Drohnenkrieg im Sudan: Luftschläge abseits der Frontlinien

Im Krieg im Sudan kommen zunehmend auch Drohnen zum Einsatz - mit verheerenden Folgen für die Zivilbevölkerung. Der Konflikt erreiche so auch Orte abseits der Frontlinien, warnen Helfer.

Frankfurt a.M., Khartum - Mehr als 50 Tote in nur zwei Tagen: So lautet die jüngste Bilanz der Vereinten Nationen zu den Drohnenangriffen im Sudan. Sie seien ein weiterer Beweis für „die verheerenden Folgen des Drohnenkriegs für die Zivilbevölkerung“, warnte der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk.

Türk verwies auf Berichte über mehrere Drohnenangriffe zwischen dem 15. und 16. Februar in mehreren Landesteilen, darunter den Beschuss eines Marktes im Bundesstaat Nord-Kordofan, mutmaßlich durch die sudanesischen Streitkräfte. Die paramilitärische RSF-Miliz wiederum soll zwei Grundschulen mit Drohnen angegriffen haben.

Zehntausende Tote

Nicht nur in der Ukraine beeinflussen Drohnen das Schlachtfeld maßgeblich. Auch in dem seit fast drei Jahren andauernden Sudan-Krieg mit schätzungsweise Zehntausenden Toten spielten sie eine wichtige Rolle, in der Aufklärung, aber auch für Luftangriffe, sagt die Politikwissenschaftlerin Hager Ali. Drohnen würden von beiden Kriegsparteien, also sowohl den regulären Streitkräften (SAF) als auch der RSF-Miliz („Rapid Support Forces“) eingesetzt und unter anderem von der Türkei, China und dem Iran geliefert.

„Bei den RSF haben Drohnen schon früh nach dem Kriegsbeginn die fehlende Luftwaffe ausgeglichen“, sagt die Forscherin vom Hamburger Giga-Institut. Denn anders als die Armee habe die Miliz nie über Kampfjets oder Helikopter verfügt.

Veraltete Luftwaffe

Die Bestände der sudanesischen Armee wiederum seien veraltet, mit Kampfjets oder Helikoptern aus Russland. Zudem habe die RSF-Miliz die Luftwaffe angegriffen und Flugzeuge, Hangars, aber auch Landebahnen zerstört oder beschädigt. „Deshalb beschaffen die Streitkräfte neuerdings nun auch Drohnen, um dieses Defizit in der Modernisierung und auch die Verluste schneller ausgleichen zu können“, sagt Ali.

Angetrieben werde die Entwicklung zudem vom Rüstungslieferanten. Die Türkei, deren Drohnen von der Armee eingesetzt werden, verkaufe Drohnen teilweise unter Marktwert, sagt Ali: „Dadurch sollen andere lukrative Sektoren in den Zielländern erschlossen werden.“

Mindestens 2.200 Tote

Das Onlineportal „Sudan Tribune“ verwies jüngst auf die tödlichen Folgen dieser Entwicklungen. Mindestens 2.200 Tote seien im Sudan seit Beginn des Krieges im April 2023 auf Drohnenangriffe zurückzuführen, berichtete das Portal mit Verweis auf Daten des Konfliktbeobachtungsinstituts Acled. 80 Prozent der Angriffe wurden demnach im vergangenen Jahr registriert. Ein pensionierter sudanesischer General sagte demnach, der Sudan sei das erste afrikanische Beispiel für den großflächigen Einsatz von Drohnen in einem „Bürgerkiegskontext“.

Das Ausmaß des Drohnenkriegs lässt sich laut Ali aber nicht mit der Ukraine vergleichen. „Das Schlachtfeld wurde bisher nicht so stark verändert wie in der Ukraine, wo man jetzt auch Soldaten ganz anders ausstattet und versorgt“, sagt die Konfliktforscherin und verweist unter anderem auf technische Herausforderungen. So seien Hitze und Staub für die empfindlichen Drohnen ein Problem. Nach wie vor seien konventionelle und leichte Waffen, vor allem aus der Sowjetzeit, im Vorteil. Sie seien für einen Einsatz in der Wüste optimiert und leichter verfügbar.

Trend in afrikanischen Ländern

Gleichwohl sieht Ali einen Trend in vielen afrikanischen Ländern: „Die Nachfrage ist bei vielen Streitkräften auf dem Kontinent extrem hochgegangen“, sagt sie. Denn wie auch im Sudan sei die Luftwaffe vieler Länder veraltet, eine Modernisierung zu teuer.

Der US-amerikanische Analyst Steve Feldstein warnt, dass der Krieg im Sudan durch den Einsatz von Drohnen Teile des Landes erreichen könnte, die ansonsten weniger von den Kämpfen betroffen wären. In einem Podcast der Denkfabrik „Carnegie Endowment for International Peace“ verwies Feldstein auf die Luftschläge der RSF-Miliz gegen Port Sudan im vergangenen Jahr. Dies sei möglich gewesen, obwohl die Stadt, die vorübergehend Hauptsitz der Regierung war, mehr als 1.000 Kilometer von den RSF-Gebieten entfernt liege.

Hilfsorganisation warnt

Eine solche Ausweitung beklagt auch „Ärzte ohne Grenzen“. Der Krieg werde „mit Drohnen abseits der Frontlinien geführt“, sagte die Notfallkoordinatorin Esperanza Santos. Teams der Hilfsorganisation behandelten regelmäßig Patientinnen und Patienten nach Drohnenangriffen, darunter Frauen und Kinder. Allein in den ersten beiden Februarwochen waren es den Angaben zufolge 167 Menschen.

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