Tettehs Start-up ist in vielem das Gegenteil von dem, was Tabitha Nanzala Mayabi macht. "Innovation, das bedeutet doch vor allem: schnell, groß, stressig - ich aber wollte etwas Pragmatisches machen, etwas Echtes, mit einer direkten Auswirkung etwa für die Farmer, von denen ich die Früchte kaufe." Wie Mayabi will auch Tetteh Landwirtschaft für junge Leute attraktiv machen. Nach drei Jahren arbeiten neun Angestellte für Tetteh - sieben von ihnen sind Frauen und keiner ist über 35.

Dabei ist der Markt für Trockenfrüchte umkämpft. Beim Unternehmen "HPW Fresh & Dry" etwa stehen Dutzende Mitarbeiter an Fließbändern und sortieren die kleingeschnittenen Früchte auf Gitter, die auf mannshohen Wagen in den Trockenraum gefahren werden. Von der Fabrik, die zwei Autostunden von Accra entfernt liegt, wird die vakuumverpackte Ware nach Deutschland transportiert. Tetteh dagegen entschied sich bewusst gegen den Export. "Ich habe gedacht: Wenn ich schon die ganze Arbeit habe, soll zumindest mein Name auf der Packung stehen." Ihre "Yvaya Farm"-Produkte sind vorerst nur in ghanaischen Läden zu haben. Den Onlinehandel gab sie auf: "Das macht hier keiner."

Mayabi träumt von einem "Einhorn"

Die Träume von Tetteh und Mayabi sind verschieden: Mayabi träumt von einem "Einhorn", einer App, die derart fliegt, dass sie es an die Börse schafft oder von einem globalen Riesen aufgekauft wird. Der Begriff stammt aus der US-Finanzindustrie. Tetteh dagegen wünscht sich etwas Bodenständiges, ein "Zebra", sagt sie. Der Begriff stammt vom "EntreprenHer"-Stammtisch, wo ghanaische Unternehmerinnen ihre Erfahrungen austauschen. Die Gründerin eines erfolgreichen Foodlabels ist dabei, die Gründerin eines Programmierclubs und eine frühere UN-Chefin und Mäzenatin.

Mayabi hält Frauen für bessere Unternehmerinnen: "Landwirte investieren in Kakao, der viel Geld bringt, Frauen dagegen in weniger lukrativen Mais oder Getreide - und trotzdem haben sie mehr Geld." Denn sie teilten sich den Ernteerlös besser ein - eine Technik, die Mayabi in ihre App übersetzt hat. Tetteh setzt darauf, mit ihrer bald schon aus erneuerbaren Energien gespeisten Trockenfrucht-Produktion mehr Einkommen für andere zu schaffen. "Mit der GIZ haben wir jetzt gut 25 Farmerinnen und Farmer ausgesucht, die organischen Anbau lernen", sagt sie. "Das dauert gut drei Jahre. Aber dann haben wir dauerhaft gute Lieferanten."

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