Berlin (epd). Ungerechte Verteilung bei der Klimafinanzierung: Die am stärksten von der Klimakrise betroffenen Länder erhalten laut „Brot für die Welt“ im internationalen Vergleich deutlich zu wenig Finanzhilfe für die Anpassung an die Erderwärmung. „Wir brauchen eine Trendumkehr. Wer am stärksten gefährdet ist, muss zuerst Unterstützung erhalten“, forderte die Präsidentin des evangelischen Hilfswerks, Dagmar Pruin, am Donnerstag in Berlin anlässlich der Vorstellung des Klima-Anpassungsindex 2026. 92 der 129 untersuchten Länder seien gemessen an ihrem jeweiligen Klimarisiko unterfinanziert. Zugleich wachse durch immer mehr Kredite für Klimaschutzmaßnahmen die Gefahr einer Verschuldung.
Die vier am stärksten unterfinanzierten Länder sind laut „Brot für die Welt“ wie im Vorjahr Afghanistan, der Tschad, Südsudan und Somalia. Insgesamt lebten rund 6,3 Milliarden Menschen in Ländern, wo das Geld für Klimaanpassungsmaßnahmen fehlt. Mit dem Index analysiert „Brot für die Welt“ zum vierten Mal, wie gerecht die Hilfsgelder der Industrieländer für die Klimaanpassung verteilt werden - gemessen am Klimarisiko und der Bevölkerungsgröße der Empfängerländer. Dafür wurden EU-Daten zum Klimarisiko in den Ländern mit Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) kombiniert.
„Brot für die Welt“: Kredite zur Klimaanpassung erhöhen das Risiko einer Schuldenfalle
Für 2026 untersuchte der Index erstmals die Art der Finanzierung bei Klimaschutzmaßnahmen - und attestiert mit einer langfristigen Verschiebung von Zuschüssen hin zu Krediten eine besorgniserregende Entwicklung. Finanzzuschüsse sanken demnach von knapp 58 Prozent im Jahr 2016 auf rund 45 Prozent 2023. Im gleichen Zeitraum wurden Gelder zunehmend als Kredite bereitgestellt. „Klimaanpassung auf Pump belastet besonders verletzliche Länder doppelt“, kritisierte die Klimaexpertin von „Brot für die Welt“, Sabine Minninger. Neben dem Umgang mit Klimafolgen müssten diese Länder zusätzliche Schuldenlasten stemmen.
Insgesamt zeige der Index eine massive Gerechtigkeitslücke: Ausgerechnet die Länder, in denen Klimarisiken, Armut und Konflikte zusammenträfen, hätten häufig den schlechtesten Zugang zu Finanzhilfen. „Das zeigt strukturelle Zugangsbarrieren, die abgebaut werden müssen“, betonte Minninger. Positiv schneiden dem Index zufolge hauptsächlich kleine Inselstaaten wie Tuvalu und Nauru ab. Doch auch das sei eine Erfolgsgeschichte mit Grenzen, erklärte die Klimaexpertin: „Langsame Klimafolgen wie der Meeresspiegelanstieg werden im Risikoindex nur teilweise erfasst“.
Bundesregierung unterschreitet Finanzzusagen von sechs Milliarden Euro pro Jahr
Mit Blick auf die im November in Antalya beginnende Weltklimakonferenz appellierte Minninger an die Bundesregierung, bereits getroffene Finanzzusagen einzuhalten und für eine gerechtere Verteilung zu sorgen. „Klimaschutz ist wesentlich billiger, als mit den Folgeschäden umzugehen“, betonte sie.
Noch unter den Vorgängerregierungen der aktuellen schwarz-roten Koalition hatte die Bundesregierung zugesagt, bis 2025 mindestens sechs Milliarden Euro pro Jahr aus öffentlichen Haushaltsmitteln für die internationale Klimafinanzierung beizusteuern. Diesel Ziel wurde 2022 und 2024 erreicht. Für 2025 sanken die Mittel jedoch nach Angaben des Bundesentwicklungsministeriums auf 4,7 Milliarden Euro.
