Nachrichten vom Tiananmen-Platz

Der Spielfilm „Shanghai Shimen Road“ schildert die Ursprünge der Demokratiebewegung in China. Regisseur Haolun Shu geht dafür in die Zeit seiner eigenen Jugend zurück.

Haolun Shu wurde 1972 in Schanghai geboren und wuchs dort auch auf. Nach einem Filmstudium an der Southern Illinois University in den USA kehrte er in den 1990er Jahren nach China zurück, wo er eine unabhängige Produktionsfirma gründete.

Der Film setzt im Sommer 1988 ein, als der 17-jährige Xiaoli beim strengen Großvater in der kleinen Shimen-Straße wohnt und begeistert mit der Kamera, die ihm seine Mutter geschenkt hat, alles um sich herum fotografiert. Die Mutter ist in die USA ausgewandert und möchte ihn nachholen. Doch Xiaoli interessiert sich mehr für die schöne Nachbarin Lanmi. Die 22-Jährige arbeitet in einer Fabrik, träumt aber von einem besseren Leben im Westen. Als Lanmi die Managerin eines großen Hotels kennenlernt, verdingt sie sich dort als Eskortdame für ausländische Gäste. Xiaoli beobachtet still, wie Lanmi auf die schiefe Bahn gerät, kann das aber nicht verhindern, da sie seine Annäherungsversuche ignoriert.

Eines Tages kommt die gleichaltrige Lili neu in Xiaolis Klasse. Sie interessiert sich für Politik und wird von einer Cousine über die studentischen Demonstrationen in Peking informiert. Lili nimmt den Jungen mit zu einer Solidaritätskundgebung an der Universität in Schanghai.

Die Fotos, die er dort macht, bringen die beiden in Schwierigkeiten. Als die Studentenproteste auf dem Tiananmen, dem Platz des himmlischen Friedens in Peking, am 4. Juni 1989 niedergeschlagen werden, verbrennt Xiaoli auf Anraten seines Großvaters die Fotos. Später emigriert er in die USA. Als er 2008 zurückkehrt, erkennt er sein Heimatviertel Da Zhongli kaum wieder: Die Häuser sind zerfallen und stehen leer. An ihrer Stelle werden neue Hochhäuser gebaut.

Melancholischer Ton

Der Ich-Erzähler erläutert das Geschehen zu Beginn und am Ende in knappen Off-Kommentaren. Deren melancholischer Ton lässt erkennen, wie er den gewachsenen Quartieren nachtrauert. Der nostalgische Blick auf den Strukturwandel in der ökonomisch liberalisierten Volksrepublik manifestiert sich vor allem in der Kontrastmontage von alten Schwarzweißfotos mit aktuellen farbigen Bewegtbildern. 

Jenseits der Komplikationen des Erwachsenwerdens und der ersten Verliebtheit transportiert das Spielfilmdebüt, das vom Evangelischen Entwicklungsdienst gefördert wurde, viele Alltagsbeobachtungen und registriert scheinbar beiläufig politische Umbrüche. So sind die alten Quartiere sehr dicht besiedelt, seit die Behörden im Zuge der Kulturrevolution Häuser beschlagnahmt und unter der Arbeiterklasse aufgeteilt haben. Die soziale Kontrolle funktioniert exzellent. Wie Xiaoli haben die Bewohner so gut wie keine Privatsphäre.

In den beiden weiblichen Figuren kristallisieren sich zwei Denkweisen der 1980er-Jahre: Die materialistische Lanmi aus der Arbeiterklasse ist politisch desinteressiert, sehnt sich nach Wohlstand und will nach Amerika. Lili möchte in China bleiben, sympathisiert mit der Demokratiebewegung und hofft auf Reformen des kommunistischen Systems. Der Protagonist steht dazwischen: Eigentlich will er seiner Mutter nicht in die USA folgen, doch der Großvater ermahnt ihn, fleißig Englisch zu lernen, damit er dort studieren kann.

Der Großvater, selbst ein Opfer der Verfolgung in der Kulturrevolution, pocht zu Beginn auf die Rückgabe beschlagnahmter Kunstwerke seines Sohnes, akzeptiert aber am Ende eine Entschädigungszahlung. „Ein Ei kann keinen Stein besiegen“, sagt er zu Xiaoli, kurz nach den Ereignissen auf dem Tiananmen. (Reinhard Kleber)

Shanghai Shimen Road
Regie: Haolun Shu
China 2011, 85 Minuten
Kinostart: 13. März 2014

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