Würzburg - Laut dem Münchner Militärexperten Carlo Masala ist es um den praktischen Pazifismus in Deutschland schlecht bestellt. Das Thema Frieden werde derzeit vor allem von den äußersten politischen Rändern bespielt. „Da sind bei Ostermärschen Leute mit russischen Fahnen gelaufen“, stellte der Professor von der Universität der Bundeswehr beim Katholikentag in Würzburg irritiert fest. „Ich würde gerne einen modernen Pazifismus sehen, aber das stelle ich derzeit nicht einmal im Ansatz fest.“
Für die intellektuelle Auseinandersetzung sei es bedauerlich, dass sich Menschen, die sich als Pazifisten bezeichnen, kaum mit Sicherheits- und Verteidigungspolitik auskennen würden. „Da wird über die grundlegendsten Fakten diskutiert“, sagte Masala beim Podium „Krieg und Frieden in der Ukraine“. Man müsse anerkennen, dass man jemanden, der keinen Frieden wolle, nicht durch Reden zum Frieden bekomme. Wenn jemand angegriffen wird, sei es nicht nur moralische, sondern auch völkerrechtliche Verpflichtung, dem Angegriffenen Beistand zu leisten.
Religionswissenschaftlerin: Frieden bedeute auch Gerechtigkeit
Anne Gidion, Bevollmächtigte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), ordnete in diesem Zusammenhang die vor wenigen Monaten veröffentlichte EKD-Friedensdenkschrift ein. Der Gedanke des gerechten Friedens sei weiterhin das Kernstück des Dokuments, aber weiterentwickelt worden. „Von der Vorstellung, dass die Dinge sich immer zum Besseren entwickeln, davon mussten wir uns schmerzhaft verabschieden“, sagte Gidion.
Die evangelische Kirche stehe auf der Seite derer, „die den Frieden bringen“. In geopolitisch harten Zeiten müsse der Frieden aber auf unterschiedliche Weise gebracht werden, sagte Gidion.
Die ukrainische Religionswissenschaftlerin Iryna Fenno betonte, dass das Evangelium ihr und vielen anderen Menschen den Mut bringe, „weiterzukämpfen und zu widerstehen“. „Für die Ukraine müssen wir verstehen, dass Frieden nicht nur bedeutet, keinen Krieg zu haben, sondern auch zu Gerechtigkeit zu kommen“, betonte Fenno.