Den Hunger pragmatisch bekämpfen

Worldwatch Institute in Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung und Germanwatch (Hg.)
Zur Lage der Welt 2011. Hunger im Überfluss – Neue Strategien gegen Unterernährung und Armut
Oekom Verlag, München 2011,
288 Seiten, 19,95 Euro


Nicht noch ein Buch zum Thema Hunger – so meine erste Reaktion. Doch das hier ist anders: Es ist eine wahre Fundgrube praktischer Beispiele, die beweisen, dass es auf lokaler Ebene ermutigende Beispiele zur Überwindung des Hungers gibt. Die Fallstudien schildern, wie Bauern zusammen mit nichtstaatlichen Organisationen (NGO) erstaunliche Innovationen im Anbau von Nahrungsmitteln zur Selbstversorgung erreichen, und gleichzeitig die Umwelt erhalten und verbessern. „Öko wird Mainstream“ – so der Titel eines Beitrages – ist in der Tat, so kann man nach der Lektüre den Eindruck erhalten, inzwischen Realität. Sind die Tage der harten Auseinandersetzung zwischen den Vertretern der industriellen, Chemie gestützten Landwirtschaft und den Befürwortern der agrarökologischen Revolution vorbei?

Die Autoren sind fast ausschließlich Amerikaner, wenn man von den Berichten „aus dem Feld“ absieht, die jede grundsätzliche Erörterung mit einem konkreten Beispiel aus einem Entwicklungsland ergänzen. Eine Ausnahme ist der offenbar obligatorische Einleitungsartikel der deutschen Herausgeber, der in Inhalt und Duktus nicht so recht zu dem Rest des Buches passt. Er befasst sich mit der Agrarpolitik der Europäischen Union, während die anderen Beiträge sehr praxisbezogen aus Entwicklungsländern berichten.

Es erstaunt der „amerikanische Pragmatismus“, denn die Autoren haben trotz ihrer klaren Befürwortung der agrarökologischen Ansätze keine Hemmungen, die Zusammenarbeit mit Firmen der Agrarindustrie zu würdigen. Monsanto, Nestlé und Mars werden ebenso positiv erwähnt wie die Zusammenarbeit des Worldwatch Institutes mit der Bill & Melinda Gates-Stiftung, die Alliance for a Green Revolution in Africa und die Internationalen Agrarforschungszentren, die eigentlichen Protagonisten der „Grünen Revolution“.

Die Beispiele verdeutlichen die vernachlässigten Potenziale einer anderen Art der Landwirtschaft, die von armen Leuten betrieben wird. Im Vordergrund stehen Vielfalt, Ertragssicherheit, kulturelles und standortspezifisches Wissen, keine Mono- und Reinkulturen, Gewinnmaximierung und Versprechen der Laborwissenschaften. Dabei ist der Geist aber keinesfalls wissenschaftskritisch; es geht nur um eine andere Form der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und der „Arme-Leute-Landwirtschaft“: der partizipativen Forschung und Beratung.

Nach dem bahnbrechenden Werk von Jules Pretty und Colin Heines von 2001, die ähnliche Beispiele aus 286 Projekten in 57 Ländern zusammengetragen hatten, basiert dieser Band auf einer Spurensuche von Danielle Nierenberg, einer Mitarbeiterin des Worldwatch Institutes, die Projekte in 25 Ländern in Afrika aufgespürt hat. Der Wert des Buches liegt im Konkreten, es geht nicht um Theorie, sondern um erfolgreiche Initiativen. So wird etwa berichtet über Dachgärten in Senegal, Tröpfchenbewässerung in Burkina Faso, Agroforstsysteme im Sahel und die traditionelle Sortenvielfalt bei Gemüse in Tansania. Es geht um übersehene Chancen einer städtischen Gartenkultur, um Agrarsysteme, die die Dürre bekämpfen helfen, um die gezielte Förderung von Kleinbäuerinnen, kurz: um das Leben der armen Menschen, und nicht um angebliche Patentlösungen, die das große Geld versprechen.


Rudolf Buntzel

 

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