Frankfurt a.M., Kabul - Eskalierter Konflikt mit Pakistan im Osten und Iran-Krieg im Westen: In Afghanistan wird das Überleben für die Menschen laut der Caritas-Expertin Veronika Staudacher immer schwieriger. Durch die Bombardierungen aus Pakistan seien seit Ende Februar über 115.000 Afghaninnen und Afghanen aus dem Grenzgebiet geflohen, sagte die stellvertretende Büroleiterin von Caritas international in der Hauptstadt Kabul dem Evangelischen Pressedienst (epd). Sie lebten in behelfsmäßigen Camps unter Zeltplanen. „Tausende Menschen haben keine Toilette, es gibt keine Versorgung mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln.“
Zudem sollen Tausende Überlebende des starken Erdbebens vom vergangenen Jahr ihre Lager verlassen, weil sie nah an der Grenze oder zu einem Militärstützpunkt liegen. „Aber wo genau sollen die Leute hin, wenn es ihr Zuhause nicht mehr gibt, weil es zerstört wurde?“
Reispreis um bis zu 25 Prozent gestiegen
Und auch der Krieg im Iran wirkt sich Staudacher zufolge auf die humanitäre Lage in Afghanistan aus, weil das Land in hohem Maß von Importen abhängig ist. Die Preise beispielsweise für Treibstoff und Lebensmittel seien bereits seit Oktober gestiegen, als Pakistan seine Grenze schloss. Die meisten Güter kämen jedoch aus dem Iran, der seine Ausfuhren nach Afghanistan allerdings nach UN-Angaben deutlich reduziert hat.
Der Reispreis stieg demnach innerhalb eines Jahres um zwischen 17 und 25 Prozent, je nach Sorte. Tomaten kosteten Anfang März 20 Prozent mehr als eine Woche davor. „Das trifft natürlich nicht nur die Hilfen, die wir für Flüchtlinge und Erdbebenopfer leisten“, betonte Staudacher. „Es betrifft die Gesamtbevölkerung in einem Land, in dem ein Drittel der Menschen an einem ganz normalen Tag schon Schwierigkeiten hat, ihren Lebensmittelbedarf zu decken.“
„Es wird gemacht, was geht“
Pakistan wirft den Taliban-Machthabern in Afghanistan vor, die pakistanischen Taliban TTP zu unterstützen, die in Pakistan immer wieder Terroranschläge verüben. Der seit Jahren schwelende Konflikt mit Pakistan eskalierte erneut Ende Februar.
Dennoch verzagten die Menschen nicht, beschreibt Staudacher die Stimmung: „Gerade ein Volk, das so gebeutelt ist von Krise und von Krieg und Auseinandersetzungen wie die Afghanen, die haben da oft einen sehr pragmatischen Blick drauf.“ Deshalb machten Helferinnen und Helfer auch in der gefährlichen Grenzregion weiter. In manchen Gebieten sei der Zugang zeitweise beschränkt, oder Flüge zur Güterverteilung würden untersagt, so wie in die Region Kandahar. „Dann muss man mit dem Auto fahren“, auch wenn es viel beschwerlicher und komplizierter sei. „Es wird gemacht, was geht.“
Not von Frauen besonders groß
Immer wieder neue Wege muss Caritas international laut Staudacher auch gehen, um Frauen zu helfen, deren Not besonders groß ist. Seit ihrer Machtübernahme 2021 haben die Taliban die Rechte von Frauen und Mädchen massiv eingeschränkt und sie weitgehend von Bildung und dem öffentlichen Leben ausgeschlossen. „Das ist auch Teil unserer Arbeit hier, dass man für diese ständigen Verbote und neuen Regularien oft kreative Lösungen finden muss.“ Unumstößliche Bedingung für Projekte sei bei der Caritas dennoch, dass sie „mit Frauen für Frauen umgesetzt werden können“, sagte Staudacher. „Bisher klappt es, und es ist auch dringend notwendig.“