Schlaglichter auf das Herz der Finsternis

Andrea Böhm
Gott und die Krokodile.
Eine Reise durch den Kongo

Pantheon Verlag, München 2011
269 Seiten, 14,99 Euro


Die Menschen im Kongo helfen sich selbst – sie leben in einem Staat, der seine Bürger allein lässt. Gleich bei der Ankunft am Flughafen der Hauptstadt Kinshasa bekommt Andrea Böhm das zu spüren. Beamte knöpfen ihr den Pass ab. Gegen eine „Gebühr“ bekommt sie ihn zurück. Solche Gebühren zahlt die Autorin im Laufe ihrer Erzählungen häufiger an Polizisten und Behörden, deren Existenz zum Teil zweifelhaft ist. Die Redakteurin der Wochenzeitung „Die Zeit“, regelmäßig auf dem afrikanischen Kontinent unterwegs, lässt in ihrem Buch über den Kongo keinen Zweifel, dass das Land auch erfahrene Reisende überfordert.

Böhm berichtet von der ungeheuren Energie, mit der die Menschen versuchen, über die Runden zu kommen. Sie taucht ein in den Moloch Kinshasa, sucht im Busch nach Spuren des schwarzen Missionars William Henry Sheppard und fliegt in die östlichen Unruheprovinzen. Dort jagen Rebellen und staatliche Armee sich noch immer, beide Seiten jagen gemeinsam mit ausländischen Investoren nach Rohstoffen, lassen graben und schürfen, schüren Gewalt und verursachen Leid, das Böhm nur in Ansätzen beschreibt, weil das schon reicht.

Böhm erklärt den Kongo, indem sie Geschichte und Gegenwart in einzelnen Schlaglichtern auf das riesige Land verknüpft. Mit Sympathie erinnert sie an Patrice Lumumba, den ersten Ministerpräsidenten des unabhängigen Kongo. Von der antikolonialen Welle des Kwame Nkrumah in Ghana erfasst, sagte er den belgischen Kolonialherrn zur Unabhängigkeit ins Gesicht, was sie verbrochen hatten. Die weiße Welt schreckte auf. Lumumba wurde nach wenigen Monaten an der Macht ermordet.

„Kongo-Wirren“ wird jene Zeit nach der Unabhängigkeit genannt. Böhm vermeidet den Begriff . Zurecht, denn er suggeriert, die Dinge seien unkontrolliert aus dem Ruder gelaufen. Doch so war es nicht, wie Böhm kurzweilig erklärt. Sie beschreibt, wie der frühere Präsident und Despot Mobutu Sese Seko sein Image kurzzeitig aufpolierte, als er die Boxer Muhammad Ali und George Foreman in den Dschungel lockte. Heute ist das Stadion von damals eine Ruine. Dort wohnt jetzt ein Boxtrainer, mit dem Andrea Böhm joggen geht.

Sie berichtet von Simon Kimbangu, einen tief religiösen Kongolesen, dessen Bewegung und Nachfahren sie besucht. Die Autorin arbeitet auf wenigen Seiten den Konflikt der Seen-Region im Osten auf, der lange schwelte und mit dem Genozid in Ruanda 1994 zum Flächenbrand wurde. Schätzungen gehen von mehr als drei Millionen Toten aus. Viele Menschen sind zudem verstümmelt und traumatisiert, sie sind Täter und Opfer gleichermaßen.

Das Buch stellt Glücksritter vor, die Diamanten suchen, ehemalige Rebellen, pragmatische pakistanische UN-Blauhelme und Politiker, die im Busch Wahlkampf machen – also vor allem Geschenke ver-teilen. Die Reporterin macht das Chaos deutlich, die scheinbare Anarchie, mit der täglich zurechtkommen muss, wer etwas organisieren und aufbauen möchte in einem Land, in dem auch ausgebildete Ärzte an Magie glauben und sich die meisten eher auf höhere Wesen verlassen als auf jene, die sie oft genug im Stich gelassen haben – der eigene Staat und die Vereinten Nationen zum Beispiel.

Mit Ironie und Selbstironie schildert Böhm die Absurditäten ihrer Reise, der eigenen Erwartungen an das Land und deren Bewohner. Sie regt sich auf über Gleichgültigkeit, übt mit einem Chor die „Ode an die Freude“ und spielt sich dennoch nie in den Vordergrund. Böhm schreibt knapp, lebendig und treffsicher, sie transportiert Gerüche und Stimmungen. Am Ende ihres Parforceritts hegt sie die leise Hoffnung, dass der Kongo sich stabilisieren wird.


Felix Ehring

 

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