Nairobi - Naserian Kitoi will ihren richtigen Namen nicht veröffentlicht sehen. Die junge Maasai aus dem Norden Tansanias hat Angst vor Repressionen der Behörden. Aber sie möchte nicht schweigen: Über ein geplantes Großprojekt zur CO2-Kompensation in ihrer Heimatregion Monduli sei praktisch entschieden worden, ohne dass die Gemeinschaft die Folgen wirklich absehen könne.
Nordwestlich des Kilimandscharos, nahe der Grenze zu Kenia, ist das von Volkswagen mitfinanzierte Projekt auf Weideland der Maasai rund um die Ortschaft Longido geplant. Dabei sollen über veränderte Weidepraktiken Kohlendioxid-Emissionen gebunden werden. Im Gegenzug können CO2-Verschmutzungsrechte verkauft werden. Entwickelt wurde das „Longido Monduli Rangeland Carbon Project“ von „Soils for the Future Tanzania“ zusammen mit Volkswagen ClimatePartner, einem 2022 gegründeten Joint Venture von Volkswagen und ClimatePartner. Der Beschreibung zufolge sollen die Ökosysteme in der Region gewinnen, indem Überweidung vermieden und die Böden entlastet werden.
Absichtserklärung unterzeichnet
Kitoi und ein Dutzend andere Maasai sind an diesem Vormittag in Arusha zusammengekommen, um über die Situation in Longido zu sprechen. Von Treffen mit der Maasai-Gemeinschaft in ihren Heimatdörfern haben sie dringend abgeraten: Das könnte Aufsehen erregen und Vertreter der Regierung auf den Plan rufen, sie fürchten Repressionen.
Eine Absichtserklärung für das CO2-Vorhaben sei bereits unterzeichnet, einige lokale Vertreter hätten schon erste Zahlungen bekommen, berichten sie. Dabei hätten die meisten Menschen im Dorf gar nicht verstanden, worum es geht, sagt Kitoi.
Folgen für viele nicht überschaubar
Den Eindruck hat auch Silala Siana, ihr richtiger Name ist der Redaktion ebenfalls bekannt. „Als ich meine Eltern danach gefragt habe, haben sie gesagt: Wir vertrauen unseren gewählten Führern, die wissen schon, was sie tun.“ Einer der Männer in der Runde ergänzt: „Einer der Älteren hat zu mir gesagt: 'Uns wurde erklärt, dass wir die schlechte Luft aus der Luft nehmen und dafür Geld bekommen.'“
Nicht klar sei den meisten aber, was das bedeute, sagen die Maasai in Arusha. Es sind alles eher jüngere Männer und Frauen, gut gebildet. Die ältere Generation im ländlichen Raum nördlich von Arusha hingegen kann sich kaum auf ihre Bildung stützen, wenn es um die Beurteilung eines solchen Großprojekts geht. Verra, der internationale Standardsetzer für freiwillige CO2-Zertifikate, hatte das Projekt nach viel Kritik im März 2026 erneut zur öffentlichen Kommentierung gestellt. Die Frist lief bis Anfang April. Bislang ist das Vorhaben noch nicht zertifiziert.
Volkswagen Climatepartner betont Aufklärung
Volkswagen Climatepartner verwies auf Anfrage auf seine schon veröffentlichten Stellungnahmen zu Kritik an dem Projekt. Darin heißt es unter anderem, die betroffene Bevölkerung sei umfassend informiert worden und habe freiwillig zugestimmt. Im Übrigen gehe die Aufklärung während der gesamten Projektlaufzeit weiter. Und das sind immerhin 40 Jahre.
Für die jüngeren Maasai, die sich in Arusha getroffen haben, ist schon das ein wesentlicher Kritikpunkt. Warum sich ihr Dorf durch einen Vertrag binden sollte, der noch das Leben ihrer Kinder beeinflussen werde, fragen sie. Vor allem aber sind sie besorgt, weil das veränderte Weidemanagement die Maasai daran hindern werde, auf ihre Notweideflächen für Trockenzeiten zurückzugreifen. Denn nach dem neuen Muster werden die Weideflächen in kleinere Abschnitte unterteilt. Die Herde soll einen Abschnitt nur kurz beweiden und alle zwei Wochen weitergetrieben werden, damit die vorherige Fläche sich erholen und CO2 binden kann.
Parallelen zu Kenia
Für die Maasai sei das problematisch, betont Silala Siana, weil dieser schnelle Takt nicht nur mehr Organisation und Kontrolle verlangt, sondern auch die bisherige Solidarität der Maasai gefährde. „Wenn mein Dorf unter Trockenheit leidet, bringe ich mein Vieh in Gebiete, die anderen Maasai gehören“, erklärt sie. Dieser traditionelle Gemeinschaftssinn sei jetzt bedroht, weil Dörfer mit einem CO2-Vertrag den Zugang für Herden aus anderen Dörfern sperren könnten.
Kritiker sehen Parallelen zu einem umstrittenen Projekt in Nordkenia: Beim Northern Rangelands Carbon Project wurden Einschränkung traditioneller Weidepraktiken, mangelnde Zustimmung der Gemeinden und massive Eingriffe in Landrechte kritisiert. Wie die Menschenrechtsorganisation Survival International berichtet, wurden aus dem Projekt Emissionszertifikate an Unternehmen wie Meta, Netflix und Beiersdorf verkauft.
