Bogotá - Kolumbien steht vor einer Richtungswahl: Kann der linke Menschenrechtler Iván Cepeda die Reformpolitik von Präsident Gustavo Petro fortsetzen oder kippt das Andenland in die Hände des ultrarechten Anwalts Abelardo de la Espriella? Letzterer lag im ersten Wahlgang am 31. Mai drei Prozentpunkte vor Cepeda, und auch die letzten Umfragen sehen ihn vorne.
Mehr denn je wird der Urnengang in ganz Amerika mit Spannung verfolgt. US-Präsident Donald Trump mischte sich ganz direkt ein: Der Ausgang der Stichwahl am 21. Juni sei „sehr wichtig für die Zukunft Kolumbiens und seiner Beziehung zu den Vereinigten Staaten”, verkündete er. Im Duell mit einem “radikalen linken Marxisten” sei es ihm eine Ehre, de la Espriella eine „vollständige und totale Wahlempfehlung zu geben“.
Wahlkampf polarisiert und polemisch
Ebenso unverblümt ergriffen Ecuadors Präsident Daniel Noboa und der argentinische ultralibertäre Staatschef Javier Milei Partei für de la Espriella, der einen radikalen Staatsabbau wie in Argentinien und den Bau von Megagefängnissen wie in El Salvador angekündigt hat. Iván Cepeda hingegen verweist gerne darauf, dass ihn die progressiven Vorbilder Lula da Silva in Brasilien und Claudia Sheinbaum in Mexiko empfangen haben.
Es ist ein polarisierter und zugleich diffuser Wahlkampf: Auch in der "zweiten Halbzeit” konnten sich die Teams der beiden Kontrahenten auf keine einzige Fernsehdebatte einigen. Das Gewicht der Printmedien ist geringer als früher, in Internetplattformen wird polemisiert und mit Künstlicher Intelligenz und Fake-News diffamiert. De la Espriella darf auf die Rückendeckung der Traditonsrechten um Ex-Präsident Álvaro Uribe zählen, Cepeda gelang es hingegen kaum, prominente Unterstützer aus der politischen Mitte zu gewinnen.
Linksliberale frustriert
„Cepeda wäre ein guter Präsident, aber er ist kein guter Kandidat”, fasst der Historiker Germán Ferro zusammen, der sich eine “fröhliche Kampagne mit einer positiven Vision Kolumbiens” gewünscht hätte. Anders als der charismatische, ichbezogene Amtsinhaber Gustavo Petro ist Cepeda ein kühler, seriöser Politiker, der zweifelhafte Allianzen mit korrupten Provinzfürsten und wendigen Parlamentariern ausschließt.
Viele Linksliberale sind ähnlich frustriert wie der Schriftsteller Juan Gabriel Vásquez: Kolumbien schicke sich an, einen „Anwalt von Mafia-Paten und Betrügern” zum Präsidenten zu küren, schrieb Vásquez in der spanischen Tageszeitung “El País”. De la Espriella sei „eine Karikatur des groteskesten lateinamerikanischen Machismo”, der mit einer gewaltgeschwängerten Sprache dazu aufgerufen habe, politische Gegner “aufzuschlitzen, auszunehmen”. Für den Aufstieg des Ultrarechten macht er allerdings auch Gustavo Petro mitverantwortlich, der in einer linken "Bubble von Sektarismus, Arroganz, Demagogie, Inkohärenz und Missachtung” regiert habe.
Cepeda: Umweltschutz und Frieden
In der Tat ist der Machtmensch Petro, der gegen den Widerstand des politischen Establishments einige Sozialreformen durchsetzen konnte, für Cepeda Hilfe und Hypothek zugleich: Dass ihm die kolumbianische Gesetzeslage Zurückhaltung im Wahlkampf auferlegt, ignoriert er völlig und mobilisiert damit viele Menschen, die der linke Kandidat nicht erreicht. Andererseits zweifelt er ohne jede Beweise bis heute das Ergebnis der ersten Runde an, wovon sich Cepeda erst viel zu spät absetzte.
Cepeda möchte dort anknüpfen, wo Petro aufgehört hat, etwa bei der Energiewende weg vom fossilen Wirtschaftsmodell. Bestimmt wendet er sich gegen Öl- und Gasförderung durch Fracking und bildet damit unter den führenden Politikern Amerikas die große Ausnahme. Ähnlich wie Petro vor vier Jahren hofft er auf eine breite Mobilisierung auf dem Lande und in den Armenvierteln der großen Städte.
Und ähnlich wie Petro setzt er auf einen "umfassenden Frieden”, also auf Verhandlungen mit Drogenbanden und Rebellen. In den letzten Jahren hat das mehr schlecht als recht funktioniert: Noch immer gehört Kolumbien zu den gewalttätigsten Ländern der Welt. Seit den 1960 bekämpfen sich Staat, Guerillas und paramilitärische Milizen. Und nach einer kurzen Verschnaufpause nach einem Friedensabkommen mit der damals größten Farc-Guerilla 2016 nimmt die Gewalt seit einigen Jahren wieder zu.