Mitglieder der Gang „Mara 18“ stehen im August 2012 wegen Mordes und Erpressung in Guatemala-Stadt vor Gericht.

Vom Töten zum Beten

Wer in Lateinamerika aus einer kriminellen Bande aussteigen will, muss um sein Leben fürchten. Außer er lässt sich von einer evangelikalen Pfingstkirche bekehren. Hier findet er auch den nötigen sozialen Rückhalt.

Roberto war 16, als er sich „den Nummern“ anschloss – diesen Namen geben sich Mitglieder der transnationalen lateinamerikanischen Bande „Mara Dieciocho“ oder „M-18“. „Sie hatten Autos, sie hatten Waffen, sie wurden ‚respektiert‘“, erinnerte sich Roberto. Und „Respekt“ war genau das, was er brauchte. Aufgewachsen in Amatitlán in Guatemala, in einem Haushalt mit wenig Geld und viel Gewalt, hegte Roberto einen tiefen Groll gegen seinen Vater und sehnte sich als junger Mann danach, seinen Mut zu beweisen. Die Schule brach er ab, nachdem ein älterer Klassenkamerad versucht hatte, ihn sexuell zu missbrauchen. Der Anschluss an die Gang eröffnete ihm die Möglichkeit, Waffen, Drogen, Kameraden und ein Gefühl der Achtung zu bekommen. Er forderte andere auf, ebenfalls mitzumachen: seine Freunde, einen Cousin, einen jüngeren Bruder. Endlich hatte Roberto das Gefühl, eine loyale Familie und eine vielversprechende Karriere zu haben.

Autor

Robert Brenneman

ist Soziologe und lehrt am Saint Michael’s College in Burlington, Vermont. Sein Buch „Homies and Hermanos: God and the Gangs in Central America“ erschien 2012 bei Oxford University Press.

Doch mit seiner „Berufserfahrung“ nahm auch die Zahl seiner Feinde zu. Bald wurde er von so vielen gesucht, dass er sich nicht länger frei in der Stadt bewegen konnte. Die Todesdrohungen häuften sich. Seine Mutter musste sogar ihre Wohnung verlassen und in eine andere Stadt ziehen, weil sie befürchtete, wegen der Aktivitäten ihres Sohnes umgebracht zu werden. Aus Angst um sein Leben zog Roberto nach Escuintla, einer Industriestadt an der Südküste. Dort lernte er seine spätere Ehefrau kennen, und er begann, in einer Textilfabrik zu arbeiten. Doch nach anderthalb Jahren hatte er noch immer ein Problem mit Drogen und in seiner Verzweiflung folgte er der Einladung eines Freundes zu einem Gottesdienst in einer Pfingstkirche. Dort begegnete er einem Pastor, der ihm sein Leben kritisch vorhielt und ihn aufforderte, die Bande zu verlassen und der Kirche beizutreten. Roberto begann, mit Hilfe der Kirche seine Gewohnheiten, seine Sprache und seinen Kleidungsstil zu ändern. Seine früheren Kameraden fielen indessen dem „Bumerangeffekt“ der Bandengewalt zum Opfer: 2007 waren nur noch vier der ursprünglich 22 Mitglieder von Robertos Clique am Leben.

„Die Bande hat dich Tag und Nacht im Auge“

Robertos Eintritt in die Gang ist keineswegs einzigartig. In Gesprächen mit 63 ehemaligen Bandenmitgliedern 2007 und 2008 in Guatemala, Honduras und El Salvador hörte ich viele erschütternde Geschichten. Sie handelten von Erfahrungen sozialer Ausgrenzung, die dazu geführt hatten, dass sie sich der Bande anschlossen und sich schließlich einem gewaltsamen Einstiegsritual, „Taufe“ genannt, unterzogen. Die Gang bot den heranwachsenden Jungen die Möglichkeit, sich wie „Männer“ zu fühlen, indem sie sich wie „Erwachsene“ die Zeit vertrieben. Sie hatten häufig Sex, betranken sich oder nahmen Drogen und trugen Waffen. Da die staatlichen Schulen unzureichend und überfüllt waren und es nur wenige Jobs gab, hatten diese schnellen Wege zum Erwachsensein einen besonderen Reiz.

Während die Banden wachsen, gehen christliche Kirchen aktiv gegen das Bandenleben und die Gewalt vor. Kleine evangelikale Pfingstkirchen in den Stadtvierteln sind besonders aktiv. Ihre Bemühungen, häufig „Wiederherstellungsdienst“ genannt, haben zum Ziel, Bandenmitglieder vor dem tödlichen Schicksal der Gang zu retten. Sie  werden gedrängt, die Bande zu verlassen, sich einer Kirche anzuschließen und den langen Prozess zu beginnen, der im Neuaufbau einer stark stigmatisierten Identität besteht.  Doch ein solcher Schritt ist nicht einfach. Aussteiger sind in der Regel nicht nur zum „Abschuss“ durch ihre ehemaligen Kameraden freigegeben. Sie sind mit einer skeptischen Gesellschaft konfrontiert, die ihnen die früheren Taten übelnimmt, und ihnen nicht traut.

Viele Bandenführer machen bei evangelikal-pfingstlerisch Bekehrten eine Ausnahme von der „Regel“, dass ehemalige Bandenmitglieder getötet werden, weil sie es gewagt haben, die Gang zu verlassen. Vera, die früher zu einer Bande in Guatemala gehörte, erklärt: „Heute besteht die einzige Möglichkeit auszusteigen darin, hundert Prozent in der Kirche mitzumachen. Aber“, setzt sie hinzu, „die Bande hat dich Tag und Nacht im Auge, um zu sehen, ob du dich tatsächlich daran hältst.“

erschienen in Ausgabe 11 / 2013: Kriminalität

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