04.01.2018

Gesellschaften im Wandel

Nach kurzem Erstaunen über die Proteste von 2011 erscheint der Nahe Osten heute wieder als hoffnungslos rückständig und autoritär. Die Autoren des Sammelbandes hinterfragen diese Sicht und beschreiben einen Umbruch, der noch lange nicht abgeschlossen ist.

Helmut Krieger, Magda Seewald, ViDC (Hg.): Krise, Revolte und Krieg in der arabischen Welt. Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2017, 178 Seiten, 20 Euro
Nicht alle Beiträge halten dem Anspruch der Autoren, den „westlichen“ Blick auf den Orient zu hinterfragen, stand. Aber es sind interessante Stimmen dabei, die die Konflikte in der Region jenseits des verkürzten Musters von Säkularen versus Islamisten beschreiben. So wird in den Kapiteln zu Syrien, Jemen, Irak, Ägypten, Palästina und Tunesien schnell deutlich, dass sich diese Gesellschaften noch immer in einem Umbruch befinden.

Rabab El Mahdi von der Amerikanischen Universität in Kairo sieht in den Protesten von 2011 weniger einen fehlgeschlagenen demokratischen Übergang als vielmehr den Ausdruck eines brüchig gewordenen Gesellschaftsvertrages, der Ägypten seit der Unabhängigkeit 1952 bestimmt. Der Prozess seiner Transformation sei mit der autoritären Restauration unter Präsident Al-Sisi längst nicht beendet. Hamid Dabashi von der New Yorker Columbia Universität beschreibt, wie die Feindschaft zwischen Sunniten und Schiiten, die es in der Geschichte des Islam in dieser Form lange Zeit nicht gab, von den Regierenden in Iran und Saudi-Arabien aus politischen Gründen konstruiert wird.

Im Kapitel über Tunesien berichtet der Politikwissenschaftler Hamza Meddeb von der Weigerung der herrschenden Elite, die politischen Institutionen zu reformieren und die Diktatur von Ben Ali konsequent aufzuarbeiten – womit sie die demokratischen Errungenschaften in dem kleinsten Land Nordafrikas gefährdet. Die unkritische Unterstützung der tunesischen Regierung durch die Europäische Union und die USA mit vielen Milliarden an Hilfsgeldern hält er für besorgniserregend.

Cilja Harders von der Freien Universität Berlin benennt im Interview die widersprüchliche Politik des Westens in der Region. Einerseits beschwört er sein Interesse an Demokratisierung, andererseits läuft die Unsicherheit, die eine Entwicklung zur Demokratisierung zunächst mit sich bringen würde, europäischen Sicherheitsinteressen entgegen – etwa dem Bemühen, Flüchtlinge aus Europa fernzuhalten. Störend ist in einigen Beiträgen die schwer verständliche Fachsprache. Insgesamt kann man dem Band für seine wohltuend differenzierte Sicht auf den Nahen Osten und Nordafrika aber viele Leserinnen und Leser wünschen.

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