11.11.2020

Wo genau ist der Handel schuld?

Dieser Sammelband stellt Fakten und Argumente zum Welthandel und zur globalen Umweltzerstörung zusammen und liefert einige gute Fallstudien. Eine systematische Durchdringung der Wechselwirkungen fehlt aber.

 Hans Baumann u.a. (Hg.): Welthandel und Umweltzerstörung – Commerce mondial et dégradation de l‘environnement. Denknetz Jahrbuch 2019. edition 8, Zürich 2019, 235 Seiten, 19,80 Euro, kostenloser Download unter www.denknetz.chVerlag
Der Beitrag des freien Welthandels zur Umweltzerstörung ist ein Thema von wachsender Brisanz. Dass das Schweizer „Denknetz“ ihn in seinem jüngsten Jahrbuch in den Mittelpunkt stellt, kommt also zur rechten Zeit. Der Ansatz der meisten Beiträge ist jedoch unbefriedigend. Die Bestandsaufnahme beschränkt sich weitgehend darauf, mit vielen Daten zu zeigen, dass der Welthandel, die globalisierte Produktion sowie die Umweltschäden wachsen. Das ist nicht neu und kein ausreichender Nachweis, ob und wie der Welthandel global zu mehr Umweltbelastung führt. Denn dessen Wirkungen sind vielschichtig und widersprüchlich. Er trägt dazu bei, dass insgesamt mehr produziert und konsumiert wird, verändert aber zugleich Produktionsstrukturen und  standorte und kann die Technik führender Firmen und die Standards ihrer Länder verbreiten, auch die Umweltstandards.

Diesen komplexen Zusammenhängen weichen viele Beiträge aus. Zum Beispiel fordern Christoph Lüthy, Helen Müri und Daniel Haller, die Landwirtschaft müsse Nährstoffkreisläufe schließen und deshalb lokal ausgerichtet werden. Für die Schweiz mag das sinnvoll sein – falls dann weniger Fleisch gegessen statt nur mehr örtlich erzeugt würde. Aber viele Länder, etwa im Nahen Osten, können aufgrund ihres Klimas ihre Nahrungsmittel nicht selbst herstellen; andere könnten das, würden damit aber global gesehen die Naturressourcen mehr belasten als mit Importen. Monika Tobler listet auf, wie viel Wasser für die Produktion wichtiger Importgüter verbraucht wird. Dass diese Importe stets anderswo die Wasserknappheit verschärfen, ist aber ein Kurzschluss: Viele Güter – zum Beispiel Kaffee und Kakao – kommen aus Gegenden mit reichlich erneuerbaren Wasserquellen. Es schont sogar Wasserressourcen, wenn trockene Länder ihre Nahrung aus Ländern mit viel Wasser importieren.

Stark ist die Fallstudie zur Schweizer Pharmaindustrie: Sie erklärt Besonderheiten der Medikamentenherstellung und zeigt, dass die Schweizer Firmen mit der Verlagerung von Teilen der Produktion den hohen heimischen Umweltstandards ausgewichen sind und nun in asiatischen Ländern Gifte abladen. Dass die Handelspolitik Europas den Umweltschutz indirekt unterminiert, demonstriert einer der französischsprachigen Beiträge. Unter anderem betont er, der Umweltschaden des Agrarhandels entstehe, weil dieser die industrielle Landwirtschaft gegenüber angepassten Kleinbetrieben begünstige, also durch indirekte Wirkungen auf die Struktur des Sektors. Ein weiterer Artikel sieht die Lösung darin, Konzerne für Umweltstandards in ihrer gesamten Lieferkette verantwortlich zu machen.

Das Buch ist sehr anregend. Einige Texte sind aber mit Daten vollgestopft und ermüdend. Und vor allem: Eine systematische Durchdringung der Umweltfolgen des Handels fehlt.
 

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