Das Jahr der Frauen

20 Jahre nach Peking braucht der Kampf um Gleichberechtigung einen neuen Schub.

Die Aufbruchsstimmung und die Hoffnungen waren groß: Die Weltfrauenkonferenz in Peking gilt als Meilenstein im Kampf für die Frauenrechte. 189 Staaten verständigten sich dort im September 1995 auf eine sogenannte Aktionsplattform. Darin verpflichten sie sich, die Gleichstellung der Geschlechter in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu fördern, die Rechte der Frauen zu schützen, ihren Zugang zu Gesundheitsversorgung und Bildung zu gewährleisten und Gewalt gegen Frauen als Menschenrechtsverletzung zu verfolgen. Und sie vereinbarten konkrete Schritte, um all das zu verwirklichen. Über die Fortschritte wacht eine Kommission der Vereinten Nationen (Commission on the Status of Women – CSW).

Es folgten die Mühen der Ebene. Zwar sind zweifellos Erfolge zu verzeichnen, auch dank der UN-Entwicklungsziele: Die Müttersterblichkeit ist in den vergangenen Jahren gesunken, die Zahl der Mädchen, die eine Grundschule besuchen, hat sich erhöht ebenso wie die der weiblichen Abgeordneten. Trotzdem gibt der 20. „Geburtstag“ der Weltfrauenkonferenz wenig Anlass zum Feiern. Die Direktorin der UN-Frauenorganisation, Phumzile Mlambo-Ngcuka, findet deutliche Worte: „Die Fortschritte, die wir gemacht haben, waren langsam, ungleich verteilt, lückenhaft und wenig stabil“, sagte sie bei den diesjährigen Beratungen der CSW Ende März in New York. „Vieles von dem, was wir erreicht haben, ist wieder bedroht.“

So ist laut der Weltgesundheitsorganisation WHO jede dritte Frau weltweit ein Opfer häuslicher Gewalt, täglich müssen Zehntausende Mädchen gegen ihren Willen heiraten und bringen – selbst noch nicht erwachsen – Kinder zur Welt. Frauen sind noch immer unterrepräsentiert in Parlamenten, an der Spitze von Staaten und auf den Chefsesseln von Unternehmen. Sie verdienen im Durchschnitt weniger als Männer und sie tragen die Hauptlast im Haushalt, bei der Kindererziehung und der Pflege von Angehörigen. Solche Ungleichheiten werden laut einer aktuellen Studie des World Policy Analysis Center in Los Angeles durch Gesetze noch gefestigt: Fast alle der 197 untersuchten Länder bieten Frauen die Möglichkeit, einen bezahlten Erziehungsurlaub zu nehmen – Männer bekommen nur in knapp der Hälfte der Staaten diese Chance. Lediglich jede fünfte Verfassung garantiert das Recht auf gleichen Lohn bei gleicher Arbeit sowie den Schutz von Frauen vor Diskriminierungen im Beruf.

Anstatt Gleichberechtigung zu fordern, besser das Patriachat abbauen

Hartnäckig hält sich außerdem die weitverbreitete Überzeugung, dass Frauen weniger wert sind als Männer. Phumzile Mlambo-Ngcuka schlägt deshalb vor, das unter den derzeit diskutierten Nachhaltigkeitszielen (SDG) an fünfter Stelle gelistete Ziel „Gleichstellung der Geschlechter und Stärkung von Mädchen und Frauen“ in „Abbau des Patriarchats“ umzubenennen. Um klarer zu machen, um was es eigentlich geht. So weit wird es natürlich nicht kommen – mit messbaren Indikatoren unterlegen könnte man dieses Anliegen sowieso nicht. Aber man kann an den Voraussetzungen dafür arbeiten. Das Entwicklungsjahr 2015 bietet eine gute Gelegenheit, Gendergerechtigkeit in Beschlüssen zur Entwicklungsfinanzierung und in den Vereinbarungen für eine nachhaltige soziale und ökologische Entwicklung zu verankern. So kann dafür gesorgt werden, dass Frauen besser ausgebildet werden, wirtschaftlich auf eigenen Füßen stehen, ihre Rechte einklagen und selbst entscheiden können, wann und wie viele Kinder sie bekommen. Die Vereinten Nationen haben dafür mit ihrer neuen Kampagne „Planet 50-50 by 2030: Step it up for Gender Equality“ ein erstes Signal gesetzt. Einflussreiche Frauen und Männer aus Politik, Kultur und Geschäftswelt machen sich dafür stark.

Doch die Wirkung globaler Abkommen auf die soziale Stellung von Frauen ist begrenzt. Es ist vor allem an den nationalen Regierungen und an der Zivilgesellschaft, Frauen wie Männern, tiefverwurzelte Diskriminierungen abzubauen und die Gleichberechtigung voranzubringen. Geduldig, hartnäckig, zäh und ohne Furcht vor Beschimpfungen und Rückschlägen. So ist es etwa gelungen, durchzusetzen, dass börsennotierte Unternehmen in Deutschland künftig ihre Vorstände zu einem Drittel mit Frauen besetzen müssen. Darüber hinaus will die Bundesregierung ihre Präsidentschaft bei den sieben wichtigsten Industrienationen (G7) dafür nutzen, Frauen in Entwicklungsländern wirtschaftlich zu stärken. Sie sollen bessere Chancen auf berufliche Bildung, Beschäftigung und Selbstständigkeit haben. Natürlich steht all das erst einmal nur auf dem Papier. Doch es zeigt, dass sich etwas bewegen kann. Wir brauchen noch viel mehr solcher Initiativen – damit 2015 das Jahr der Frauen wird.

erschienen in Ausgabe 4 / 2015: Unternehmen: Fair bringt mehr

Neuen Kommentar schreiben