Kochen ohne Qualm

Sparsame Herde und kleine Biogasanlagen – für die Energieversorgung in armen Ländern spielen angepasste Technologien eine große Rolle. Trotzdem setzen sie sich nur langsam durch.

Adelard Ndibalema fährt jeden Morgen an sechs Tagen der Woche von seinem Heimatdorf Ihanda wenige Kilometer zu seinem Arbeitsplatz. Sein Weg führt durch die hügelige Kagera-Region im Nordwesten Tansanias. Die meisten Bäume wurden hier in den vergangenen Jahrzehnten abgeholzt  – die Dorfbewohner brauchen Brennholz zum Kochen. Die Folgen: Der Boden erodiert und kann kaum noch Wasser speichern, die Äcker vertrocknen und die Bauern können weniger ernten.

Ndibalema und seine Mitstreiter von der nichtstaatlichen Organisation CHEMA (Community Habitat Environmental Management) wollen dagegen etwas tun. „In den 1990er Jahren haben wir Bäume gepflanzt, damit sich die Böden erholen können“, erzählt er. Die seien jedoch wieder gefällt worden. Ein anderer Ansatz musste gefunden werden. „Und so kamen wir auf Kochherde, die weniger Holz verbrauchen, und Mikrovergaser, die mit anderer Biomasse befeuert werden.“ In der Werkstatt von CHEMA stellt er nun aus Lehm und Ziegeln den sogenannten CHEMA-Rocket-Stove her.

Der hat eine Reihe von Vorzügen: Bei einem offenen Feuer weicht die Hitze überall hin ab. Im Rocket-Stove wird sie durch den Luftstrom und die Isolierung mit Asche und Ziegeln direkt unter den Kochtopf geleitet. Man braucht nur die Hälfte an Brennholz und der Ofen bleibt drei bis fünf Stunden gleichmäßig heiß. Lange genug, um eine traditionelle Mahlzeit zu kochen. Die kontrollierte Luftzufuhr führt außerdem dazu, dass sich die brennbaren Gase besser mit der Luft mischen. Es entsteht weniger Rauch.

Bei den Mikrovergasern wird der Prozess der Pyrolyse genutzt: Sie werden mit Sägespänen oder Erdnussschalen gefüllt und oben angezündet. Die Glut frisst sich unter weitgehender Abwesenheit von Sauerstoff nach unten durch, die erhitzte Biomasse bildet brennbare Gase. Sie steigen nach oben und werden unter dem Kochtopf mit Luft durchmischt verbrannt. Im Herd zurück bleiben die verkohlten Reste, die wie Holzkohle nochmals als Brennstoff oder Kompostzusatz genutzt werden können.

Die Kochherde und Mikrovergaser sind Beispiele für angepasste Technologien. Diese bieten Menschen in nicht-industrialisierten Ländern Alternativen für die Gewinnung von Energie, wenn es keinen Anschluss etwa an ein Stromnetz gibt. Sie berücksichtigen die materiellen und kulturellen Umstände vor Ort sowie die Bedürfnisse und Gewohnheiten der Menschen, die sie nutzen sollen.

Autorin

Julia Schell

ist freie Multimedia-Journalistin und arbeitet zu den Themen Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit sowie Kunst und Kultur.
Wie bei CHEMA werden in vielen anderen Orten Tansanias Kochherde in kleinen Betrieben hergestellt. Das schafft Arbeitsplätze und erleichtert den Alltag von Mädchen und Frauen, die das Brennholz sammeln müssen. Die sparsamen Herde schenken ihnen Zeit, in der sie einer Erwerbsarbeit nachgehen, lernen oder sich eine Pause gönnen können. Die effizientere Verbrennung verbessert zudem die Luft beim Kochen und reduziert den Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase. Da die Öfen aus günstigen Materialien wie Lehm und Ziegeln oder dünnen Metallblättern gebaut werden, können sich auch arme Familien einen leisten.

Von einer angepassten Technologie kann aber erst die Rede sein, wenn die Nutzerinnen und Nutzer gut darüber Bescheid wissen. Organisationen wie CHEMA beziehen deshalb die örtlichen Gemeinden in Entscheidungen bei Forschung und Entwicklung ein und vermitteln das nötige Know-how in Workshops. Die lokalen Initiativen kooperieren mit tansanischen Universitäten und sind meist auch in nationale sowie internationale Forschungs- und Entwicklungsnetzwerke eingebunden.

Neben der Zusammenarbeit mit anderen Entwicklungsorganisationen ist CHEMA auch Teil des Sustainet (Sustainable Agriculture Information Network) und wird bei den Mikrovergasern von Freiwilligen der Ingenieure ohne Grenzen unterstützt.

erschienen in Ausgabe 7 / 2014: Lobbyarbeit: Für den Nächsten und sich selbst

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