Die Faszination der Fremde

Schlafkrankheit
Deutschland/Frankreich/Niederlande 2011
Regie: Ulrich Köhler, 91 Minuten
Kinostart: 23. Juni 2011


Welche psychologischen Folgen haben längere Auslandsaufenthalte? Kann das Fremdsein süchtig machen? Wann wird die Fremde zur Heimat und umgekehrt? Mit diesen Fragen sehen sich zwei europäische Ärzte konfrontiert, deren Wege sich in Ulrich Köhlers Kinodrama „Schlafkrankheit" in einer Buschklinik in Kamerun kreuzen. Seit fast zwanzig Jahren leben Ebbo und Vera Velten in afrikanischen Ländern. Während der Arzt ein Projekt zur Bekämpfung der Schlafkrankheit leitet und in der Arbeit aufgeht, fühlt sich Vera in Yaoundé zunehmend verloren. Sie leidet unter der Trennung von der 14-jährigen Tochter Helen, die in Deutschland ein Internat besucht. Als Vera nach Wetzlar abreist, bleibt Ebbo allein zurück.

Drei Jahre später schickt die Weltgesundheitsorganisation den jungen Pariser Mediziner Alex Nzila, der kongolesische Wurzeln hat, nach Kamerun. Er soll Ebbos Projekt evaluieren. Doch Alex findet sich nur schwer zurecht in der ungewohnten Wildnis, ihn befällt eine seltsame Krankheit. Und Ebbo entzieht sich dem verunsicherten Gutachter wie ein Phantom.

Dass die Atmosphäre rund um die vernachlässigte Dschungelklinik so authentisch wirkt, ist kein Zufall. Der Drehbuchautor und Regisseur Ulrich Köhler, 1969 in Marburg an der Lahn geboren, lebte mit seinen Eltern, beide Entwicklungshelfer, von 1974 bis 1979 in Zaire. Er kennt die Brüchigkeit des Heimatgefühls und den „culture clash" aus eigener Erfahrung. Köhler gehört zum Umkreis der Berliner Schule, einer losen Gruppe von Filmemachern, die sich der Melodramatik verweigern und einem visuellen Minimalismus huldigen. Sein dritter Langfilm, der auf der Berlinale 2011 einen Silbernen Bären für die beste Regie gewann, folgt diesem Ansatz, auch wenn die exotische Szenerie und der finale Ausflug ins Mythologische die Strenge der Inszenierung anreichern. Der Film verweigert sich einer raschen Konsumierbarkeit schon dadurch, dass er in zwei Teile zerfällt: In der Mitte löst Alex Ebbo als Protagonist ab. Zudem erzählt Köhler mit vielen Leerstellen, auf die sich die Zuschauer selbst einen Reim machen müssen.

Erfreulicherweise meidet Köhler Folklore-Klischees vom schönen, wilden und chaotischen Kontinent. Aber auch die Stereotypen des postkolonialistischen Diskurses werden nur angerissen, etwa als ein afrikanischer Ökonom in Paris die Entwicklungshilfe als kontraproduktiven Irrweg charakterisiert. Dafür schaut der Regisseur genau hin und kann so Zwischentöne erfassen. Bezeichnend ist die schrittweise Auflösung der geografischen Zuordnungen und emotionalen Identitäten: Während der Weiße aus Deutschland souverän mit Clan-Denken, Vetternwirtschaft und Korruption umgeht, eckt der Schwarze aus Paris auf dem Kontinent seiner Ahnen überall an.

„Schlafkrankheit" wirft viele Fragen auf, ohne simple Antworten zu liefern. So beleuchtet Köhler scheinbar beiläufig die Frage, was Jahrzehnte der Entwicklungshilfe in Afrika bewirkt haben. Dient sie nur unserer Gewissensberuhigung oder der Legitimation für Hilfsorganisationen? Können Entwurzelte noch eine Heimat finden? Und wenn ja, wo?


Reinhard Kleber

 

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