Augsburg (epd). Die neue Friedensdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) stößt bei dem Friedensforscher Christoph Weller auf Kritik. Die Denkschrift „hat eine Schlagseite zum Sicherheitsdenken und passt sich damit zu sehr dem aktuellen politischen Diskurs an“, sagte der Politikprofessor von der Universität Augsburg dem Evangelischen Pressedienst (epd).
Weller verwies auf die notwendige Unterscheidung von Frieden und Sicherheit. Dietrich Bonhoeffer habe 1934 gesagt: „Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg der Sicherheit. Denn der Friede muss gewagt werden. Friede ist das Gegenteil von Sicherung.“ Militärische Maßnahmen zur Herstellung der eigenen Sicherheit vergrößerten bei allen anderen die Unsicherheit. Dieses „Sicherheitsdilemma“ verursache etwa die Aufrüstungsspirale. Sicherheitsdenken konzentriere sich nur auf die eigene, Friedensdenken hingegen auch auf die Sicherheit der anderen.
Sicherheitsdenken im Vordergrund
„Ich verstehe nicht, warum das Sicherheitsdenken in der neuen Denkschrift mehr Raum einnimmt als Maßnahmen für gerechten Frieden“, sagte Weller. Ihm sei „rätselhaft“, wie über das Abschreckungssystem ethisch reflektiert werden könne, ohne das Sicherheitsdilemma zu erwähnen. Gleichzeitig sei zu begrüßen, dass die EKD einen Beitrag zur Debatte um Frieden leisten will, und es gebe viele kluge Argumente darin.
Weller kritisierte den Titel der Denkschrift: „Welt in Unordnung“ mache „einen eingeschränkten Blick auf die Welt zum Ausgangspunkt des friedensethischen Nachdenkens“. So könne der Eindruck entstehen, man wolle die Welt entlang eigener Vorstellungen eines gerechten Friedens - dem Leitbild christlicher Friedensethik - ordnen: „Doch wenn die Reichen dieser Welt von Ordnung reden, hat das wenig mit Gerechtigkeit zu tun.“
Ungerechtigkeit schrittweise verkleinern
Der Prozess des Friedens sei nicht auf eine gerechte Ordnung angewiesen, sagte der Politologe. Vielmehr gehe es um Maßnahmen, „um die Ungerechtigkeiten der Weltordnung schrittweise zu verkleinern“. Dies umfasse etwa, Verletzungen des Völkerrechts auch dann öffentlich anzuprangern, wenn Verbündete dagegen verstoßen.
Der gerechte Frieden habe zudem innenpolitische Dimensionen. Gerade für Christen sei die Gefährdung des gesellschaftlichen Friedens eine Herausforderung: „Sie suchen nach Orientierung, was sie gegen Polarisierung, Entdemokratisierung und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit unternehmen können.“ Dazu werde die Denkschrift aber weniger konkret als bei den Themen christlicher Soldaten. Diese leisteten „keinen unbedeutenden, aber nicht den wichtigsten Beitrag“ zum gerechten Frieden.