Poetische Öko-Parabel

Der Dieb des Lichts
Frankreich/Kirgisien/Deutschland 2010
Regie: Aktan Arym Kubat, 79 Minuten
Kinostart: 14. April 2011


Was passiert, wenn in einer mittelasiatischen Republik die staatliche Stromversorgung privatisiert wird? Die Preise steigen so rasch, dass die armen Dorfbewohner in den Steppen Kirgistans sie nicht mehr zahlen können. Doch auf die Annehmlichkeit der modernen Zivilisation wollen sie nicht verzichten. Dieser Konflikt, der in postsozialistischen Gesellschaften kein Einzelfall ist, steht im Mittelpunkt des dritten langen Spielfi lms des kirgisischen Regisseurs Aktan Arym Kubat, „Der Dieb des Lichts“.

Er spielt zugleich die Hauptrolle des kauzigen Elektrikers Svet-Ake, den alle nur „Herr Licht“ nennen. In seinem Dorf ist er hoch geachtet, stellt er doch die zuweilen instabile Stromversorgung sicher und lässt auch mal die Zähler armer Nachbarn rückwärts laufen. Bei solchen Gelegenheiten erfährt der Familienvater viel von den Sorgen und Nöten der Dorfbewohner und spendet reichlich Trost.

Als die Strompiraterie zu offensichtlich wird, verliert der gute Mann seine Stelle. Doch „Herr Licht“ hält an einer fixen Idee fest, die seine Frau seit langem belächelt: Er will in der Steppe mit dem stetig wehenden Wind einen Windpark errichten, um das Dorfunabhängig von den Energiekonzernen zu machen. Dazu muss er sich mit dem windigen Geschäftsmann Bekzat arrangieren, der mit der Rückendeckung des neuen Bürgermeisters Mansur ein lukratives Grundstücksgeschäft plant und dubiose chinesische Investoren umwirbt.

Mit seinem ersten langen Film „Beshkempir – Der fremde Sohn“ (1998) gewann Kubat etliche internationale Preise und wurde zum bekanntesten Filmemacher Kirgistans. Seine bisherigen Arbeiten sind vor allem autobiographisch geprägt und kreisen um Themen wie Kindheit und Erwachsenwerden. Mit seinem jüngsten Film wendet er sich nun den sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen zu, die Privatisierung, Kommerzialisierung und Globalisierung in einer Provinzidylle auslösen.

Eingebettet in schöne Landschaftsaufnahmen schildert Kubat variantenreich den Zusammenprall von Tradition und Fortschritt, zeigt, wie der alte Bürgermeister sich gegen die Spekulationsgeschäfte des Karrieristen wehrt, wie Bekzat alte Bräuche wie die Ziegenjagd auf dem Pferd zum Stimmenfang instrumentalisiert und wie Svet-Akes Idee einer alternativen Energiegewinnung mit den kommerziellen Interessen anonymer Großkonzerne kollidiert.

Die gemächliche Inszenierung wird immer wieder aufgelockert durch burleske Szenen, die mit feinsinnigem oder skurrilen Humor aufwarten. Etwa wenn Svet-Ake, der nach vier Töchtern endlich einen Sohn zeugen will, dem Rat seines Freundes Mansur folgt und – mit beinahe tödlichen Folgen – eine Hochspannungsleitung anfasst: „Das wird deine weiblichen Hormone ausmerzen!“. Oder wenn er auf einen hohen Baum klettert, um einen kleinen Jungen zu retten, und die beiden in der Baumspitze sitzen bleiben und den aufgehenden Mond bewundern.

Wird „Der Dieb des Lichts“ über weite Strecken von leiser Poesie und melancholischem Humor bestimmt, so schlägt Kubat am Ende härtere Töne an und nimmt die Profitgier der neuen Oligarchen ins Visier. Als Bekzat in einer schrillen Show versucht, eine Dorfschönheit an die korrupten chinesischen Kapitalisten zu verschachern, dreht der wütende Svet-Ake den Strom ab. Die brutale Strafe folgt auf dem Fuß. Sein Traum einer Allianz aus Öko-Utopie und freiem Investmentkapital endet jäh und auch für die Zuschauer abrupt: Der hilfsbereite Idealist kann sich selbst am Ende nicht mehr helfen.


Reinhard Kleber

 

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