Der Wandel lässt sich nicht aufhalten

Volker Perthes
Der Aufstand.
Die arabische Revolution und ihre Folgen

Pantheon-Verlag, München 2011,
224 Seiten, 12,99 Euro


Der Nahost-Experte Volker Perthes analysiert den arabischen Aufbruch und seine Bedeutung für die deutsche und europäische Politik. Sein Buch ermöglicht ein besseres Verständnis für das Geschehen in der arabischen Welt.

Perthes, Direktor der Stift ung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin, ist einer der besten deutschen Nahost-Kenner und ein ausgewiesener Syrien-Experte. Er analysiert und strukturiert, teilt das revolutionäre Geschehen in typische Phasen ein und beschreibt Gemeinsamkeiten wie Unterschiede in der Region. Er gibt sich gar nicht erst den Anschein eines„Ich-war-dabei“, sondern liefert Hintergründe und Analysen. Dabei gibt der Politologe einen umfassenden Überblick über die gesamte arabische Welt und bezieht auch Staaten an der Peripherie mit ein (Sudan) und Länder, die vordergründig immun gegen den Wandel erscheinen (die Golfstaaten). Einen breiten Raum nehmen seine Empfehlungen an die Politik ein.

Perthes deutet den arabischen Aufstand vor allem als das Auflehnen einer jungen Generation gegen Autoritäten in Staat und Gesellschaft . Bei den Jungen ist die „Mauer der Angst“ gefallen und dieser Wandel in den Köpfen läßt sich auch dann nicht mehr rückgängig machen, wenn der politische Prozess bis zur Demokratie zäh wird.

Mit der deutschen und europäischen Nahost-Politik geht Perthes in der Sprache moderat, in der Sache aber hart ins Gericht. Viel zu lange habe man Stabilität mit Stagnation verwechselt. Bis heute bleibe für ihn unklar, ob Entscheidungsträger und Öffentlichkeit in Europa wirklich verstanden hätten, was sich in der arabischen Welt tut. Vor allem den Irak-Krieg wertet er als eine „politische Lebensverlängerung“ für so manchen Autokraten im Nahen Osten. Das trifft vor allem die USA.

Doch auch die europäische Politik hat im Nahen Osten immer wieder doppelte Standards praktiziert, die zu verkrusteten Strukturen beigetragen haben. Sie hat in den palästinensischen Gebieten demokratische Wahlen angemahnt, aber nach dem Wahlsieg der Hamas Anfang 2006 die Bereitschaft zum Gespräch mit den Wahlsiegern von Bedingungen abhängig gemacht, „die sie keinem anderen Akteur im Nahen Osten abforderte“, schreibt Perthes. Heute hat Europa die Chance, einen Aufbruch zu unterstützen, der ohne sein Zutun entstanden ist. Perthes verlangt„stärkere politische Signale“, die eine neue Haltung gegenüber der Region demonstrieren sollen. Unterstützt werden sollten vorrangig jene Staaten, die sich in Richtung Demokratie bewegen. Hier bleibt Perthes sehr allgemein, denn angesichts so fragwürdiger Deals wie dem Verkauf von Kampfpanzern an Saudi-Arabien darf man bezweifeln, ob die deutsche Politik ihre Grundlinien verändert hat.

Was Perthes konkret verlangt, ist nicht neu: einen besseren Marktzugang für Waren aus der arabischen Welt durch die Abschaffung von Handelshemmnissen und einen leichteren Zugang für junge Frauen und Männer aus diesen Ländern zum europäischen Arbeitsmarkt, um den demographischen Druck auf die jungen Nationen Nordafrikas zumindest etwas zu mildern.

In seinen Prognosen ist das Buch noch stark von der Aufbruchstimmung der ersten Hälfte des vergangenen Jahres geprägt. Ägypten und Tunesien bezeichnet Perthes als „demokratische Konsolidierer“,bei denen eine halbwegs funktionierende Demokratie im Bereich des Möglichen liegt. Die dramatische Entwicklung in Syrien war im Sommer 2011 noch nicht absehbar, aber seine Skepsis gegenüber der Entwicklung in Libyen verhehlt Perthes nicht. Dort hält er einen staatlichen und institutionellen Neuanfang für sehr schwierig.

Unnötig sind die Verweise des Autors auf frühere eigene Werke, in denen er den Aufb ruch Arabiens vorhergesagt haben will. Diese Rechtfertigung ist wohl der Kritik an Think Tanks wie der SWP geschuldet, sie hätten die Zeichen des Umbruchs nicht frühzeitig erkannt. Wenig lesefreundlich ist auch die Schreibweise arabischer Namen. Sie ist zwar näher am arabischen Original, aber für deutschsprachige Leser sehr ungewohnt. Alles in allem liefert Perthes eine solide Analyse, die viel zum Verständnis des Geschehens in der arabischen Welt beiträgt.


Claudia Mende

 

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