Digitale Gewalt ist in Teilen Lateinamerikas heute strafbar

Mexiko-Stadt. Olimpia Coral Melo mochte ihren Namen nie, auch nicht vor dem Sexvideo. 2013 filmte ihr damaliger Freund sie beide beim Sex – sie war 18, ihr Freund auf der Aufnahme nicht zu erkennen. Er veröffentlichte das Video ohne ihre Zustimmung, und es verbreitete sich rasant über WhatsApp und Facebook. Was folgte, war eine öffentliche Demütigung, für die es damals weder einen Namen noch ein Gesetz gab. Sie sei für alle nichts anderes mehr gewesen als die Schlechte, die Nutte. Ihr Name Olimpia sei nur noch mit dem Sexvideo verbunden gewesen. „Ich bin morgens aufgestanden und dachte nur: Hoffentlich sterbe ich heute“, erzählt sie im Interview mit einem lokalen mexikanischen Sender. Sie unternahm drei Suizidversuche.

Die wichtigste Unterstützung sei von ihrer Mutter Josefina gekommen, die sie mit klaren Worten stärkte: „Wir haben alle Sex. Deine Cousine, deine Schwester, ich auch. Der Unterschied ist, dass man dich dabei gesehen hat.“ Das mache sie aber nicht zu einer schlechten Person oder zu einer Verbrecherin. Dieses Erlebnis prägte Olimpia Melos Kampf. Sie vernetzte sich mit anderen Betroffenen, machte ihre Geschichten öffentlich und baute unermüdlich politischen Druck auf. Aus dem persönlichen Trauma entstand eine Bewegung, die schließlich dazu führte, dass digitale sexuelle Gewalt in Mexiko erstmals als eigener Strafbestand unter dem Namen „Ley Olimpia“ („Olimpia-Gesetz“) geahndet wurde.

Bis heute Hassbotschaften

2018 stellte Melos Heimat-Bundesstaat Puebla als erster digitale sexualisierte Gewalt unter Strafe. Drei Jahre später trat das Gesetz auf Bundesebene in Kraft. Im selben Jahr ernannte das Time Magazine Olimpia Coral Melo zu einer der 100 einflussreichsten Personen der Welt. Derzeit läuft ein Dokumentarfilm über sie in den mexikanischen Kinos - „Llamarse Olimpia“ (Deutsch: „Sich Olimpia nennen“). Die Regisseurin Indira Cato zeigt darin, was dieser Kampf für Melo und ihre Mitstreiterinnen bedeutet.

Bis heute bekommt Melo regelmäßig Hassbotschaften. Es gibt Momente im Dokumentarfilm, in denen sie völlig überfordert ist. Sie bekommt unzählige Nachrichten, auch von anderen Opfern, die sie um Hilfe bitten. „Abgesehen davon, dass es unmöglich ist, alle Nachrichten zu beantworten, kämpft sie natürlich auch mit dem eigenen Trauma, das immer wieder hochkommt“, sagte die Dokumentarfilmerin dem staatlichen Radiosender La Hora Nacional.

Fraglich ist, ob das Gesetz auch für KI-Inhalte gilt

Das „Olimpia-Gesetz“ definiert digitale Gewalt als eigenständiges Verbrechen und zeigt seine Wirkung auch über die Grenzen Mexikos hinaus. Es ist zum Vorbild für die Region geworden: Argentinien, Ecuador und Panama verfügen bereits über ähnliche Gesetze. In Uruguay, der Dominikanischen Republik, Bolivien, Kolumbien, Guatemala und Honduras wurden legislative Debatten angestoßen.

Das Gesetz stellt die nicht einvernehmliche Verbreitung intimer Inhalte unter Strafe und erfasst auch manipulierte Darstellungen. Ob darunter eindeutig auch KI-generierte Inhalte fallen, ist juristisch umstritten. Eine ausdrückliche Regelung fehlt bislang. Fakt ist, dass neue KI-Anwendungen die Erstellung und Verbreitung solcher Inhalte noch weiter erleichtern.

Hohe Straflosigkeit

Olimpia Melo ist inzwischen Vollzeitaktivistin und hat mit anderen Frauen zusammen das Netzwerk „Frente Nacional para la Sororidad“ für den Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt in den sozialen Medien gegründet. Bei einer Konferenz Ende März verwies sie auf das Ausmaß digitaler sexueller Ausbeutung. In der Region gebe es „mindestens 200 virtuelle Räume“, auf denen intime Inhalte ohne Zustimmung verbreitet würden. Zugleich kritisierte sie große Plattformen wie Facebook, X oder Instagram, denen sie mangelnde Kooperation mit den Ermittlungsbehörden vorwirft.

Das zeigt: Ein Gesetz allein reicht nicht aus. Laut dem unabhängigen Think Tank „México Evalúa“ blieben im Jahr 2024 fast 90 Prozent der Fälle straflos - viele werden nicht verfolgt oder geahndet. Dennoch hat Mexiko mit dem „Olimpia-Gesetz“ einen wichtigen Schritt gemacht, um digitale Gewalt gesetzlich zu erfassen und zu bekämpfen. Während Deutschland noch diskutiert, steht Mexiko mit diesem Gesetz als erstes Land Lateinamerikas an der Spitze eines solchen Engagements.

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