Aufbruch im Senegal - Frauen trotzen den Benachteiligungen

epd-bild/Martina Zimmermann

Senegalesinnen in der Casamance (Archivbild)

Sie gelten als stolz, selbstbewusst und sinnlich: Immer mehr senegalesische Frauen versuchen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Wenn die Ehe nicht funktioniert, sagt manche "Danke und Adieu". Die Scheidungsrate steigt.

Dakar (epd). "Dieser Song ist für alle Mütter", sagt Mariaa Siga. Die senegalesische Sängerin tritt an diesem Abend im Theater Sorano in der Hauptstadt Dakar im engen gelb-schwarzen Kleid mit afrikanischem Design auf, eine Kori-Muschel an der Stirn und Zöpfchen im Haar. Die 28-Jährige mixt südafrikanische mit senegalesischen Rhythmen. Wichtig ist ihr vor allem die Botschaft: Dass Frauen um ihren Platz in der Gesellschaft kämpfen müssen. "Hier in Afrika darf eine Frau dieses nicht und jenes nicht, sie soll zu Hause bleiben und darf sich nicht verwirklichen, wie sie es möchte", sagt Siga.

Trotz aller Diskriminierung gelten Senegalesinnen als stolz, selbstbewusst und sinnlich. Sich als Musikerin, Sängerin, Komponistin in der Musikszene durchzusetzen, ist jedoch nicht leicht. Die 33-jährige Savana Soul machte sich als Rapperin in einer Band mit ihrem Bruder einen Namen. 2006 begann ihre Solokarriere. Bis sie geeignete Musiker für ihre Band fand, dauerte es: "Eine Frau als Leader und die Männer dahinter, das akzeptieren nicht viele."

Zunahme der Scheidungen

Soul ist geschieden und hat einen zwölfjährigen Sohn. "Die Männer akzeptieren hier nicht, dass ihre Frau in Begleitung von männlichen Musikern reist", sagt sie: "Früher oder später geht die Beziehung baden." Es sei denn, der Ehemann sei Produzent oder Manager.

Die Zunahme der Scheidungen ist im Senegal ein gesellschaftliches Phänomen, das in Radio und Fernsehen diskutiert wird. Etwa 140.000 Ehepaare werden pro Jahr geschieden. Die meisten Trennungen gibt es in den Großstädten, drei Viertel erfolgen auf Initiative der Frauen.

Dass mehr Ehefrauen die Scheidung wollen, begründen Experten mit einem Kulturwandel. "Früher spielte die Religion eine wichtigere Rolle", sagte der Jurist Mame Alioune Mboup einer Tageszeitung. Die Senegalesen sind zu 94 Prozent Muslime, zu fünf Prozent Christen. Die Hälfte der knapp 16 Millionen Einwohner ist unter 20.

"Unsere Großmütter blieben, weil sie abhängig waren"

Soziologen warnen indes vor einer Individualisierung und einer geringeren Wertschätzung der Familie. "Unsere Großmütter blieben, weil sie abhängig waren", analysiert dagegen Marina Sow, die sich nach 25 Jahren Ehe scheiden ließ. "Heute arbeiten die Frauen, und wenn es nicht mehr funktioniert, sagen sie Danke und Adieu."

Die Tochter des 2016 gestorbenen Bildhauers Ousmane Sow ist Direktorin des neuen Museums "Maison Ousmane Sow" in Dakar. Sie wolle nicht mehr heiraten und habe das ihrem Vater erklärt, der es zum Glück verstanden habe. Geschiedene Frauen seien heute nicht mehr schlecht angesehen, erklärt die 55-jährige Mutter zweier erwachsener Kinder.

Viele Frauen im Senegal arbeiten

Das Leben einer Senegalesin ist sehr unterschiedlich, je nach sozialer Schicht, Bildung und Wohnort. Aber alle sind für Heim, Küche und Kinder zuständig. Eine Geschäftsfrau hat in der Regel rund um die Uhr eine "bonne", eine Haushaltshilfe, die putzt und kocht. Ob verheiratet, verwitwet oder geschieden: Viele Frauen im Senegal arbeiten und verdienen eigenes Geld in Büros, auf dem Markt, in Nähereien oder in Geschäften.

Die Sängerin Siga ist ledig. Sie habe einen Freund, erzählt sie: "Aber ein Muslim hat das Recht, vier Frauen zu heiraten." Auch wenn immer mehr junge Senegalesen lieber nach westlicher Manier leben: Die Polygamie ist im Senegal legal - für Männer. Bei der Trauung wird festgelegt, ob die Ehe monogam oder polygam sein soll. Über ein Drittel aller Ehen ist bis heute polygam. Siga: "Du hast keine Wahl, er bestimmt. Er ist der Chef der Familie und du musst dich seiner Wahl beugen."

Zweitfrau eines älteren reichen Mannes

Die Künstlerin fügt bedauernd hinzu: "Es bereitet kein Vergnügen, seinen Mann zu teilen, aber die Gesellschaft zwingt dich dazu, unsere Religion zwingt dich dazu." In den Städten akzeptieren neuerdings sogar junge, gut ausgebildete Frauen, die Zweitfrau eines älteren reichen Mannes zu werden, um ihre Existenz zu sichern.

Weibliche Genitalverstümmelung ist seit 1999 per Gesetz verboten und wird mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft. Dennoch sind ein Viertel der Mädchen und Frauen zwischen 15 und 49 Jahren im Senegal an den Genitalien verstümmelt. "Es ist verboten, aber sie machen es heimlich", sagt Siga über das Beharren auf dieser Tradition in ihrer Heimat Casamance im Süden. "Unsere Großmütter haben das selbst erlebt: Für sie ist eine nicht beschnittene Frau keine anständige Frau", fügt sie hinzu. Und eine unanständige Frau finde keinen Ehemann.

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