Abrechnung mit der Mikrofinanz

Milford Bateman
Why Doesn’t Microfinance Work?
The Destructive Rise of Neoliberalism

Zed Books, London & New York 2010,
262 Seiten, ca. 22 Euro


Über den Nutzen und den Schaden von Mikrokrediten wird viel gestritten – nicht erst, seit im vergangenen Jahr aus dem indischen Bundesstaat Andhra Pradesh gehäuft Meldungen von hoch überschuldeten Kreditnehmern und einer infolgedessen erhöhten Zahl von Selbstmorden kamen. Auch Befürworter des von Mohammed Yunus und seiner Grameen-Bank populär gemachten Instrumentes der Entwicklungshilfe sehen darin längst nicht mehr das Allheilmittel gegen die Armut. Zahlreiche empirische Studien setzen sich kritisch und differenziert mit der Wirkung von Mikrokrediten auseinander. Zur Zeit wird vor allem die zunehmende Kommerzialisierung von Mikrofinanzinstituten für Auswüchse wie Überschuldungen und Finanzblasen verantwortlich gemacht. In diese Kritik stimmt der britische Ökonom Milford Bateman ein. Aber sein Unbehagen gegenüber der Mikrofinanz geht noch tiefer: Sie sei eine „Armutsfalle“, die eine nachhaltige wirtschaftliche und soziale Entwicklung armer Länder verhindere, schreibt er gleich im einführenden Kapitel. Nach einem kurzen geschichtlichen Abriss macht er sich daran, die beliebtesten „Mythen“ zu zerpflücken. Mikrofinanz unterstützt einkommensschaffende Maßnahmen, stärkt das Selbstbewusstsein der Armen – vor allem der Frauen – und befriedigt ihre Bedürfnisse: alles falsch, erklärt Bateman. Er untermauert seine Thesen mit überzeugenden Argumenten, Befunden und Beispielen. Vor allem mit den gegenwärtigen Methoden, die Wirksamkeit von Mikrokrediten zu untersuchen, geht er hart ins Gericht.

Doch mit seinen Ausführungen über die „Politik der Mikrofinanz“ begibt er sich in das Reich der Verschwörungstheorien über den Neoliberalismus: Die westlichen Eliten benutzten Mikrokredite, um die Armen mit ihren Kleinstunternehmen in prekären Lebensverhältnissen festzuhalten und daran zu hindern, in sozialen Bewegungen gegen diese Verhältnisse aufzubegehren. Das klingt sehr weit hergeholt und dürfte außerdem die Bedeutung von Mikrokrediten um einiges überschätzen. Interessanter sind die alternativen lokalen und regionalen Modelle für wirtschaftliche Entwicklung, die Bateman anhand europäischer Länder, aber vor allem der asiatischen Tigerstaaten vorstellt und als Alternativen für Mikrofinanz verstanden wissen will.

Sein Buch hat kurz nach seinem Erscheinen im Juni 2010 unter Mikrofinanzexperten in den USA und England eine sehr kontroverse Debatte ausgelöst. Die Reaktionen reichten von „bedenkenswert“ bis „ärgerlich“. Das ist bei dem emotional besetzten Thema nicht anders zu erwarten. Die Idee, armen Menschen mit einem Kredit die Chance zu geben, sich ein besseres Leben selbst zu verdienen, hat auch nach 40 Jahren wenig von ihrem Charme eingebüßt. Sie wird von Regierungen, Entwicklungsbanken und privaten Spendern und Anlegern unterstützt. Aber es ist wichtig, dass sie immer wieder und von verschiedenen Seiten kritisch hinterfragt wird. Bateman leistet dazu einen wichtigen Beitrag, auch wenn man ihm nicht in all seinen Argumenten folgen will und die ständigen Hinweise auf die neoliberale Verschwörung ein wenig ermüdend wirken.


Gesine Kauffmann

 

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