Berlin/Lima - Wenige Tage vor den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen in Peru ist Adriana Hildenbrand frustriert. „Anstatt sich um langfristige Themen zu kümmern, buhlen die Kandidaten um persönliche Sympathie und Aufrechterhaltung eines Status-Quo, der nicht funktioniert“, sagt die Dozentin für Psychologie und Genderstudien in der Hauptstadt Lima.
Kommenden Sonntag wird Hildenbrand sich, wie 26 Millionen weitere Wahlberechtigte, zwischen 36 Kandidaten und Kandidatinnen für das Amt an der Staatsspitze entscheiden müssen. Es ist der größte Wahlschein, der in dem südamerikanischen Land jemals für eine Präsidentschaftswahl gedruckt wurde: 44 mal 42 Zentimeter wird das Papier umfassen. In seiner Unübersichtlichkeit ist es Ausdruck einer lang anhaltenden politischen Krise, die das Land seit spätestens 2016 im Griff hat.
Acht Staatschefs in zehn Jahren
Inmitten andauernder Korruptionsskandale und einer sich verschärfenden Sicherheitslage hat Peru in den vergangenen zehn Jahren insgesamt sieben Präsidenten und eine Präsidentin gehabt. Nur einer davon, Martín Vizcarra, schaffte es zwischen 2018 und 2020 mehr als zwei Jahre im Amt zu bleiben. Der aktuelle Staatschef, der 83-jährige José María Balcázar, übernahm den Posten, nachdem sein Vorgänger José Jeri Mitte Februar vom Parlament abgesetzt worden war.
Der Politikwissenschaftler Alejandro Godoy ist überzeugt, dass die Krise durch das aktuelle Parlament verschärft wurde. „Eigentlich haben wir in Peru ein präsidiales System“, sagt Godoy, der an der katholischen Universität von Peru lehrt. Der Kongress habe allerdings in den vergangenen Jahren zunehmend versucht, alle anderen staatlichen Institutionen zu kontrollieren. Konflikte mit den Regierungen, die jeweils im Kongress keine Mehrheit hatten, seien so mit der Absetzung des Präsidenten geendet.
Korruptionsskandale im Parlament
„Dabei sind viele Parlamentarier tief in aktuelle Korruptionsskandale verwickelt“ sagt Godoy. Um selbst nicht von der Justiz belangt zu werden, habe der Kongress über die vergangenen Jahre mehrere Gesetze verabschiedet, die die Strafverfolgung erschwerten. Dadurch hätten schlussendlich auch kriminelle Banden mehr Spielraum bekommen. Zum Beispiel hat der Kongress die Befugnisse der Staatsanwaltschaft eingeschränkt und neue Hürden zur Bekämpfung von kriminellen Banden geschaffen.
In der offiziellen Statistik war 2025 das gewaltsamste Jahr der vergangenen 15 Jahre in Peru. Das Nationale Statistikinstitut gab Anfang Januar für das Jahr 2025 eine Mordrate von 10,7 Personen auf je 100.000 Einwohner an. 2011 lag sie noch bei 5,5.
„Die Gewalt wird politisch ausgenutzt“
Auch die Dozentin Hilendenbrand, die Vorfahren aus der Schweiz hat, ist angesichts der zunehmenden Gewalt besorgt - und wegen der politischen Reaktionen darauf. „Man lebt mit der Gewalt und der täglichen Berichterstattung über Morde und gewalttätigste Überfälle“, sagt sie und ergänzt: „Die Gewalt wird politisch ausgenutzt, um demokratische Rechte einzuschränken.“ Derzeit wird unter anderem über eine Wiedereinführung der Todesstrafe diskutiert, ebenso wie die massive Inhaftierung mutmaßlicher Bandenmitglieder oder den Einsatz des Militärs gegen Bandengewalt.
Für Godoy ist der Ausgang der Wahl völlig unklar. „Es gibt schlichtweg keinen Favoriten“, sagt der Politikwissenschaftler. Viele Wählerinnen und Wähler, die per Gesetz zur Teilnahme verpflichtet sind, würden vermutlich am Wahltag entscheiden, wo sie ihr Kreuz setzen.
Stichwahl am 7. Juni
Godoy gibt sechs der 36 Kandidaten eine Chance, in die Stichwahl zu ziehen, die für den 7. Juni geplant ist, sofern kein Kandidat mehr als die Hälfte der Stimmen erhält. Darunter ist Keiko Fujimori, die Tochter des von 1990 bis 2000 regierenden Diktators Alberto Fujimori, aber auch Kandidaten, die für eine politische Erneuerung stehen. Doch egal, wer Präsident wird - eine absolute Mehrheit im Parlament ist nicht absehbar. Der Konflikt zwischen Parlament und Regierung dürfte also weitergehen.