Ebola

Pressekonferenz zur Band-Aid-30-Kampagne mit Bob Geldof (zweiter von rechts) in Berlin.

Ebola

Krankheit der Armen

Die Bundesregierung hat ihr Versprechen gebrochen. Sie wollte die ärmsten Länder der Welt stärker unterstützen. Die Ebola-Krise in Westafrika wäre nicht so fatal, wenn sie das getan hätte. Das behauptete Rockstar und Aktivist Bob Geldof, der mit seinem Musikprojekt Band Aid 30 einen neuen Spendenrekord aufgestellt hat. Stimmt das?

Wäre Ebola eine Krankheit der Reichen, hätte die Pharmaindustrie schon vor Jahrzehnten ein Gegenmittel entwickelt. Die Einzelfälle in Dallas, Madrid oder London konnten schnell eingedämmt werden. Andere afrikanische Länder wie Nigeria und Uganda bekamen die Krankheit ebenfalls in den Griff. In Sierra Leone, Liberia und Guinea allerdings weitete sie sich zur Epidemie aus. Im Gegensatz zu Nigeria und Uganda haben diese Länder kein stabiles Gesundheitssystem. Ebola ist eine Krankheit der Armen.

Band Aid verfolgt zwei Ziele. Das erste ist es, Geld zu sammeln und dorthin spenden, wo Bedarf herrscht. Aber: Geldof und seine Kollegen wissen, dass sogar mit dem Spendenrekord nur ein Bruchteil dessen zusammengekommen ist, was gebraucht wird. Der Großteil dieses Geldes muss von den Regierungen weltweit kommen. Das ist das zweite Ziel: Band Aid ist medientauglich und steht im Rampenlicht – gleichzeitig mit den Politikern, die ihren Hilfseinsatz versäumt haben. Je mehr Aufnahmen Band Aid verkauft, desto mehr Druck wird auf diese Politiker ausgeübt. Und umso ernster werden sie den Kampf gegen Ebola nehmen. Das Rockkonzert Live8 hat schon im Jahr 2005 gezeigt: Je lauter die Menge brüllt, desto stärker zittern die Politiker.

Politische Versprechen wurden nicht erfüllt

Das ist der Grund, warum Geldof Band Aid 30 in Deutschland und Frankreich neu aufgelegt hat. Er findet, die Regierungen der beiden europäischen Großmächte zeigen zu wenig Einsatz bei der Ebola-Epidemie. Das war auf dem G8-Gipfel in Gleneagles 2005 anders. Hier brachten die beiden Länder wichtige Entscheidungen voran. Mehr Entwicklungshilfe, Schuldenerlass,  Ausbau guter Regierungsführung in Afrika und vieles mehr. Einige politische Versprechen wurden eingehalten. Aber nicht alle.

Die Gesundheitssysteme in Liberia, Guinea und Sierra Leone sollten ausgebaut werden. Das ist nicht passiert. In dem Sektor stehen pro Jahr und Kopf nur 20 Dollar zur Verfügung. In Liberia und Sierra Leone gibt es insgesamt 187 Ärzte und 2000 Krankenschwestern – auf 10 Millionen Einwohner. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) sollten auf 10.000 Menschen mindestens 23 Mediziner kommen. In Ebola-Ländern sind es drei. Das sind die Gründe, warum die Infektionskrankheit sich zur tödlichen Seuche entwickeln konnte.

Die betroffenen Länder stehen ganz unten auf dem Index der Vereinten Nationen für menschliche Entwicklung (HDI). Rund 60 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze. Viele Menschen sind unterernährt und gehören zu besonders verletzlichen Gruppen. Sogar in guten Zeiten sind die Gesundheitssysteme überlastet. Sie können eine Epidemie dieser Größenordnung kaum bewältigen. 

Die Gesundheitssysteme in Westafrika brechen zusammen

Deshalb ist Ebola mehr als eine tödliche Krankheit. Sanitäter berichten aus Ebola-Ländern über einen Anstieg von Masern und Lungenentzündungen, zwei der häufigsten Todesursachen in Afrika. Impfsysteme brechen zusammen. Immer mehr Mütter sterben bei der Geburt, weil die Kliniken mit Ebola beschäftigt sind. Die Unterernährung bei Kindern nimmt zu. All das droht den Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte zunichte zu machen.

„Hätten die Regierungen ihre Versprechen von 2005 eingehalten, wären auch die Gesundheitssysteme besser und Ebola könnte wie in Nigeria und Uganda eingedämmt werden“, sagte Adrian Lovett, ein führender Aktivist der internationalen Lobby- und Kampagnenorganisation One. „Geldof holt diese gebrochenen Versprechen zurück auf die Agenda.“

In Deutschland löste Geldof eine große Debatte aus: Er hatte öffentlich Bundeskanzlerin Angela Merkel kritisiert und der Regierung vorgeworfen, die Armen wiederholt im Stich zu lassen. Er verstehe nicht, wieso Deutschland mehr Geld für ein einziges WM-Stadion ausgebe als im Kampf gegen Ebola.  In Großbritannien wiederum bemängelten Kritiker den Text von Band Aid 30: Er verstärke koloniale Stereotype, genau wie das Original. Den Charity-Song „Do They Know It’s Christmas“ brachte Geldof 1984 heraus, um Geld für die Opfer der Hungersnot in Äthiopien zu sammeln.

Beim Kampf gegen Ebola schlägt Senegal Deutschland

Kritiker von Auslandshilfe wiederholen oft veraltete Klischees von Verschwendung, Korruption und afrikanischen Diktatoren, die während des Kalten Krieges eingesetzt und jetzt von einer neuen Generation abgelöst werden. Die Wahrheit ist: Alle wichtigen Studien beweisen das Gegenteil. Auslandshilfe rettet Leben, verringert Armut, erhöht ausländische Investitionen und fördert das Wirtschaftswachstum. Es gibt immer Fälle, in denen das anders ist. Aber das sind die Ausnahmen. Meistens wollen die Spötter mit ihrem moralischen Unterton nur die eigene Untätigkeit verteidigen.

Bob Geldof hat vielleicht Recht, wenn er reichen Ländern Selbstzufriedenheit vorwirft. Die Website der Organisation ONE hat sechs Millionen Mitglieder. Sie verfügt über einen Ebola-Reaktions-Tracker, der auswertet, wie viel jedes Land im Verhältnis zu seinem nationalen Einkommen im Kampf gegen Ebola ausgeben will. Deutschland steht auf Platz sieben, Frankreich auf Platz acht. Und der Senegal auf Platz vier.

„Egal ob Zufall oder nicht“, sagte Geldof, „als Band Aid 30 auf Platz Eins landete, warf die Bundesregierung plötzlich 44 Millionen Euro zusätzlich in die Ebola-Kasse.“ Bei Band Aid 30 geht es nicht nur ums Geldsammeln. Die wirkliche Mission ist es, den Politikern ein wenig Feuer unterm Hintern zu machen.
 

erschienen in Ausgabe 2 / 2015: Wohnen: Alle ab ins Hochhaus?

Neuen Kommentar schreiben