Kinderarbeit in Bolivien
Kinderarbeit in Bolivien

Sparen für die Sportschuhe

Kinder unter 14 Jahren dürfen laut internationalen Abkommen nicht arbeiten. Trotzdem tun das viele Mädchen und Jungen – freiwillig. Sie bessern das Haushaltsgeld auf und sind trotzdem gut in der Schule. So wie der 13-jährige Luis Enrique Meneses aus Lima.

Acht Stunden lang ist Luis Enrique Meneses während der Strandsaison samstags mit seiner Eisbox in Limas Billig-mode-Meile Gamarra unterwegs. Er ist Mitglied einer Kindergewerkschaft – das hat in seiner Familie schon Tradition. Hildegard Willer
Helado, helado“ schreit Luis Enrique Meneses mit kratziger Stimme. Der 13-Jährige steckt mitten im Stimmbruch. Eiscreme bietet er an, auf den Straßen des Billigmode-Imperiums „Gamarra“ in der peruanischen Hauptstadt Lima. Ein unaufhörlicher Strom von Menschen schiebt sich durch die engen Gänge an den Kleiderständen vorbei. Immer wieder bleiben Kunden bei Luis Enrique stehen. Der holt aus der gelben Eisbox ein Hörnchen mit einer Vanilleeiskugel mit Schokohaube und wickelt die Waffel in ein Stück Toilettenpapier – als Serviettenersatz. Macht einen Sol, rund 30 Cent.

Dann nimmt Luis Enrique seinen Gang durch die Gassen wieder auf. Verkaufen heißt in Bewegung sein: Wendeltreppen hinunter und wieder hoch, die Eisbox wiegt gute fünf Kilo. Für seinen Boss, einen Eiscremehändler, bringt Luis Enrique jeden Samstag acht Stunden lang das Eis unter die Leute. 20 Soles, rund 6 Euro, bekommt er am Abend dafür. Luis Enrique Meneses ist eines von den 13 Millionen arbeitenden Kindern weltweit. Knapp neun Prozent aller Kinder in Lateinamerika und der Karibik gehören laut Internationaler Arbeitsorganisation ILO dazu.

Von Ausbeutung will Luis Enrique nichts hören. Er ist in der Bewegung arbeitender Kinder und Jugendlicher NATs (Niños, Niñas y Adolescentes Trabajadores) organisiert. Die meisten Mädchen und Jungen, die einem Job nachgehen, arbeiten zwar auf der Straße. Aber sie leben nicht dort. Mit ihrem Verdienst tragen sie zum Familieneinkommen bei. Und darauf sind sie stolz. Auch Luis Enrique Meneses kommt aus einer armen, aber intakten Familie. Seine Mutter Eva ist 35 Jahre alt. „Ich habe als Kind selbst gearbeitet“, erzählt sie, während sie für ihre drei Kinder Frühstücksbrote streicht und Tee kocht. Wochentags hat sie als Kind Süßigkeiten auf der Straße verkauft und am Wochenende einer Straßenköchin geholfen. Ihr Mann José Meneses schuftete bereits als Kind in einer Kiesgrube und stellte Lehmziegel her. Heute ist er als Maurer tageweise auf Baustellen beschäftigt.

Das Haus der Familie, eng an den Hang gebaut im Stadtteil El Agustino, könnte eine Renovierung vertragen. Die Mauern sind unverputzt, die Leiter zum oberen Stockwerk sieht wacklig aus. Der neue Kühlschrank prangt in der Küche neben einer einfachen Anrichte und mehreren Plastiktüten an der Wand, die als Schrank­ersatz dienen. Für Luis Enriques Eltern ist es normal, dass Kinder mitverdienen. „Ohne unser Geld hätte unsere Familie nichts zu essen gehabt oder wir hätten nicht in die Schule gehen können“, erinnert sich Eva an die eigene Kindheit. Das ist bei ihren Kindern anders: Luis Enrique spart mit seinem Zuverdienst auf ein Paar Markenturnschuhe. „Und er bezahlt auch einen Teil seiner Schulbücher selbst“, erzählt seine Mutter. 

Organisiert in der Kindergewerkschaft

Auch Eva Meneses gehörte wie ihr Sohn der Kindergewerkschaft an. Vor 37 Jahren wurde die Bewegung arbeitender Kinder und Jugendlicher im Umkreis der befreiungstheologisch inspirierten katholischen Arbeiterjugend und unter der Ägide des ehemaligen Salesianerpaters Alejandro Cussianovich gegründet. Von Anfang an galten die Kinder und Jugendlichen als Hauptverantwortliche, die Erwachsenen sind Mitarbeiter. Heute vereinigt die südamerikanische Dachorganisation MOLACNATs (Movimiento Latinoamericano y del Caribe de Ninhos y  Adolescentes Trabajadores) mehrere Tausend arbeitende Kinder und Jugendliche in Peru, Bolivien, Paraguay, Venezuela, Kolumbien und – in kleinerer Zahl – auch in Afrika und Asien.

„Manthoc“ war die erste Kindergewerkschaft, die in Peru gegründet wurde. „Hier lerne ich, mich zu organisieren“, begründet Luis Enrique seine Mitgliedschaft. Jeden Samstagvormittag trifft sich seine Basisgruppe von El Agustino im Erdgeschoss eines Gemeindehauses – heute allerdings ohne ihn. Die Strandsaison in Gamarra hat begonnen und er muss Eis verkaufen. Ein paar Bänke und Tische, an den Wänden hängen selbstgeschriebene Plakate: Eines zeigt verschiedene Arten von Kindesmisshandlung und wie Kinder sich dagegen wehren können.

erschienen in Ausgabe 2 / 2014: Neue Helden der Arbeit

Neuen Kommentar schreiben