Leere Apotheken, kaum Strom - Kubas Gesundheitswesen in der Krise

Kubas Gesundheitssystem leidet unter den Folgen der US-Sanktionen. Wer das Geld hat, versorgt sich über private Kanäle mit Medikamenten.

Havanna (epd). Jeden Tag hofft Caridad Despaigne in Havanna auf den erlösenden Anruf aus Santiago de Cuba. Dort wartet ihr Großvater mit einem Leistenbruch auf einen Termin für eine Operation. Sobald der feststeht, wird sie sich auf den Weg machen - einmal quer über die Insel -, um ihren Großvater während des Krankenhausaufenthalts zu betreuen. „Es ist nicht dringend, aber der Leistenbruch wird jeden Tag größer und schmerzt“, sagt die junge Frau, die eigentlich anders heißt, ihren richtigen Namen aber nicht in der Zeitung lesen möchte.

Alles Nötige für die Operation musste sie selbst besorgen. „In den Krankenhäusern gibt es nichts“, sagt die gelernte Krankenschwester. Den Job beim Staat hat sie an den Nagel gehängt. Als private Pflegerin verdient sie mit einer 24-Stunden-Schicht so viel wie früher in einem Monat.

Mehr als 100.000 Menschen warten auf Operation

Despaignes Großvater ist kein Einzelfall. Laut Daten der Vereinten Nationen warten mehr als 100.000 Menschen, darunter rund 11.000 Kinder, auf eine Operation. Kubas Gesundheitssystem war lange Zeit der Stolz der Insel. Die Regierung wendet etwa ein Fünftel des Staatshaushalts für den Gesundheitssektor auf - das ist etwa doppelt so viel wie im globalen Durchschnitt. Bis zur Corona-Pandemie waren Lebenserwartung und Säuglingssterblichkeit in Kuba vergleichbar mit denen in Industrieländern; das Verhältnis von Ärzten zu Patienten zählte zu den besten weltweit.

Doch die Pandemie, wirtschaftliche Fehlentscheidungen und eine Verschärfung der US-Sanktionen in der ersten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump (2017 bis 2021) haben zu einer tiefen Rezession geführt. Die Wirtschaft ist seit 2019 um 17 Prozent eingebrochen. Die Listung durch die US-Regierung als „terrorfördernder Staat“ verkompliziert internationale Zahlungen und hat US-amerikanische und europäische Medizintechnikfirmen veranlasst, Lieferverträge mit Kuba zu kündigen. Die massive Verschärfung der US-Blockadepolitik in Trumps zweiter Amtszeit bringt nun selbst die grundlegendste medizinische Versorgung zum Erliegen.

Mehr als 20 Stunden ohne Strom

Ende Januar drohte der US-Präsident allen Ländern mit Zusatzzöllen, die Kuba weiter mit Rohöl und Ölderivaten beliefern. Seitdem hat lediglich ein russischer Öltanker Kuba erreicht; Venezuela und Mexiko haben ihre Lieferungen eingestellt. Erst am Mittwoch erhöhten die Vereinigten Staaten den Druck und klagten den früheren kubanischen Präsidenten Raúl Castro wegen Mordes an. Die Folgen der Ölblockade sind dramatisch. Stromausfälle haben nochmals zugenommen und erreichen selbst in der Hauptstadt Havanna mittlerweile täglich 20 Stunden und mehr. Die Sanktionen haben zudem zu Engpässen bei Antibiotika, Medikamenten und Ausrüstung geführt. Fast fünf Millionen Patienten mit chronischen Erkrankungen müssen mit Unterbrechungen ihrer Behandlungen rechnen.

Einer der Betroffenen ist Julián Padrón. „Seit sechs Monaten nehme ich die Tabletten zur Behandlung meiner Diabetes-Erkrankung nicht mehr, weil es keine mehr gibt“, sagt der 86-Jährige. „Aber nicht nur das. Ich muss Lebensmittel essen, die dem Diabetes nicht zuträglich sind: Weißbrot, Spaghetti … “. Er wirkt verbittert. Die Preise in den privaten Geschäften kann er sich mit seiner staatlichen Rente nicht leisten. Er ist auf die Grundversorgung über die staatlichen Bodegas angewiesen. Aber in denen gibt es kaum noch etwas.

Apotheken sind leer

Auch die staatlichen Apotheken sind leer. Die heimische Medikamentenproduktion ist weitgehend zum Erliegen gekommen, es fehlt an Diesel und Grundstoffen, die zu teuer oder nicht zu bekommen sind. Aufgrund von Zahlungsproblemen hat der Staat Schwierigkeiten, Medikamente zu importieren. Seit die Regierung angesichts der Versorgungskrise die Einfuhrzölle für Arzneimittel und medizinische Güter aufgehoben hat, kommen Medikamente vor allem im Privatgepäck ins Land. Oft werden sie über private Social-Media-Kanäle vertrieben. Das lindert zwar die allergrößte Not, ist aber nur für einen Teil der Bevölkerung erschwinglich.

Antibiotika, entzündungshemmende Mittel und Bluttests für die Operation ihres Großvaters hat Caridad Despaigne auf diesem Weg besorgt; chirurgische Nähte hat ihr ein Freund aus Mexiko mitgebracht. Vor drei Wochen hat sie alles nach Santiago geschickt und wartet seitdem. „Der Arzt muss den Operationstermin festlegen“, sagt sie. „Aber mein Großvater ist nicht der einzige Patient - und es gibt aber nur einen Operationssaal.“

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