Südafrikaexperte: Reisebeschränkungen müssen verhältnismäßig sein

Hermannsburg/Durban - Die strengen Reisebeschränkungen nach Auftreten der Virus-Variante Omikron in Südafrika haben nach Ansicht des kirchlichen Südafrikaexperten Joachim Lüdemann für das Land einschneidende Folgen. „Das hat einen hohen Preis, der in Deutschland kaum wahrgenommen wird“, sagte der Referent für Ökumenische Zusammenarbeit mit Südafrika, Botswana und Swasiland beim Evangelisch-lutherischen Missionswerk in Niedersachsen (ELM). Die Furcht vor massiven Einbrüchen vor allem im Tourismus aber auch anderen Wirtschaftsbereichen sei groß, erläuterte der evangelische Pastor, der derzeit für das Missionswerk mit Sitz im niedersächsischen Hermannsburg im südafrikanischen Durban arbeitet.

„Nun sind alle Regierungen erst mal ihren eigenen Wählern am nächsten“, sagte Lüdemann. Aus dieser Perspektive verschärfe die Omikron-Variante des Coronavirus eine ohnehin sehr kritische Lage in Deutschland. Nichtregierungsorganisationen und auch die Kirchen sollten aber darauf drängen, dass ein Gleichgewicht gewahrt bleibe. Entscheidungen wie ein Einreise-Stopp müssten zumindest von Epidemiologen in ihrer Wirksamkeit auch begründet werden. Es dürfe nicht allein darum gehen, den eigenen Wählern zu zeigen, wie schnell man reagiere, während in anderen Bereichen zugleich viel weniger konsequent gehandelt werde. „Man fragt sich schon, wie verhältnismäßig das Ganze ist.“

"Man meint in Deutschland, sich abschotten zu müssen“

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen liege in Südafrika aktuell weit unter der in Deutschland, sagte Lüdemann. „Aber man meint in Deutschland, sich abschotten zu müssen.“ Die südafrikanische Regierung sei in dieser Frage sehr enttäuscht von Großbritannien als einem der größten Handelspartner, aber auch von den USA und der EU, sagte Lüdemann. Ebenso wie bei der weltweiten Verteilung des Impfstoffes gehe es auch hier um Gerechtigkeit.

Südafrika selbst habe derzeit reichlich Impfstoff, sagte Lüdemann. Mit knapp 25 Prozent liege die Impfquote dort im afrikanischen Bereich hoch, aber sie stagniere. Südafrika habe zudem weltweit anerkannte Epidemiologen, die unter anderem in der Sequenzierung und damit der Entdeckung von Varianten der Coronaviren vorne lägen. „Mit der Entdeckung von Omikron tritt der Eindruck ein, wir werden für diese qualitativ hochwertige Forschungsleistung jetzt bestraft.“

Hohe Impfquote in Südafrika

In Südafrika liege die Arbeitslosenquote bei 34 Prozent, sagte Lüdemann. Die Realität verheerender wirtschaftlicher Auswirkungen von Lockdowns und Reisestopps überschatte daher die gesundheitlichen Folgen der Pandemie. Das liege auch daran, dass verglichen mit Deutschland die Bevölkerung im Schnitt deutlich jünger sei und somit schwere Corona-Erkrankungen deutlich seltener aufträten. Unter den über 60-Jährigen im Land sei wiederum mit rund 60 Prozent die Impfquote hoch. "Das spielt bei der Belastung des Gesundheitssystem eine Rolle.”

Das Missionswerk unterstütze seine Partnerkirchen unter anderem bei der Vorbeugung gegen eine weitere Verbreitung des Coronavirus, etwa durch die Finanzierung von Masken oder Aufklärungskampagnen, sagte Lüdemann. Andererseits trete es für ein gerechteres Handeln in Deutschland ein. „Wir sind eine Weltgemeinschaft, bei der der angebliche Schutz der einen Nation nicht nur auf Kosten des Überlebens der anderen geschehen darf.“