Berlin - Amnesty International hat die syrische Regierung aufgefordert, über den Verbleib von zehntausenden verschwundenen Syrerinnen und Syrern aufzuklären. Wie aus einem am Freitag veröffentlichten Bericht der Menschenrechtsorganisation hervorgeht, sind zwischen 2011 und 2024 schätzungsweise mehr als 100.000 Menschen in Syrien verschwunden. „Die Familien von Verschwundenen in Syrien ertragen seit mehr als einem Jahrzehnt ein unvorstellbares Maß an Leid und Unsicherheit“, sagte die Amnesty-Expertin für den Nahen Osten und Nordafrika, Katja Müller-Fahlbusch.
Anlässlich des Internationalen Tags der Verschwundenen am 30. August fordert Amnesty unabhängige und transparente Ermittlungen zu allen Verbrechen nach internationalem Recht. Dem Bericht zufolge sind die meisten Betroffenen in den Haftanstalten des Assad-Regimes verschwunden. Zudem seien bewaffnete Oppositionsgruppen für das Verschwindenlassen Tausender weiterer Personen verantwortlich.
Gefahr der Retraumatisierung
Viele Angehörige sind Müller-Fahlbusch zufolge durch die Befürchtung retraumatisiert worden, dass die Verantwortlichen straffrei bleiben könnten und die Suche nach den Vermissten nicht umfassend genug erfolgt. Sie forderte die syrische Regierung auf, sicherzustellen, dass die neu eingerichtete nationale Kommission für Vermisste und Opfer des Verschwindenlassens unabhängig arbeiten kann und mit angemessenen Ressourcen ausgestattet wird. Der angekündigte Aufbau einer nationalen Vermissten-Datenbank, die Sammlung von DNA-Proben und die Stärkung forensischer Kapazitäten seien wichtige Schritte „hin zu Wahrheit und Gerechtigkeit“.
Für den Bericht „Truth Still Buried: The struggle for justice of disappeared people's families in Syria“ hat Amnesty mit Angehörigen von Verschwundenen, Überlebenden und Opferverbänden gesprochen. Der Bericht dokumentiert unter anderem, dass Beweise nach dem Regierungswechsel verloren gingen oder zerstört wurden.